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Winsen Dichter zwischen Wahn und Dunkelheit
Celler Land Winsen Dichter zwischen Wahn und Dunkelheit
16:42 15.11.2010
Thomas Kirchhoff Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Winsen (Aller)

Celan gilt als Dichter des Dunklen, gefangen im Trauma der Schoah. Sein Werk ist sehr vom Holocaust bestimmt („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ heißt es etwa in der „Todesfuge“, seinem wohl bedeutendsten Gedicht), aber auch vom Wahn, der bei ihm in seinen letzten Lebensjahren ausgebrochen war. „Man hat mich dort zerheilt“, pflegte er in Bezug auf die psychiatrischen Kliniken zu sagen. Der aus Czernowitz im heutigen Rumänien stammende Poet setzte schließlich seinem Leben in Paris durch einen Sprung in die Seine selbst ein Ende.

Celans frühe Lyrik steht unter dem Einfluss des Surrealismus und verknüpft die einzelnen Gedichte mit ihren rätselhaften Hinweisen zu komplexen „Sprachgittern“ aus dunklen stigmatischen Versen voller versteckter Zeichen. Danach wird seine sprachvirtuose Dichtung zunehmend hermetischer, die Bildwelt immer undurchdringlicher, von Gedichtband zu Gedichtband löst sich die Realität immer mehr in Metaphern auf, die Wörter stehen wie zeitlose Zeichen im Raum. Kirchhoff entschlüsselte sie dem aufmerksamen Publikum. Und es wurde immer deutlicher, wie Celans Verse dem Leser vor Augen führen, was kulturelle Entwurzelung, Heimatlosigkeit und Exil bedeuten, und warum der Dichter, der nicht mehr in der grausamen Wirklichkeit leben mochte, in der ihm eigenen poetischen Sprache schließlich eine eigene abstrakte Welt kreierte: „Wenn die Welt aus den Fugen ist“, so Celan, „kann die Sprache nicht in den Fugen bleiben.“

Von Rolf-Dieter Diehl