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Winsen Die Spreche der Vergänglichkeit auf Fotos
Celler Land Winsen Die Spreche der Vergänglichkeit auf Fotos
17:07 11.04.2016
Winsen (Aller)

„Ich gebe dem Moment Dauer“, versuchte Andreas Warlich aus Garbsen anlässlich der Ausstellungseröffnung im Kulturcafé „nebenan“ zu umschreiben, was ihn zu seinen Foto-Arbeiten getrieben hat. Dabei betonte er, dass er sich das Zitat von dem mexikanischen Fotografen Manuel Álvarez Bravo, einem der Gründer der modernen und Vertreter der lateinamerikanischen Fotografie des 20. Jahrhunderts geliehen hat, ohne sich mit dessen Größe zu messen.

Dennoch gibt es Parallelen. Solche nämlich stellte Pastor Matthias Riemann, Kulturbeauftragter des Kirchenkreises Celle, einführend fest: „Die Fotos von Andreas Warlich habe ich das erste Mal in Weimar in einem alternativen Café am Marktplatz gesehen. Was mich an ihnen sofort fasziniert hat, war, dass sie den Grundcharakter der modernen Sehweise selber thematisieren.“

Den Besuchern offenbaren sich in den Räumlichkeiten des „nebenan“ Ausschnitte einer Wirklichkeit, die gewesen ist, und zwar in dem Blickwinkel fixiert, wie sie ihr Urheber begrenzen und dadurch einer bestimmten Bedeutung zuführen wollte. Unter dem Titel „verlassen ...“ zeigt Warlich die verfallenen Relikte zweier ehemaliger Lungenheilstätten in Beelitz und Grabowsee nahe Berlin, daneben ein Offiziersheim in Wünsdorf und Continental. Von den zahlreichen Aufnahmen, zu denen ihnen diese verwunschenen, verlassenen Orte animierten, entschloss er sich, eine Auswahl zu präsentieren, um den ehrwürdigen Gebäuden ganz unkommerziell eine neue Ära zu geben. Um 1900 wurden die Heilstätten als modernste Behandlungszentren von der Landesversicherungsanstalt Berlin gebaut, während beider Weltkriege dienten sie als Lazarette. Sämtliche Bemühungen nach der Wende, die Anlagen zu erhalten, gerieten ins Stocken. Aber es gibt sie noch, die alten Gemäuer mit ihrer Geschichte. Überall lauern Zeugen vergangener Tage. Es ist die Sprache der Vergänglichkeit, die uns berührt. Der Staub hat sich bereits über das Interieur gelegt und mancherorts bricht sich die Natur wieder Bahn. Grün äugen Blätter zu den grauen Fenstern herein, ein rotes Sofa beansprucht ebensolches Augenmerk wie ein geschundener Flügel auf rot umsäumter Bühne. Der morbide Charme glanzvoller Architektur reizte auch Filmleute, wie Warlich erzählt. So wurden zum Teil Polanskis „Pianist“ oder „Operation Walküre“ mit Tom Cruise hier gedreht. „Verlassen“ ist also auch relativ. Hoffnung offenbare immer der neue Weg, so Pastor Riemann: „das durchsprießende Gras, die hineingespiegelte Sonne, die Helligkeit hinter dem Fenster“ und – nicht zu vergessen – ein neuer Zauber im „nebenan“.

Zu sehen bis zum 8. Juni im „nebenan“, Küsterdamm 9 in Winsen, sonntags bis freitags 15 bis 18 Uhr.

Von Aneka Schult