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Winsen Als drei Kinder in Wolthausen bei Explosion starben
Celler Land Winsen Als drei Kinder in Wolthausen bei Explosion starben
17:51 06.05.2015
In Wolthausen untergebrachte Flüchtlinge, darunter auch ausgebombte Hamburger, verloren bei dem Angriff der Briten fast ihr gesamtes Hab und Gut. Verzweifelt harrten sie am 22. April 1945 im Freien aus. Quelle: Imperial War Museum, London / Repro: Andreas Babel
Wolthausen

Das Dorf lag seit dem 15. April größtenteils in Schutt und Asche, nahezu 30 Wohngebäude, darunter auch die Heideschenke, waren beim Vormarsch der britischen Truppen in Brand geschossen worden, zuvor hatte die Wehrmacht die Örtzebrücke in die Luft gejagt – doch die Wolthäuser verzagen nicht, sondern machen sich schon Anfang Mai daran, für sich und ihr Vieh wieder brauchbare Unterkünfte zu schaffen. Da erschüttert eine neue Hiobsbotschaft die Menschen in dem Bauerndorf: Drei Kinder, ein Junge und zwei Mädchen, alle drei noch keine zehn Jahre alt, sterben beim Spielen mit Kriegsmunition.

In den Erlebnisberichten der Löns-Freundin Hanna Fueß findet sich eine kurze Beschreibung des tragischen Unglücks. Drei Jungen haben Munition gefunden, die vermutlich die Wehrmacht in die Örtze gekippt hat – nach dem aussichtslosen Versuch, die britischen Soldaten am weiteren Vorrücken nach Bergen und Hermannsburg zu hindern. Hals über Kopf ziehen sich die Deutschen aus Wolthausen zurück, die Besatzungstruppen setzen nach und hinterlassen in dem umkämpften Dorf viel „verbrannte Erde“.

Russen, die als Zwangsarbeiter nach Wolthausen gebracht worden waren, entdecken die Minen und Geschosse an der Furt durch die Örtze und warnen die Einheimischen: „Nich gut!“ Doch die gerade erst aus ihrem Versteck bei Wittbeck zurückgekehrten Wolthäuser haben zunächst Wichtigeres zu tun, als Munition einzusammeln und unschädlich zu machen. So können sich Kinder ungehindert mit dem brisanten Material beschäftigen.

Die Bäuerin Wilhelmine Speckhahn berichtet im Gespräch mit Fueß gut zwei Jahre später, im September 1947: „Ich dachte, da ist ein Reifen geplatzt.“ Doch sie hat sich getäuscht, eine Panzerfaustgranate ist in die Luft geflogen. Die tragischen Folgen sprechen sich rasch herum: Drei Kinder werden bei der Explosion entsetzlich verstümmelt.

Die Mütter sammeln die blutigen Leichen ihrer Kinder ein und bedecken sie mit alten Uniformmänteln, um Angehörigen, Geschwistern und Freunden der Kinder den grausamen Anblick zu ersparen. Eine Mutter, so schreibt der Wolthäuser Chronist Hermann Mauer später, habe ihr totes Kind in einer Sackschütze geborgen.

Wie sich anschließend herausstellte, hatte der neun Jahre alte Schüler Horst Wiese aus Züllchow bei Stettin versucht, die Ladung einer Panzerfaust aus der Örtze zu angeln oder mit Stöcken zum Schwimmen zu bringen. Dabei löste offenbar die Zündung aus. Die Explosion war so heftig, dass es für die drei Kinder keine Rettung gab. Zwei von ihnen waren auf der Stelle tot. Die Toten wurden wenige Tage später in Winsen beerdigt. Heute erinnert in Wolthausen nichts mehr an Horst Wiese, die fast gleichaltrige Ingrid Schulz aus Hamburg und Christa Dettmer, eine siebenjährige Tochter eines Wolthäuser Ehepaares.

Übrigens lebte die wegen ihrer Sympathie für das Nazi-Regime in Verruf geratene Fueß bei Kriegsende in Wolthausen in der Heideschenke, wo auch Hermanns Löns vor dem Ersten Weltkrieg gern zu Gast war. Hermann Mauer, Wolthausens langjähriger Chronist, hat zum 750-jährigen Bestehen seines Heimatortes festgehalten, dass Fueß den deutschen Offizieren stolz ein von Löns handsigniertes Exemplar seines Romans „Der Wehrwolf“ präsentierte. Doch die Soldaten zeigten kein Interesse. Kurz darauf setzte ein Treffer das Lokal in Brand, der „Wehrwolf“ ging – wie so vieles in Wolthausen – in Flammen auf.

Von Klaus von der Brelie