Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Winsen Dürfen wir nicht mehr an die Aller?
Celler Land Winsen Dürfen wir nicht mehr an die Aller?
13:06 30.08.2018
Von Simon Ziegler
Wie darf die Aller künftig genutzt werden? Quelle: Anne Friesenborg
Winsen

Zwischen der Gemeinde Winsen und dem Landkreis Celle ist ein handfester Streit um das Vorgehen beim Naturschutz entbrannt. Der Landkreis verschickte eine Mitteilung, in der Bürgermeister Dirk Oelmann vorgeworfen wird, "durch falsche und tendenziöse Darstellungen" die Arbeit der Kreisverwaltung zu diskreditieren. Der Winser Verwaltungschef wies die Darstellung entschieden zurück. Und auch das Celler Landvolk mischte sich ein – und kritisierte den Landkreis.

Bei der Auseinandersetzung geht es um die künftige Nutzung des Allerufers. Der Landkreis arbeitet derzeit an einer Neuausweisung eines Schutzgebietes entlang des Flusses. Hintergrund ist, dass die EU fordert, die Mitgliedsstaaten müssten sich mehr in Sachen Arten- und Pflanzenschutz engagieren. Daher wird eine Umwandlung von FFH-Gebieten (Flora-Fauna-Habitat) in Landschaftsschutz- oder Naturschutzgebiete angestrebt. Grundsätzlich ist in Naturschutzgebieten der Arten- und Pflanzenschutz am höchsten. Das bedeutet in der Praxis Einschnitte für die Nutzer. Land- und Forstwirte bekommen mehr Auflagen.

Das sagt der Landkreis: Um das Verfahren im Einvernehmen mit den Besitzern und Nutzern zu gestalten, hat der Kreis vor dem formellen Verfahren die Betroffenen um eine Stellungnahme gebeten, um eine "für alle Seiten verträgliche Lösung zu schaffen", sagte Landkreis-Sprecher Tore Harmening. Das formelle Verfahren soll nach der Beratung im Umweltausschuss Ende Oktober beginnen. Geplant sei dann auch eine umfassende Informationsveranstaltung, bevor die Entscheidung im Kreistag ansteht. "Bisher hat der Landkreis in sachlicher Weise partnerschaftlich mit den Gemeinden zusammen gearbeitet", so Harmening. Was die Gemeinde Winsen mache, sei ungewöhnlich und "in dieser Form noch nicht passiert".

Der Landkreis bezieht sich auf die Ankündigung des Winser Bürgermeisters, der über die Homepage der Gemeinde eine eigene Veranstaltung am Donnerstag, 6. September, in der Oberschule ankündigt. Dort heißt es, der Kreis plane die Errichtung eines Naturschutzgebietes entlang der Aller. "Für uns in Winsen bedeutet das konkret: Betretungsverbot der Allerwiesen von Stedden bis Thören, Hundeverbot auf den Allerwiesen, Stilllegung von Schützen- und Bolzplatz, keine Freizeitaktivitäten an der Aller, existenzbedrohende Einschränkungen in Land- und Forstwirtschaft." Und Oelmann fragt: "Wollen wir das?"

In seiner Mitteilung erklärte der Landkreis, dass ein Betretungsverbot an der Aller nicht vorgesehen sei. Wassersportler könnten die Aller weiter nutzen, das Schützenfest könne weiterhin auf dem Schützenplatz stattfinden. Das Spazierengehen mit Hunden sei in dem Gebiet auch künftig möglich. Die Nutzung des Bolzplatzes werde jetzt geprüft. Eine existenzbedrohende Einschränkung der Landwirtschaft verneint der Landkreis.

Bürgermeister widerspricht: Oelmann bleibt trotzdem bei seiner Darstellung. "Das Landvolk Celle, die Forstbetriebsgemeinschaft Celler Land und der Verband zum Schutz der Kulturlandschaft im Aller-Urstromtal haben im Juni ein Positionspapier veröffentlicht, dessen Inhalt sich nicht wesentlich von meinen Äußerungen unterscheidet", sagte der Winser Verwaltungschef. Er sei froh darüber, dass "sich der Landrat jetzt in die Diskussion begibt". Bereits zu einer Info-Veranstaltung Mitte August mit den Land- und Forstwirten habe er den Landkreis eingeladen, um seine Pläne vorzustellen. Das sei abgelehnt worden. Oelmann kritisierte, dass die Bürger nur eine Frist von vier Wochen bekämen, ihre Einwände vorzubringen – dabei sei die EU-Richtlinie 26 Jahre alt. Rechtlich sei das Landkreis-Vorgehen nicht zu beanstanden. "Wirklich ernst gemeinte Bürgerbeteiligung sieht für mich jedoch anders aus." Die Fragen, die er auf der Homepage zur künftigen Nutzung der Aller gestellt habe, "ergeben sich aus der Gesetzeslage", so der Bürgermeister.

Die Reaktion des Landvolkes: "Die Darstellung des Landkreises löst bei uns Erstaunen aus", reagierte Landvolk-Geschäftsführer Martin Albers, "durch Weglassen von Informationen wird ein falscher Eindruck vermittelt". Als Beispiel führt er den Punkt Landwirtschaft an. Extensiver genutztes Grünland könnte nach den neuen Regeln stark eingeschränkt werden. Albers: "Aus unserer Sicht werden dadurch Betriebe in die Existenzgefährdung hineinrutschen."