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Winsen Aus kurzem Haar werden lange Fäden
Celler Land Winsen Aus kurzem Haar werden lange Fäden
16:15 16.12.2011
Eveli Planert, Beate Weigandt, Coretta Bergknecht, Heimatverein Winsen spinnen. Quelle: Isabell Prophet
Winsen (Aller)

Einst soll es die nordische Göttin Frigg gewesen sein, die den Faden des Schicksals spann. So kannte sie die Zukunft aller, verspann sie, konnte ein Schicksal jedoch niemals ändern, auch wenn sie tatsächlich „die Fäden in der Hand hielt.“

Ein hauchdünner Faden streicht heute über die Finger von Beate Weigandts rechter Hand, durch ihre Linke läuft ein dicker Strang weichen Schaffells. Zwischen Daumen und Zeigefinger verzwirbelt sie die weichen Haare zu einem Wollfaden. Der läuft dann, angezogen von einem großen Rad, auf eine Spindel und wird aufgewickelt.

Weigandt trifft sich an jedem Dienstagabend unter dem Dach des Kutschenhauses am Winser Museumshof mit Eveli Planert, Coretta Bergknecht und anderen Frauen - zum Spinnen. Ganz nach alter Tradition gehen sie vor, sitzen vor den Spinnrädern, treten mit einem Fuß oder mit beiden auf Pedale und treiben so die großen Schwungräder an. Mit jeder Drehung eines Rades dreht sich die Spindel zwölf Mal.

17.000 Jahre alt sind die frühesten Spuren des Spinnhandwerks, die Forscher haben finden können, weiß Weigandt zu berichten. Davor wurden die Wollfäden mit der Hand verdreht, später auf Holzstäben. In Gräbern entdeckten Archäologen uralte Wirteln, die runden Schwunggewichte der alten Spindeln. Damals wurden die Wollhaare auf einen Stab gebunden, zu einem Wocken. Aus diesem wurden die Haare dann herausgezogen und an der Handspindel befestigt. Diese wurde dann gedreht, so dass die Wolle zu einem Faden gezogen wurde. „Mit einem Gewicht dran ging das natürlich besser“, erzählt Weigandt. Deshalb wurden die Stäbe zunächst mit Lehmklumpen beschwert, später mit runden Messingscheiben, den Wirteln. Anders als das hölzerne Spinn-Werkzeug blieben sie über die Jahrtausende hinweg erhalten.

In Schriften von 1290 wird zum ersten Mal ein Spinnrad erwähnt, die hölzerne Maschine gehört später zu den Grundsteinen der Industrialisierung, wird weiterentwickelt. „Und das machte die Spinnerinnen zum Schluss arbeitslos“, berichtet Planert. In Niedersachsen gab es die Spinnindustrie nie in gleichem Ausmaß wie in England oder in den Niederlanden: „In erster Linie war es hier Handarbeit für den Eigenbedarf. Die jungen Mädchen sponnen ihre Aussteuer für die Ehe.“ So traf man sich abends in Spinnstuben, vielerorts an jedem Abend in einem anderen Haus. Dann trugen nach Sonnenuntergang die jungen Frauen ihre Spinnräder durch die dunklen Straßen, die jungen Männer folgten ihnen - „das reinste Eheanbahnungsinstitut war das“, scherzt Weigandt.

„Oh holdes Mädchen mit dem Rädchen, spinn für uns das Liebesfädchen“, dichtete einst einer für seine Angebetete, die Sprüche wurden auf die Wockenbänder gestickt. Sie hielten die Wolle so am Wocken fest, dass sie sich während des Spinnens gleichmäßig abwickeln konnte. Die Spinnerinnen ziehen die Wolle dann mit einer Hand vorsichtig auseinander, halten sie mit Daumen und Zeigefinger der anderen Hand wieder zusammen. Die Spindel, angetrieben vom großen Holzrad, verdreht ihn dann und wickelt ihn auf. So entsteht ein Wollfaden, damals wie heute. Wobei – im Spinnkreis gibt es auch eine Frau, die zwei Fäden gleichzeitig spinnen kann, einen mit jeder Hand.

Die Frauen des Arbeitskreises sammeln alte Spinnräder, teilweise stammen sie noch aus dem späten 19. Jahrhundert. „Auch die laufen“, sagt Planert. Heutzutage werden immer noch neue Spinnräder hergestellt – ganz modern, kugelgelagert, damit sie sich besser drehen. So kann nun schwer verglichen werden, ob die Fäden denen der Göttin Frigg überlegen sind. Aber komfortabler zu verspinnen sind sie bestimmt.

Von Isabell Prophet