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Südheide Terrorzelle hatte Verbindung nach Hetendorf
Celler Land Südheide Terrorzelle hatte Verbindung nach Hetendorf
15:27 07.02.2012
Hetendorf

Danach wurde Zschäpe, die 1997 in der Schomerusstraße in Jena gemeldet war, bei der Anfahrt in Hetendorf von der Polizei kontrolliert. Ihre Personalien wurden überprüft. Die damals 22-Jährige war zur beobachtenden Fahndung ausgeschrieben, danach wurde bei Kontrollen festgehalten, wann sie wo mit wem zusammen angetroffen wurde. Zschäpe galt bereits damals als Mitglied in einer kriminellen Vereinigung.

Seit Mitte der 90er Jahre waren Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Zschäpe in Jena befreundet. Sie gehörten zur Kameradschaft Jena, bei der André Kapke als Führer galt. Das Trio suchte zudem die Stammtische des Thüringer Heimatschutzes auf. Ende Dezember 1996/Anfang Januar 1997 tauchten in Jena mehrere Briefbombenattrappen auf. Der Verdacht fiel auf das Trio der Kameradschaft Jena, doch es fehlte an Beweisen. Nach Informationen des Nachrichtenmagazins Spiegel wurde das Verfahren am 18. Juni 1997 eingestellt.

Da dürfte das Trio gerade in Hetendorf geweilt haben. Auch wenn der Informant nicht angeben kann, dass Mundlos und Böhnhardt mit in die Südheide gereist waren, spricht viel dafür. Denn der „Führer“ der Kameradschaft Jena, André Kapke, war im Juni 1997 nachweislich in Hetendorf.

Seit 1991 hatten jährlich Tagungswochen auf dem Grundstück des Vereins „Heide-Heim“, Hetendorf Nr. 13, stattgefunden. Trägervereine des „Heide-Heim“ waren die Vereine „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“ (GfbAEV), „Nordischer Ring“ (NR) und die „Artgemeinschaft - Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung“. Leiter der Artgemeinschaft ebenso wie der GfbAEV war Rieger.

1979 hatte der Hamburger Verein „Freundeskreis Filmkunst“ die ehemaligen Lobetal-Gebäude in Hetendorf vom Bundesvermögensamt erworben, Anfang der 1990er Jahre gingen sie an den Verein „Heide-Heim“ über, der 1984 gegründet worden war. Seit diesem Jahr war Hetendorf Treffpunkt und Aufmarschgebiet von Rechtsextremisten. Die letzte größere Aktion fand dort am 20. Dezember 1997 statt, eine Wintersonnwendfeier mit rund 100 Teilnehmern.

Am 11. Februar 1998 wurde der Verein „Heide-Heim“ vom niedersächsischen Innenminister verboten, das Vereinsvermögen beschlagnahmt. Damit war der wichtigste Treffpunkt von Rechtsradikalen, nicht nur aus Norddeutschland, geschlossen. Kurz zuvor war in Jena das Terror-Trio untergetaucht. In einer von Zschäpe angemieteten Garage hatte die Polizei eine Bombenwerkstatt gefunden. Am 28. Januar 1998 wurde Haftbefehl gegen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe erlassen. Sie tauchten erst im November 2011 unter dem Begriff „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) wieder auf: Nach einem Banküberfall in Eisenach nahmen sich Mundlos und Böhnhardt in einem Wohnmobil das Leben, Zschäpe stellte sich am 8. November 2011 der Polizei.

“Heute einflussreiche Neonazis wie Thomas Wulff oder Thorsten Heise gingen durch die braune Schule, sie beteiligten sich an den Tagungswochen in Hetendorf Nr. 13 von Jürgen Rieger“, schrieb die Journalistin Andrea Röpke in dem 2009 erschienenen Buch „Strategien der extremen Rechten“. Das scheint auch für das Terrortrio Mundlos, Bönhardt und Zschäpe zu gelten.

Von Joachim Gries