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Winsen Früher war Einkaufen ganz anders
Celler Land Winsen Früher war Einkaufen ganz anders
16:44 10.11.2018
Quelle: Stefanie Franke
Stedden

„Ich bin in Celle von einem Laden zum anderen gegangen und wollte meine Lehre machen, aber niemand hat mich genommen, weil ich gleich gesagt habe, dass ich mich selbstständig machen möchte“, erinnert sich Gisela Müller-Elvers an den Beginn ihres Berufslebens. Für die damals 18-Jährige war schon früh klar, dass für sie nur etwas Eigenes infrage kommt. Fast 60 Jahre lang führte sie ihren eigenen Kaufmannsladen im Winser Ortsteil Stedden. Im vergangenen Jahr musste sie ihr Geschäft schließlich aufgeben. Sie erinnert sich an die vielen dort verbrachten Stunden.

„Ich war die einzige Tochter und wollte meine Eltern nicht allein lassen“, betont Müller-Elvers. Der elterliche Landwirtschaftsbetrieb war jedoch zu klein, um dort als Bäuerin tätig zu werden. Deshalb stand für Müller-Elvers schnell fest, dass sie Kauffrau werden wollte. „Ich habe auch bei Karstadt in Celle gefragt, ob sie mich nehmen.“ Doch auch Karstadt wollte nicht. Bei der Firma Bangemann in Winsen hatte sie schließlich Glück und konnte dort ihre kaufmännische Lehre absolvieren. Nach ihrer Ausbildung eröffnete sie dann einen kleinen Laden in Steddens Dorfmitte mit Anbindung an ihr Elternhaus. „Erst war das Geschäft an Bangemann verpachtet und ich wurde die Filialleiterin“, erinnert sie sich. Ab 1958 betrieb sie den Laden in Eigenregie.

„Früher war es ein ganz anderes Einkaufen“, berichtet Müller-Elvers im Rückblick auf die knapp sechs Jahrzehnte, in denen sie das Geschäft unterhielt. Früher habe nicht jeder ein Auto gehabt, weswegen man über den Laden im abgelegenen Stedden froh gewesen sei. Einkäufe wurden mit dem Fahrrad erledigt und die Erleichterung war groß, als man für kleinere und größere Besorgungen keine längeren Fahrten mehr auf sich nehmen musste. Auch die Lieferung der Waren sei eine besondere Herausforderung gewesen. „Am Anfang kam jede Woche ein Vertreter von Edeka und hat meine Bestellung aufgenommen. Dann wurden die Waren geliefert. Irgendwann kam er nur noch alle zwei Wochen, dann erfolgte die Bestellung per Telefon und schließlich wurden so kleine Läden gar nicht mehr beliefert.“

Doch von solchen Hürden ließ sich Gisela Müller-Elvers keinesfalls aufhalten. „Irgendwie ging es immer weiter.“ Nachdem die Warenlieferungen an kleine Läden nicht mehr ausgeführt wurden, nahm Müller-Elvers selbst das Ruder in die Hand. Mit dem Auto samt Anhänger fuhr sie gemeinsam mit ihrem Mann zum nächstgelegenen Großhändler, die zuvor erstellte Bedarfsliste im Gepäck, und kaufte alle Waren für ihren Laden selbst ein. Im Anschluss wurden diese verladen und zurück in Stedden in die Regale geräumt.

„Für mich gab es nichts anderes“, betont sie. Ein anderer Beruf sei für sie nie infrage gekommen, auch wenn es manchmal schwierig gewesen sei. Man war im Dorf aufeinander angewiesen. „Alles war so selbstverständlich und die Leute kamen. Damals waren die Ansprüche andere.“ Lebensmittel wie Grütze, Mehl, Haferflocken und Bonbons wurden vor Ladenöffnung abgewogen und in die entsprechenden Tüten und Pakete gefüllt. Kohlenbrickets zum Heizen mussten ebenfalls vorher abgewogen werden. Es gab Brote und Brötchen, die mehrmals in der Woche geliefert wurden. Verpackt wurden die Waren mit Pergamentpapier und Papiertüten. „Mittlerweile ist alles in Plastik fertigverpackt. Heute würde auch keiner mehr das Brötchen vom Vortag essen und es kauft niemand mehr Fünf-Pfund-Brote.“

Auch einen Kühlschrank hätte es in der Anfangszeit nicht gegeben. „Alles, was kühl gelagert werden musste, kam in den Keller“, erzählt Müller-Elvers. „Später gab es dann ein Kühlregal und irgendwann auch einen Kühlschrank.“ Getränke wurden noch flaschenweise verkauft und es gab einen Tresen, der ausschließlich Kurzwaren beinhaltete. „Flüchtlinge haben bei mir noch Geschirr gekauft. Im Sommer kamen auch Soldaten und Polizisten und kauften bei mir ein.“ Zwischendurch war sogar ein kleiner Postschalter in ihrem Laden integriert, sodass die Dorfbewohner ihre Briefe bei Frau Müller-Elvers aufgeben konnten. In dem Ortsteil mit rund 300 Einwohnern war es nicht verwunderlich, dass jeder Kunde auch gleichzeitig ein Stammkunde war. „Man wusste schon genau, was die Leute haben wollten, wenn sie in den Laden kamen. Wenn was los war, hat es am meisten Spaß gemacht.“

Dabei war der kleine Dorfladen nicht nur ein Ort zum Einkaufen, sondern auch ein beliebter Treffpunkt für Steddens Einwohner. Mittags warteten bereits die Kinder vor dem Laden und wollten Süßigkeiten kaufen. Ein Plausch mit den Kunden, die gleichzeitig Nachbarn waren, war stets willkommen. Der Kontakt mit den Menschen stand bei Gisela Müller-Elvers immer im Vordergrund. „Das Einkommen war letztlich ein Stück weit nebensächlich“, erzählt sie. „Es war der Spaß an der Arbeit und man war nicht nutzlos. Die Kinder wurden nebenbei groß und man war das Arbeiten ja auch gewohnt.“

Ans Aufhören hat Müller-Elvers nie gedacht. Über viele Jahre hielt sich ihr kleiner Tante-Emma-Laden und auch im fortgeschrittenen Alter hatte die Kauffrau viel Freude an ihrer Tätigkeit. „Man macht sich natürlich schon Gedanken: Wie fängt man das an, wenn es vorbei ist“, denkt sie zurück an die letzten Jahre. Nach und nach wurden die Öffnungszeiten reduziert und es kamen weniger Kunden. „Am Ende habe ich nicht mehr gezählt, weil ich mich nicht ärgern wollte“, erzählt Müller-Elvers mit einem Augenzwinkern. Doch auch die verringerte Anzahl an Kunden hätte sie nicht aufhalten können. Was sie schließlich ausbremste war das fortschreitende Alter. Nach mehreren Stürzen in ihrem Zuhause, einigen Krankenhausaufenthalten und der Kurzzeitpflege war klar: Für den Laden muss eine Lösung gefunden werden: „Wenn es nicht mehr geht, dann geht es nicht mehr.“

Ihre Kinder halfen bei der Abwicklung des Ladens und erledigten das Organisatorische. Heute sind die Regale leer und die Lichter ausgeschaltet, die Ladentür ist verschlossen. Nur noch einige Überbleibsel liegen auf dem Tresen, an dem zuvor geklönt und gekauft wurde. Obwohl Gisela Müller-Elvers sich darüber im Klaren ist, dass die Herausforderung gesundheitlich nicht zu stemmen gewesen wäre, denkt sich gerne an ihren Laden zurück. Sie ist keinesfalls froh darüber, mit 84 Jahren nun im Ruhestand zu sein – sie würde lieber das Geschäft führen. Der Kundenkontakt fehlt ihr am meisten. „Ich brauche immer den Kontakt mit den Menschen, alles andere ist öde. Wie gerne würde ich rausgehen und was machen, weil es mir einfach so viel Spaß macht.“

Vor kurzem hätte man bei ihr angefragt, ob man nicht einen Hermes-Paketshop bei ihr einrichten könne. „Und das jetzt, wo ich keinen Laden mehr habe.“ Eines steht fest: Wenn Gisela Müller-Elvers könnte, wie sie wollte, würde man noch lange Zeit in ihrem Steddener Laden einkaufen gehen.

Von Stefanie Franke

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