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Winsen Gemeinde Winsen will an Todesmärsche erinnern
Celler Land Winsen Gemeinde Winsen will an Todesmärsche erinnern
18:11 06.09.2013
Von Andreas Babel
Auf dem Winser Rathaus-Vorplatz neben dem Wielingschen Haus - könnte die Gedenktafel einen - angemessenen Standort finden, - meint Julius H. Krizsan. Quelle: Anne Friesenborg
Südwinsen

„Was der Südwinser Wilhelm Scheinhardt gemacht hat, ist eine absolut außergewöhnliche Aktion“, sagt Rainer Fröbe. Der Historiker aus Hannover forscht schon seit Beginn der 1990er-Jahre über den mutigen Tischler, der sein eigenes Leben aufs Spiel setzte, um kurz vor Kriegsende neun KZ-Häftlinge tagelang zu verstecken und damit zu retten. Der ehemalige Grünen-Bundestagspolitiker Julius H. Krizsan aus Winsen bemüht sich, in Erinnerung an die Todesmärsche, die Anfang April 1945 auch durch Winsen führten, und in Erinnerung an die heldenhafte Tat des Südwinsers eine Gedenktafel aufstellen zu lassen.

Die Nationalsozialisten trieben kurz vor Kriegsende aus Lagern, denen sich die Befreier näherten, ihre gedemütigten Opfer in weiter von der Front entfernte Lager, so eben auch ins KZ Bergen-Belsen. Dabei erlebte die Zivilbevölkerung eindrucksvoll mit, zu welchem verbrecherischen Handeln das NS-Regime fähig war. Krizsan schildert in der zweiten Auflage seiner Publikation „Die ,Todesmärsche‘ durch Winsen (Aller) im April 1945“, wie schockiert manche Bürger der Gemeinde auf die ausgemergelten Gestalten reagierten.

Erstaunlich viele Zeitzeugen standen dem Lokalpolitiker Rede und Antwort, berichteten ihm, was sie damals gesehen oder auch nur gehört hatten. Aus überzeugten Nationalsozialisten wurden schlagartig Systemgegner, als sie das Elend durch Winsens Straßen gehen sahen.

Historiker Fröbe kennt nur zwei weitere Fälle, in denen geflüchteten KZ-Häftlingen auf ihrem Marsch von Hannover nach Bergen-Belsen ähnlich wie im Fall Scheinhardt geholfen worden ist. Heinrich Heller rettete einem Häftling das Leben (siehe rechts), der Vater des Winsers Wilhelm Ebeling versteckte einen Geflüchteten auf dem Boden eines Stalls an der Waller Straße. Der Versteckte starb aber bald, obwohl der Arzt Dr. Georg Hähne ihm zu helfen versuchte. „Scheinhardts Tat darf man nicht verwässern, man darf sie nicht gleichsetzen mit den Erzählungen der Mütter und Großmütter, nach denen sie den Marschierenden Wasser reichten oder einen Eimer Wasser an den Wegesrand stellten, der dann von den Wachmannschaften umgestoßen worden ist“, stellt Fröbe klar. „Das war bei der Vielzahl von Todesmärschen etwas Singuläres, was der Scheinhardt gemacht hat. Das sollte man unbedingt bei der Inschrift auf einer Gedenktafel erwähnen“, sagt er: „Das überragt alles, was ansonsten überliefert ist. Wenn nur ein Jude unter den Geretteten gewesen wäre, hätte Scheinhardt schon längst seinen Baum in Yad Vashem. Er ist ein Gerechter unter den Völkern, auch wenn er diesen Titel nicht tragen darf.“

Scheinhardt starb am 15. Februar 1980 im Alter von 93 Jahren. Der überzeugte Kommunist sei ein „außergewöhnlicher Mensch“ gewesen. Eines seiner Motive, den in Südwinsen Gestrandeten zu helfen, sei sicher gewesen, dass er „den Nazis eins auswischen wollte“, wie es der Historiker formuliert. Seine zahlreichen Straftaten und Haftstrafen, die Krizsan in seinem Werk aufzählt, dürfe man nicht mit der Heldentat vom April 1945 aufwiegen, meint Fröbe. Man solle sie als „singuläre Aktion“ betrachten.

Nach Fröbes Erkenntnissen trafen Scheinhardt und die Häftlinge am frühen Nachmittag des 9. April 1945 aufeinander. Der Entschluß, die Häftlinge zu verstecken, war eine Augenblicksentscheidung. „Wer auf wen zugegangen ist, weiß ich nicht. Ganz entscheidend waren aber die Sprachkenntnisse der Häftlinge. Professor Martin Stoll sprach als Karlsruher Gymnasiallehrer für Deutsch fließend unsere Sprache. Er war nur in Haft, weil er zuvor französischer Soldat gewesen war. Und auch Louise Géhenne aus Metz sprach etwas Deutsch, weil sie aus Lothringen stammte. Es entwickelte sich ein 30-Sekunden-Gespräch und danach war klar, dass Scheinhardt die Hilflosen in seinem Ziegenstall, von dem es leider keine Fotos gibt, verstecken würde“, schildert Fröbe die Ereignisse, die er durch Zeitzeugenbefragungen rekonstruiert hat. Die letzte noch Lebende der Geretteten, Marie-Antoinette Pappé, feiert am 18. Oktober ihren 95. Geburtstag. Stoll wäre heute 100 Jahre alt geworden. Fröbe hat ihn mehrfach besucht und interviewt, zuletzt im Jahr 1995. Zwei Jahre später starb Stoll in Colmar.

Am Abend des 9. April erfuhr Scheinhardt, der den britischen Sender BBC hörte, dass dort eine Rede des französischen Generals Charles de Gaulle übertragen würde. „Komm mit, heute Abend spricht dein General“, soll er zu Stoll und den sieben Frauen gesagt haben. Also schlichen einige von ihnen vom Ziegenstall ins Wohnhaus am Oldauer Weg 26. De Gaulle sprach vom ‚Wind der Freiheit‘. Der wehte nun auch durch diese Südwinser Wohnstube.

Am nächsten Tag suchten Angehörige des Winser oder des Südwinser Volkssturms nach den Entflohenen. Sie durchkämmten Hof für Hof und kamen auch in den Ziegenstall. „Dort sind die beiden Franzosen offensichtlich von jungen, etwa 14-jährigen Volkssturm-Mitgliedern entdeckt, aber nicht gemeldet worden. Die Männer waren vom Tode bedroht, aber offensichtlich hatte Scheinhardt den Volkssturm in seiner Hand, weil er wusste, dass eine Familie einen Deserteur versteckt hatte.“

Die alten Volkssturmleute riefen von unten „Ja wie steht‘s da oben?“, und die Jugendlichen antworteten „Nichts zu melden“, obwohl beide Häftlinge von den Jugendlichen entdeckt worden waren. Trotzdem bibberten die Versteckten in den nächsten Tagen nicht nur wegen der Kälte, sondern auch wegen der drohenden Gefahr, doch noch verraten zu werden. „Das Dorf hat positiv reagiert. Die Bewohner haben eine Koalition des Schweigens gebildet“, bewertet Fröbe diesen Sachverhalt. Am 13. April 1945 um 13 Uhr haben die Briten Südwinsen befreit. Damit endete die Odyssee der neun Franzosen.

Der Historiker Fröbe bittet die Südwinser Bevölkerung um Mithilfe, einige ihm wichtige Details vielleicht doch noch klären zu können. Er hat folgende Fragen:

1. Gibt es Fotografien vom Haus der Scheinhardts am Oldauer Weg 26 in Südwinsen?

2. Wo in Südwinsen befand sich der Ziegenstall (Schuppen), in dem die KZ-Häftlinge versteckt worden sind?

3. Im Zeitraum 10./11./12. April 1945 ist der Schuppen Wilhelm Scheinhardts vom Volkssturm durchsucht worden. Kann sich jemand an diese Ereignisse erinnern?

Kontakt: Zeitzeugen können sich gerne an die CZ unter der Telefonnummer (05141) 990113 oder per Mail an a.babel@cellesche-zeitung.de wenden, da der Historiker einige Monate im Ausland tätig sein wird.

Während der nächsten Sitzung des Winser Kultur- und Sozialausschusses am Donnerstag, 7. November, werden sich die Politiker erneut damit beschäftigen, an welcher Stelle eine Gedenktafel aufgestellt werden und welchen Text sie tragen soll, erläuterte Ausschuss-Vorsitzender Hans-Günter Grunke. Zu der Frühjahrssitzung habe Krizsan aus terminlichen Gründen nicht erscheinen können. Das Vorhaben sei aber „positiv aufgenommen“ worden. Grunke sei „in einem ständigen positiven Dialog“ mit Krizsan, der bei der nächsten Sitzung auch etwas zur Finanzierung der Gedenktafel ausführen soll. Ein Gedenkstein sei mit 3000 bis 4000 Euro zu teuer, hatten die Politiker während der jüngsten Zusammenkunft festgestellt, so Grunke. „Wir wollen das nicht übers Knie brechen, sondern zusammen mit Julius Krizsan in genauen Absprachen realisieren“, meinte Grunke.

Der Experte: Der Historiker Rainer Fröbe hat vor etwa 20 Jahren begonnen, sich für den Fall zu interessieren. Seitdem forscht er darüber. Der Gymnasialprofessor Martin Stoll hatte in einem 1987auf Französisch erschienenen Buch über die Rettungsaktion von Wilhelm und Alwine Scheinhardt berichtet. „Dann bin ich einige Zeit nicht weitergekommen, weil die sieben Frauen, die die Scheinhardts versteckt haben, nicht zu ermitteln waren“, erläutert der Hannoveraner. Über die Arbeitsgruppe Limmer (www.kz-limmer.de) kam er an eine Namensliste der Überlebenden. Fröbe verdient seine Brötchen als Mitarbeiter der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, eine der Stiftungen des Sozialphilosophen Jan Philipp Reemtsma. In einem Forschungsprojekt kümmert er sich darum, die Lebensbedingungen von ehemaligen Tabakarbeitern auf der Krim zu erforschen und diese für ihre Arbeit in der Zeit des Zweiten Weltkriegs zu entschädigen. Er hat hierfür etwa 300 historische Interviews geführt. Er wird in Kürze wieder für vier Monate auf die Krim aufbrechen, um die Recherche weiterzuführen.

Literaturtipp: „Jean-Pierre Renouard, Die Hölle gestreift“ (Un uniforme rayé d’enfer, aus dem Französischen übersetzt von Rainer Fröbe und Marie-Claude Stehr), Leipzig 1999. Das Buch des französischen KZ-Häftlings berichtet eindringlich über die Räumung der hannoverschen KZ-Außenlager und die Zustände in Bergen-Belsen.

Kontakt: Die zweite Auflage der Arbeit „Die ,Todesmärsche‘ durch Winsen (Aller) im April 1945“ ist beim Autor Julius H. Krizsan zum Kostenbeitrag von 5 Euro erhältlich, Pastorengarten 5, 29308 Winsen, Telefonnummer (05143) 8818, krizsan-winsen@t-online.de

Heinrich Heller: Wie eine Kommune mit couragierten Bürgern umgehen kann, zeigt das Beispiel der Isernhagener Hauptschule, die seit einigen Jahren den Namen „Heinrich-Heller-Schule“ trägt. Der Isernhagener Landwirt Heinrich Heller (1890 – 1970) versteckte den in Isernhagen FB bei einem Todesmarsch geflohenen Häftling Martin Friedländer. Dieser wurde von einer Kugel getroffen, rettete sich schließlich ins Haus von Heller. Der Todesmarsch hatte das KZ Bergen-Belsen zum Ziel. „Heinrich Heller tat etwas zutiefst Menschliches. Er zeigte Zivilcourage. Unter Todesgefahr setzte er ein Zeichen gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Willkür eines diktatorischen Systems“, heißt es auf der Homepage der Schule. Die Schule hat eine DVD mit einem Interview der Heller-Tochter Marga Schnehage produziert, die als Unterrichtsmaterial auch anderen Schulen gegen eine Kostenerstattung von 25 Euro plus Porto zur Verfügung gestellt werden kann (info@hauptschule-isernhagen.de). Die Bürgerstiftung Isernhagen hat das Projekt finanziell unterstützt.