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Winsen 22 Opfer der Todesmärsche wurden 1946 in Winsen exhumiert
Celler Land Winsen 22 Opfer der Todesmärsche wurden 1946 in Winsen exhumiert
16:52 08.05.2015
Von Simon Ziegler
Eugen Geret hatte „Grab No. 4 im Friedhof Winsen“. Im Januar 1945 war er von einem Freund gezeichnet worden. Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Winsen (Aller)

22 Menschen, die in Winsen in den letzten Kriegstagen während der „Todesmärsche“ umgekommen sind, wurden später exhumiert und nach Celle gebracht. Das ist das Ergebnis von Recherchen, die Julius H. Krizsan vorgenommen hat. „Wieder gibt es neue Puzzle-Steine über die Kriegsendeverbrechen 1945“, sagte Krizsan, Ratsherr in Winsen und maßgeblich dafür verantwortlich, dass am dortigen Rathaus ein Gedenkstein für Wilhelm Scheinhardt aufgestellt wurde, der Franzosen während der Todesmärsche das Leben gerettet hatte.

Krizsan hatte anlässlich der neuen Ausstellung in der Gedenkstätte Bergen-Belsen „Zwischen Harz und Heide. Todesmärsche im April 1945“ im Begleitheft von Exhumierungen ehemaliger KZ-Häftlinge im Kreis Celle gelesen, die im November 1946 vorgenommen wurden. „Daraufhin bin ich ins Stadtarchiv gegangen und habe mir die Seiten kopiert, auf denen von Exhumierungen in Winsen berichtet wurde“, erklärte Krizsan, der früher im Besucherdienst der Gedenkstätte gearbeitet hat.

Im Celler Archiv findet sich im Zusammenhang mit dem Bombenangriff auf den KZ-Zug im Celler Güterbahnhof am 8. April 1945 auch eine Liste von 22 Toten, die auf dem Friedhof in Winsen begraben wurden, so Krizsan. Sie wurden am 13., 18. und 19. November 1946 von einem Dr. Hiestermann ausgegraben, genau untersucht und beschrieben. Am jeweils folgenden Tag brachte man die Leichen nach Celle und bestattete sie auf dem Waldfriedhof.

Warum die Umbettungen vorgenommen wurden, ist nicht bekannt. Krizsan vermutet, dass die Briten angeordnet haben, dass alle Opfer gemeinsam in Celle begraben werden.

Außerdem gibt es eine Karte, die von Martin Nestler 1945 über die „Gefallenen u. Toten: Deutschen, Engländer, Franzosen, Russen u. Konzentrationäre im Kirchspiel Winsen a.d. Aller“ angefertigt wurde. Diese Karte, die beim Landgericht Hannover im Prozess gegen zwei SS-Männer aufgetaucht war, kennt Krizsan aus seiner Arbeit in der Gedenkstätte. Nestler, ein Überlebender der Konzentrationslager Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen, vermerkte auf der Karte: „Gräber-Lage im Friedhof: No. 1 und No. 21 und 22 sind unbekannte Civilisten – No. 2 bis 20 sind KZ Personen.“

Auf Nestlers Karte findet sich ein weiterer Hinweis, der einem Toten einen Namen gibt: links der Straße von Winsen nach Walle, kurz hinter dem Ortsausgang ist „3 KZ +++ 1,2,3“ notiert, rechts davon: „Geret hatte Grab No. 4 im Friedhof Winsen“. Von diesem Eugen Geret gibt es im Buch „Die Zeichnung überlebt, Bildzeugnisse von Häftlingen des KZ Neuengamme“ eine Zeichnung, die sein Freund René Baumer am 28. Januar 1945 im KZ-Außenlager Stöcken angefertigt haben soll. Geret soll nach den Vermerken auf der Zeichnung am 8. April 1945 in Winsen von der SS erschossen worden sein.

Zum Toten im Grab Nr. 4 notiert Dr. Hiestermann am 18. November 1946: „Reste von KZ-Kleidung, keine Schuhe, Unterschenkel mit Draht gefesselt, kräftiger Körperbau, Weichteile völlig zersetzt, Knochengerüst stark auseinandergefallen, Schädel: Haare kurz dunkelblond, Gebiß sehr gut erhalten, Einschuß: rechtes Seitenwandbein stark gesplittert, ein 2. Einschuß im Hinterhauptbein rechts. Ausschuß: dicht zwischen hinterem Schläfenbein und Oberkiefer, hier 2 größere Knochendefekte, Ausweis: kleines Handtuch mit Firmennamen: Akumulator, weitere Ausweise nicht auffindbar.“

Von den 22 exhumierten Leichen trugen zwölf KZ-Kleidung und sieben Zivilkleidung, nur eine hatte eine Wolldecke um sich. 18 wiesen Schussverletzungen auf. Unter ihnen war eine Frau. Bei sieben wurde eine Häftlingsnummer festgestellt. Sechs Tote trugen den roten Winkel, waren also aus politischen Gründen inhaftiert. Sieben hatten kleine Besitztümer wie ein selbstgemachtes Messer, Holzlöffel, 25 Reichspfennig oder einen Kamm dabei.

Vom 14. bis zum 19. November 1946 wurden die exhumierten Toten auf dem Waldfriedhof in Celle unter den Grab-Nummern 1145 bis 1166 beigesetzt.