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Wietze Betreute stehen auf eigenen Füßen
Celler Land Wietze Betreute stehen auf eigenen Füßen
17:59 10.06.2012
Fachbereichsleiterin Ute Kuklau und Diakonie-Kunde Stefan Goluch spielen am brandneuen Kickertisch im Gemeinschaftszimmer ein Match aus. Quelle: Ralf Neite
Wietze

Die Diakonie Himmelsthür geht in Wietze einen

neuen Weg. Sie hat im Ortskern Wohnungen angemietet, in denen Betreute in den eigenen vier Wänden wohnen und ihr Alltags-Leben selber organisieren können.

WIETZE. „Meine Nachbarn und ich wollen für das Treppenhaus einen Putzplan erstellen“, erzählt Stefan Goluch aufgeregt. „Aber die ersten ein, zwei Male müssen die Nachbarn uns noch ein bisschen helfen.“ Für Goluch und seine beiden Mitbewohner, die Anfang Mai eine Wohnung im Wietzer Ortszentrum bezogen haben, ist das alles Neuland. Zum ersten Mal leben die drei Männer in einer eigenen Wohnung.

Die Wohngemeinschaft an der Nienburger Straße ist Zeichen eines grundlegenden Wandels bei der Eingliederung von Menschen mit Behinderungen. Die großen, oft außerhalb der Zentren liegenden Einrichtungen werden zurückgebaut, dafür entstehen kleinere, ortsnahe Wohnangebote. Ziel ist die selbstverständliche Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Mitten drin statt außen vor: Inklusion heißt der Fachbegriff. Bei diesem Prozess spielt die Diakonie Himmelsthür in Niedersachsen eine Vorreiterrolle. Sie hat in Wietze drei Wohnungen angemietet.

Bisher lebten alle 79 Betreuten der Diakonie Himmelsthür in einem Wohnkomplex an der Schachtstraße. Die Häuser sind idyllisch im Wald gelegen und verfügen über großzügige Außenanlagen. Doch der Weg ins Zentrum sei gut anderthalb Kilometer lang, so Wohnbereichsleiterin Ute Kuklau – zu weit für viele der Bewohner, die neben geistigen zum Teil auch körperliche Behinderungen haben.

Deshalb führte die Diakonie Himmelsthür unter einem Teil der Bewohner vor einem Jahr eine Zukunftsbefragung durch: Wo, wie und mit wem würden sie am liebsten wohnen? Dabei stellte sich heraus, dass sechs Bewohner sich eigene, zentral gelegene Wohnungen wünschten, zugleich aber eine enge Anbindung an ihr gewohntes Umfeld behalten wollten.

Für den Umzug musste erst einmal trainiert werden. Bisher war alles organisiert; das Essen kam aus der Küche im Haupthaus, die Gemeinschaftswäscherei Himmelsthür reinigte die Kleidung, auch um die Reinigung der Zimmer mussten sich die Bewohner nicht selbst kümmern. Nach und nach lernten sie, selbst die Verantwortung für all diese Dinge zu übernehmen. Denn in den neuen Wohnungen werden sie zwar weiterhin von Mitarbeitern der Diakonie Himmelsthür unterstützt, ihren Alltag müssen sie jedoch selbst in den Griff bekommen.

„In der ersten Zeit war ich ganz schön hibbelig, als wir das hier alles aufgebaut haben“, sagt Goluch, während er sich in seinem Zimmer umschaut. Die neue Situation habe nicht nur Vorteile, berichtet er: „Es fehlen mir ein paar Betreuer zum Quatschen.“ Dafür hat der 43-Jährige es jetzt viel leichter, andere Kontakte aufzubauen. Er ist viel in Wietze unterwegs, wenn er und seine Mitbewohner nachmittags von der Arbeit in Lebenshilfe-Werkstätten in Celle und Bergen nach Hause kommen.

Für die Diakonie Himmelsthür stehe fest, dass die drei Außenwohnungen erst der Anfang sind, kündigt Kuklau an. Trotz des erhöhten Betreuungsaufwands sollen ortsnahe Angebote auch für Menschen mit höherem Assistenzbedarf geschaffen werden.

Von Joachim Gries