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Winsen Gemalt im Postkartenformat
Celler Land Winsen Gemalt im Postkartenformat
16:27 12.02.2010
Ausstellung "Jugendkunst Celle 1927" Albert Witt im Café "nebenan" in Winsen Quelle: Aneka Schult
Winsen (Aller)

„Ein junger Mann ging nach Berlin und schrieb die Dreigroschenmusik, ein anderer brach auf zu einer vierwöchigen Wandervogelfahrt“, führte Friederike Witt-Schiedung ein in die Ausstellung „Jugendkunst Celle 1927“ im Winsener Kulturcafé „nebenan“. Ersterer war Kurt Weill, letzterer der Vater der Mitkuratorin und Rednerin, Albert Witt, geboren in Celle 1907.

So wie der Name Weill für einen neuen Zeitgeist, für Crossover Musik steht, lassen sich auch Witts Kleinformate („Kammerkunst“), die Zeichnungen des 19-Jährigen von einer Wandervogelfahrt 1926 sowie seine Arbeiten der Werkkunstschulzeit 1927/28, als Crossover verschiedener Stile und Thematiken ansehen.

Über den künstlerischen Wert der Arbeiten dieses jungen Künstlers sprach Dietrich Klatt. Aus drei Gründen sei die Ausstellung ungewöhnlich. So seien die Arbeiten nicht für eine Präsentation geplant. Vielmehr entstanden sie im „stillen Kämmerlein“, haben den Charakter von Privatdokumenten. Zudem seien sie phantastische Beispiele für die Bildsprache der Roaring Twenties, geschaffen in Celle, Köln und auf besagter Wandervogelfahrt. Zugleich sind die Impressionen in Postkartenformat eine Art Bildbiografie. Schließlich müsse man, auch das widerspräche einer Zur-Schau-Stellung, nah an die Schöpfungen mit zartem Zeichenduktus herantreten, um etwas zu erkennen.

Sieht man sich die kleinen Zeugnisse privater wie künstlerischer Seelenimpulse an, changieren sie in ihrer Technik zwischen einer sicheren, scharf konzentrierten Linie, wie in einer Federzeichnung für die Turnerjugend 1927, und eher zurückhaltenden, flüchtigen Strichen, wie in einer Bleistift-Zeichnung, einem Selbstbildnis erkennbar ist. Filigran und detailreich erzählen die Radierungen von der Freude des Künstlers am Ausprobieren und Dokumentieren. Gleich Spielwiesen der Formfindung wie auch mit ungeheurer Mitteilungskraft verströmen diese kleinen Welten eine sinnliche Aura und Authentizität. Mit ihrer Beäugung des Exotentums („Zehn kleine Negerlein“) oder der Maskerade pochen sie ganz mit dem Puls der Zeit. Was den Reiz im Besonderen ausmacht ist, dass ihnen die kindliche Neugier, das unverstellte Durchleuchten der Welt, nicht abhanden kam. Witts Plakatentwurf „Ballonfest“ wirkt naiv. Zärtlich notiert der „Wandervogel“ Augenblicke der „Großen Fahrt“ (1926). Witt entschied sich für Formatbeschränkungen, die die Fülle aber keineswegs in Frage stellen. Die Ausstellung wurde untermalt von den Musikern „Klari fari“ der Kreismusikschule Celle. Zu sehen bis 12. März.

Von Aneka Schult