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Winsen Freiwillige sammeln Daten für Wolfsmonitoring im Landkreis Celle
Celler Land Winsen Freiwillige sammeln Daten für Wolfsmonitoring im Landkreis Celle
16:49 07.07.2017
Elf Wolfsrudel wurden mittlerweile in Niedersachsen bestätigt. Um mehr über die Vierbeiner zu erfahren, sammeln Freiwillige im Gelände Daten – und bezahlen dafür rund 1780 Euro. Quelle: Ingo Wagner
Meißendorf

Dahinter steht die gemeinnützige Natur- und Artenschutzorganisation Biosphere Expeditions, die weltweit Forschungsexpeditionen ermöglicht. So werden zum Beispiel in Peru Biologen bei ihren Studien im Regenwald unterstützt. Zusammen mit dem Wolfsbüro des niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) sowie mit einigen Wolfsberatern hat Biosphere Expeditions das hiesige Wolfsprojekt ins Leben gerufen.

Am Samstag beginnt die dritte von insgesamt vier Projektwochen. Jeweils zwölf Freiwillige ziehen dann für eine Woche aufs Gut Sunder in Meißendorf. Manche von ihnen nehmen weite Anreisen in Kauf: Die insgesamt 48 Bürgerwissenschaftler, die diesen Sommer das Wolfsmonitoring unterstützen, kommen aus zwölf Ländern, unter anderem aus Australien, Indien, Singapur und Kanada.

1580 britische Pfund, also rund 1780 Euro, kostet der einwöchige Freiwilligendienst – ohne Flug- und Anreisekosten. Biosphere Expeditions versichert, dass die Expeditionsbeiträge weltweit im Durchschnitt zu zwei Dritteln für das Projekt verwendet werden, um damit beispielsweise Personal, Forschungsausrüstung und Kampagnen zu finanzieren. Nach Expeditionsende soll die Mittelverwendung für das Wolfsprojekt detailliert in einem Bericht offengelegt werden.

Nach einer zweitägigen Schulung auf Gut Sunder geht es für die Laienforscher raus ins Gelände. In Kleingruppen suchen sie nach Fährten und Losungen von Meister Isegrim. Gefundener Kot wird gesammelt und dokumentiert, Spuren werden ebenfalls notiert. Auch Fotofallen kommen nach Genehmigung zum Einsatz. "Andere Wolfshinweise oder Nachweise wie Haarproben oder zufällige Sichtungen sind nur in Ausnahmefällen zu erwarten und nicht Ziel der Expedition", teilte NLWKN-Pressesprecher Achim Stolz mit. Tatsächlich haben die Teilnehmer der ersten beiden Projektwochen vorwiegend Losungen, aber auch Fährten gefunden. Ergebnisse und Eindrücke der Feldtage sind in einem Internetblog festgehalten.

Das NLWKN lobt das junge Projekt. "Diese zusätzlichen Daten sind eine wertvolle Ergänzung für die wissenschaftliche Arbeit", heißt es in einer Mitteilung. Die Arbeit der Freiwilligen unterstütze "die bewährte Zusammenarbeit zwischen dem Land Niedersachsen und der Landesjägerschaft".

Celles Kreisjägermeister Hans Knoop findet hingegen keine lobenden Worte für das Laienforschungsprojekt. "Das alles läuft ohne Absprache mit den Grundeigentümern, ich lehne das ab", stellt Knoop klar. Das Betretungsrecht sehe bei kommerziellen Veranstaltungen vor, dass die Verantwortlichen sich bei den Waldbesitzern anmelden, beschreibt Knoop. Das sei bisher nicht passiert.

Zwar sei es jedem erlaubt, öffentliche Feld- und Waldwege zu betreten, doch Knoop glaubt nicht daran, dass sich die Projektteilnehmer tatsächlich daran halten: "Spätestens nach zwei Tagen sind die doch frustriert, dass sie nichts finden, und gehen in die privaten Bestände. Das ist ganz menschlich." Hinzu komme, dass zurzeit noch Brut- und Setzzeit ist. "Und die Leute laufen da rum", empört sich Knoop. Das NLWKN wiederum betont, dass "die Kleingruppen ihrer Monitoring-Tätigkeit nur auf öffentlichen Straßen sowie öffentlichen Feld- und Waldwegen" nachgingen.

Nach Knoops Ansicht macht das neue Projekt ein mühsam aufgebautes System kaputt. Es habe lange gedauert, Jäger und Revierpächter dazu zu animieren, alle Wolfshinweise zu melden. Kritiker würden sich nun durch das neue Projekt bestätigt fühlen. "Das wurde nicht mit uns abgesprochen und über unsere Köpfe hinweg entschieden", kritisiert Knoop.

Meinung

Biosphere Expeditions setzt bei seinem neuen Angebot im Landkreis Celle auf den Abenteuerdrang von zahlungskräftigen Hobbyforschern aus der ganzen Welt. Die zusätzlichen Daten, die durch den Einsatz von Freiwilligen gewonnen werden, sind unbestreitbar nützlich für das Wolfsmonitoring. Allerdings könnten dies auch naturverbundene Menschen aus der Region leisten. Es gibt schon zahlreiche ehrenamtliche Wolfsberater; der Wille, sich für die Vierbeiner einzusetzen, ist also offenkundig da.

Statt Menschen am anderen Ende der Welt zu motivieren, sollte das NLWKN lieber vor Ort ansetzen und für das ehrenamtliche Engagement im Sinne der Wissenschaft bei Bewohnern der Wolfsgebiete werben. Die Idee, begeisterte Laienforscher für das Sammeln von ergänzenden Daten einzusetzen, ist nämlich gut. Wenn dann noch sichergestellt wird, dass sich auch alle an die Regeln im Wald halten und in ihrer Euphorie nicht über das Ziel hinausschießen, ist vielleicht auch die Jägerschaft gewillt, sich hinter das Projekt zu stellen. Und mal ehrlich: Wie umweltfreundlich und naturverbunden ist ein Langstreckenflug von Australien nach Deutschland? Eben, absurd und widersprüchlich.

Von Amelie Thiemann