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Wietze Trotz starker Proteste im Ausschuss:
Celler Land Wietze Trotz starker Proteste im Ausschuss:
17:31 17.02.2010
Von Simon Ziegler
Gäste-Demonstranten wohin das Auge blickt. - Eine Celler Sprecherin hat das Gigaphon-Wort. - Plakatierte Kritik auch am Schweigen der Kirche. - Ab 18.30 Uhr sperrte die Polizei die Schulstraße für dem Kfz-Verkehr. Quelle: Gert Neumann
Wietze

Willi Runne aus Schwarmstedt erntete in der Fragestunde wohl den größten Applaus. „Was tun Sie uns an?“, fragte er die Mitglieder des Infrastrukturausschusses. „Sie können entscheiden, ob Mastställe kommen oder nicht. Wir müssen aufstehen, sonst gucken wir morgens aus dem Fenster und sehen nur noch Mastställe“, appellierte der Mann aus Schwarmstedt an die Wietzer Kommunalpolitiker, ihre Haltung zum Schlachthof zu überdenken.

Genau 51 Minuten dauerte allein die Fragestunde. Sie hätte wohl noch viel länger gedauert, hätte der Ausschuss-Vorsitzende Dietrich Ziemke sie nicht um 19.51 Uhr für beendet erklärt. In diesen 51 Minuten mussten sich die Befürworter des Großprojektes Einiges anhören. Uschi Helmers vom Vorstand der Bürgerinitiative kritisierte, dass der Rat schon einen Tag nach der Besichtigung des Rothkötter-Konzerns einen Pro-Schlachthof-Beschluss gefasst hatte. „Wir fühlen uns verdummt und vorgeführt“, sagte Helmers mit Blick auf die falschen Zahlen, die über Monate in Wietze bezüglich der Schlachtkapazität kursierten. Andere Bürger, die unter anderem aus Lachendorf, Celle, Winsen und Hambühren nach Wietze gekommen waren, stellten kritische Fragen zu Massentierhaltung, zum Zwischenkredit der Gemeinde oder zum Wasserverbrauch des Unternehmens.

Im Anschluss an die turbulente Auftaktrunde scheiterte Claus Friedrich Schrader damit, die Bauleitplanung von der Tagesordnung abzusetzen. Für eine Bewertung der ökologischen Folgen sei nicht genügend Zahlenmaterial vorhanden, argumentierte der Grünen-Politiker. Dem schloss sich aber keiner der Ausschuss-Mitglieder an.

Die Ausschuss-Mehrheit folgte stattdessen den Beschlussvorlagen der Gemeindeverwaltung. Alle vier Abstimmungsvorgänge zur Bauleitplanung endeten mit dem gleichen Ergebnis. Die acht CDU- und SPD-Mitglieder stimmten dafür, Schrader dagegen.

Sollte der Gemeinderat diesen Empfehlungen folgen, wovon angesichts des eindeutigen Votums wohl ausgegangen werden kann, werden die Planentwürfe öffentlich ausgelegt. Das bedeutet, dass Anregungen und Bedenken geäußert werden können. Anschließend wird der Planentwurf angepasst und steht erneut zur Abstimmung im Rat.

Bürgermeister Wolfgang Klußmann verteidigte im Ausschuss abermals das Großprojekt. „Ich hielte es gegenüber der Gemeinde für verantwortungslos, die Ansiedlung nicht voranzutreiben“, so Klußmann. Hätte sich Rothkötter nicht für Wietze entschieden, wäre er entweder in den Kreis Rotenburg oder in den Kreis Walsrode gegangen. „Das Problem der Mastställe würde uns dann im gleichen Maße betreffen.“ Von der Realisierung des Vorhabens gab er sich überzeugt. „Ich halte es vom Grundsatz her für fast völlig ausgeschlossen, dass Rothkötter nicht kommt.“

KOMMENTAR

Die Befürworter des Wietzer Schlachthofes waren zuletzt schwer in die Defensive geraten. Erst kam raus, dass mit falschen Zahlen zur Schlachtkapazität hantiert wurde, dann wurde eingestanden, dass mehr als 400 Mastställe statt der kommunizierten 150 errichtet werden könnten. Keine Frage: Man schafft kein Vertrauen, indem man einerseits die Arbeitsplätze hoch-, andererseits aber die Probleme kleinrechnet. Die Wietzer Verwaltung und der Landkreis Celle müssen sich deshalb den Vorwurf gefallen lassen, den Rothkötter-Kritikern unnötig in die Karten gespielt zu haben.

Der Infrastrukturausschuss hat ein Zeichen gesetzt, das eindeutiger gar nicht ausfallen kann. Es lautet: Ja zu Rothkötter, Ja zu Arbeitsplätzen, Ja zu den Chancen für Wietze. Damit ist dokumentiert, dass auch ein halbes Jahr nach Bekanntwerden der Pläne die große Mehrheit der Volksvertreter hinter dem Geflügelschlachthof steht.

Die Bürgerinitiative hat es entgegen eigenem Bekunden nicht geschafft, einen Stimmungsumschwung herbeizuführen. Sicher: Am Dienstag haben 250 Bürger demonstriert. Auch wird ein Bürgerentscheid angestrebt. Es dürfte sich jedoch nichts daran geändert haben, dass es sich dabei um eine Minderheit handelt, die besonders stark in die Öffentlichkeit drängt.

Die Befürworter sollten sich die Butter nicht vom Brot nehmen lassen. Denn es ist nichts falsch daran, dass ein Unternehmer investiert, weil der Markt es hergibt. Nur mal zur Erinnerung: Nach der Pleite der Landbäckerei Engelke und der Fast-Pleite von Stankiewicz wird hier hunderten von Familien eine Perspektive geboten. Das darf nicht in den Hintergrund geraten. Simon Ziegler