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Winsen „Die Leute haben immer mehr Angst“
Celler Land Winsen „Die Leute haben immer mehr Angst“
17:14 06.11.2018
Tammam Kahil mit seinem umfangreichen Manuskript. Quelle: Lothar H. Bluhm
Winsen

Ein Journalist will schreiben, fotografieren, dokumentieren, will für Agenturen Texte liefern. Da ist der Syrer Tammam Kahil nicht anders. Nach fünf gescheiterten Versuchen gelang dem Journalisten zusammen mit seinem Cousin im Herbst 2015 die Flucht nach Deutschland. Seit Februar 2016 lebt er in Winsen. – Und er schreibt.

Er schreibt an die Bundeskanzlerin, korrespondiert mit dem Bundespräsidenten und bietet der Bundeszentrale für politische Bildung ein umfangreiches Manuskript für eine Veröffentlichung an.

Schon während seiner Flucht hat Tammam Kahil ein Fluchttagebuch geschrieben. Zu viel hat er erlebt, ständig sei er in lebensgefährliche Situationen geraten, weil er wegen seiner politischen Ansichten verfolgt wurde. Und er hat ein Buch über Integration geschrieben.

Tammam Kahil ist Syrer, im August 2015 begann er seine Flucht aus Salamiyya, einer Stadt 200 Kilometer nördlich von Damaskus. Er hat sich viele Notizen gemacht von den Eindrücken und lebensbedrohlichen Situationen, die er erlebt und wahrgenommen hat. Tagebuchähnlich hat er all das dokumentiert.

Er hat nun hier in Deutschland die deutsche Sprache bis zum B1-Level gelernt, hat verschiedene Praktika absolviert, sich fast ein Jahr lang als ehrenamtlicher Mitarbeiter im Wohnstift Franz-Guizetti-Park in Celle engagiert und dann im Büro der Bundestagsabgeordneten Kirsten Lühmann hospitiert: „Das war total schön.“ Er hatte auch eine Begegnung mit Andrea Nahles. „Das hat sich aus einem Bildungsprojekt so entwickelt“, sagt Kahil über die Kontakte bis zur SPD-Spitze. Inzwischen ist er Mitglied bei den Sozialdemokraten.

Vor der letzten Bundestagswahl dankte er gemeinsam mit einer Gruppe junger Flüchtlinge den deutschen Menschen für ihre Hilfe. Und auch in diesem Sommer hielten er und sein Cousin im Sommer in der Celler Fußgängerzone eine Mahnwache. Thema: Kein Platz für Rassismus und Antisemitismus. „Wir hatten zu etwa einem Drittel der Passanten Kontakt. Viele sagten, sie hätten keine Zeit, einige sagten ‚Geht doch zurück‘“, berichtet Kahil und nimmt wahr, dass ihm kaum noch Mitgefühl entgegen gebracht wird. „Die Leute haben immer mehr Angst“, findet er. „Am Anfang war das nicht so.“

Tammam Kahil hat sich Gedanken zur Integration gemacht: „Die Flüchtlinge sollen sich integrieren, sie hören aber jeden Tag über soziale Medien, wie es ihren zurückgebliebenen Familien in der alten Heimat geht. Bei Minderjährigen ist unklar, ob sie jemals ihre leiblichen Eltern wiedersehen. Diese Ängste, Nöte und Ungewissheiten machen eine Integration sehr schwierig und führen manchmal dazu, dass die Flüchtlinge vor Einsamkeit und Kummer wieder in die Kriegsgebiete zurückkehren. Die deutsche politische Führung sagt, dass Flüchtlinge sich integrieren müssen, aber die Rahmenbedingungen dafür werden nicht immer menschlich durchdacht.“

Seit einigen Wochen arbeitet Kahil als Produktionshelfer in einem Sägewerk. „Ich muss um vier Uhr aufstehen, damit ich um sechs Uhr da bin“, sagt der 33-Jährige. Er fährt im Auto eines Kollegen mit. Sein syrischer Führerschein gilt hier nicht.

Tammam Kahil hat auch an einem Kurzfilmworkshop mitgearbeitet und den sechsminütigen Film „Traum vom Frieden“ gedreht. Aktuell wirkt er an der Erarbeitung der Komödie „Soul Almanya“ im Schlosstheater Celle mit. „Tammam hängt sich rein“, beschreibt Martina Münter die Aktivitäten ihres syrischen Freundes, der weiterhin Deutsch lernt und sehr um Integration bemüht ist.

Tammam Kahil fühlt sich in Celle sicher. Nur: Es seien nicht allein sprachliche Hürden, die oft zwischen Migranten und Behördenmitarbeitern stehen, sagt er. Häufig fehle einfach ein echtes Verstehen der Probleme, die Flüchtlinge haben. Zudem spüre er im Alltag latent vorhandenen Rassismus. „Das fällt mir auf“, bedauert Tammam Kahil.

Wenn ein Nachbar immer dann die Fahne mit dem Reichsadler hisst, wenn Kahil nebenan im Haus ist, fragt er sich, was das soll.

Von Lothar H. Bluhm

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