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Wietze Notfallkonzert am letzten Weg hunderttausender Hühner in Wietze
Celler Land Wietze Notfallkonzert am letzten Weg hunderttausender Hühner in Wietze
10:26 08.07.2014
Vier Musiker des hannoverschen Orchesters im Treppenhaus spielten beim Notfallkonzert am Wietzer Hühnergroßschlachthaus ein Stück - des jungen - Komponisten Benjamin Scheuer. Quelle: Benjamin Westhoff
Wietze

Mit Musikstücken, die der junge Komponist Benjamin Scheuer komponiert hat, soll auf Missstände aufmerksam gemacht werden: Auf die schlechte Luft nahe der hannoverschen Stadtautobahn, auf die problematische Situation von Flüchtlingen und, darum soll es hier gehen, auf das Geschehen im Hühnergroßschlachthaus in Wietze.

Mehrere zehntausend Hühner werden hier täglich geschlachtet, weshalb eine Bürgerinitiative mit ihren Sympathisanten und Unterstützern regelmäßig eine Mahnwache an der Stelle abhält, wo alle Hühner auf ihrem letzten Weg vorbei kommen, nämlich am Wietzer Kreisel am westlichen Ortseingang. Genau dort fand nun das Notfallkonzert statt, zu dem vier Musiker des Orchesters mit einem Auto des Arbeiter-Samariterbundes angereist kamen, kurz ihre Sachen auspackten, ihre eindrücklichen Klänge spielten und wieder verschwanden.

Ein wenig gespenstisch war das Ganze alleine schon wegen der Kürze der Performance. Kaum hatte man die Ohren gespitzt, schon war es vorbei. Aber genau das schien auch passend, denn die Klänge Scheuers hallten innerlich nach, genauso wie die Beklemmung, den dieser Veranstaltungsort ausstrahlt.

Scheuer hat ein auf wenige Minuten konzentriertes Requiem für hunderttausende Hühner geschrieben, die an dieser Stelle dem Wahn des Billigfleischessens geopfert werden. Kurze Motive hat Scheuer geschrieben, Motive, die offensichtlich das kurze Leben einzelner Hühner charakterisieren sollen. Sie scheinen anfangs sehr ähnlich, so wie Hühner sich auch ähnlich sind, aber je länger die Musiker diese Phrasen spielen, desto mehr differenzieren sich die Motive aus. Auch Tiere sind eben nicht alle gleich, sie haben ein individuelles Leben, das es zu achten gilt. Das scheint uns der Komponist sagen zu wollen.

Scheuer gelingt eine politische Musik, die den Zuhörer direkt anspricht. Am Freitag- und Samstagabend können die einzelnen Werke der Notfallkonzerte alle zusammen im Sprengelmuseum erlebt werden.

Von Reinald Hanke