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Wietze Rothkötter, wir kommen
Celler Land Wietze Rothkötter, wir kommen
18:27 01.09.2013
Von Simon Ziegler
Demo in Wietze Quelle: Anne Friesenborg
Wietze

Sie kommen aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Ostdeutschland. Auch aus dem Süden sind Demonstranten nach Wietze gereist. Ihre Motive sind unterschiedlich. „Ich bin hier, weil ich gegen Massentierhaltung bin“, sagt Erich Zühlke aus Alt Tellin in Mecklenburg-Vorpommern. In seinem Ort kämpfe man „gegen eine Sauenanlage“. Marina Günther aus Bremen, die eine Hahnenkamm-Mütze auf dem Kopf trägt, verspricht sich vom Protest, dass mehr Menschen über Schlachthöfe nachdenken. „Ich möchte nicht mit meinem Geld unterstützen, dass die Tiere so gehalten werden“, sagt sie.

Aus Springe kommt Birgit Merkert. Dort sei im Jahr 2010 bekannt geworden, dass ein Landwirt zwei Ställe für jeweils knapp 40.000 Hähnchen bauen wollte. Eine Bürgerinitiative wurde gegründet, das Vorhaben sei gestoppt worden, berichtet die Frau. Jetzt will sie andere in ihrem Protest unterstützen.

Auf dem Wietzer Droschkenplatz sammeln sich die Demonstranten. Es gibt Grillwurst aus tiergerechter Haltung, Redner rufen zu gewaltlosem Protest auf. Doch das ist kaum nötig. Die Demonstranten sind aus der Mitte der Gesellschaft. Junge und Alte. Mitglieder von Bürgerinitiativen, Leute aus der Umweltbewegung, Tierschützer. Sie haben zahlreiche Transparente mit Schriftzügen wie „Vielfalt statt Einfalt“, „Massentierhaltung abschaffen“ oder „Keine Sau will Massentierhaltung, aber jeder Affe will billiges Fleisch“ dabei.

Auf der Bühne hat Uschi Helmers das Wort ergriffen. Die Vorsitzende der BI Wietze liefert Zahlen. „430.000 Hühner sollen hier geschlachtet werden – jeden Tag. Jeder einzelne hat die Wahl, täglich an der Kasse oder an der Wahlurne“, ruft sie und wird immer wieder von Sprechchören „Wir haben es satt“ unterbrochen. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. „Rothkötter, wir kommen. Los gehts“, schreit ein Sprecher des Aktionsbündnisses ins Mikrofon.

Eine so große Demonstration hat Wietze noch nie gesehen. 7000 Menschen marschieren über die Bundesstraße Richtung Schlachthof, behaupten die Veranstalter später. Die Zahl der Polizei unterscheidet sich kaum. 6500 Teilnehmer, sagt Polizeisprecher Guido Koch. Angeführt wird der Protestzug von Traktoren und einem riesigen Huhn aus Stoff und Draht. Die Menschen trommeln, pfeifen und skandieren „Wir sind hier, wir sind laut, weil Ihr Tierfabriken baut“.

Das Spektakel auf der Bundesstraße gucken sich etliche Wietzer an. „Ich habe nichts gegen den Schlachthof. Er ist wichtig für Wietze, Rothkötter hat viele Arbeitsplätze geschaffen. Trotzdem ist die Demonstration okay. Die Leute sollen ihre Meinung äußern“, sagt Anette Häring. Von der Fabrik nicht überzeugt ist Gudrun Eichler. „Ich esse fast kein Fleisch und bin gegen den Schlachthof“, bezieht sie Position und schließt sich dem Zug an. An anderen Gesichtern ist hingegen abzulesen, dass einige Wietzer Bürger kein Verständnis für den bunten Protest haben.

Am Schlachthofzaun bringen Demonstranten Transparente an. „Hier Huhn sein nein Danke“ ist zu lesen. Der Strom teilt sich. Ein Teil nimmt den weiten Weg um das Fabrikgelände auf sich, um den Schlachthof von hinten zu umzingeln. Dort arbeitet an diesem Sonnabend offenbar niemand. Der Geflügelshop ist geschlossen, es stehen kaum Autos auf dem Parkplatz.

Vor dem Haupteingang hat die Polizei den Zugang versperrt. Wohl aus Furcht, das Gelände könne womöglich gestürmt werden, war bereits im Vorfeld verabredet worden, dass lediglich namentlich bekannte Mitglieder der BI Wietze für ein paar Minuten den Bereich betreten dürfen. Symbolisch wird die Menschenkette geschlossen. An diesem Tag fühlen sich die Demonstranten als Sieger.