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Winsen Leonie May kommt in Celle zur Welt und stirbt 27 Stunden und drei Minuten später
Celler Land Winsen Leonie May kommt in Celle zur Welt und stirbt 27 Stunden und drei Minuten später
14:54 12.12.2016
Von Andreas Babel
Die Kapelle ist rund um den Sarg mit bunten Schmetterlingen und Luftballons geschmückt. Es sollte kein trauriges Fest werden, sondern ein kindgerecht würdevolles. Quelle: Beerdigungsinstitut Behr-Marwede
Winsen (Aller)

Vier Wochen nach der schweren Geburt der zweiten Tochter Leonie May und ihrem anschließenden Tod kann Mutter Larissa schon wieder lächeln. Die eineinhalbjährige Amy sucht während des Spielens im Wohnzimmer den Kontakt zu ihrer Mutter und entlockt durch ihr fröhliches Wesen ihren Eltern manchmal schon wieder ein Strahlen.

Hinter der jungen Familie liegt eine sehr schwere Zeit. Erst elf Tage vor der Geburt am 14. November gibt es Anzeichen, dass mit dem Baby im Bauch der Winserin etwas nicht stimmen könnte. Als sich diese Anzeichen zur Gewissheit verdichten, dass Leonie May große gesundheitliche Schwierigkeiten hat, entscheiden sich Eltern und Ärzte des Celler Allgemeinen Krankenhauses (AKH) gemeinsam, das Kind durch einen Kaiserschnitt auf die Welt zu holen.

Leonie May lebt genau 27 Stunden und drei Minuten lang. Larissa und Ehemann Nils bleiben nur jeweils wenige Minuten, in denen sie ihre viel zu früh in der 29. Schwangerschaftswoche geborene Tochter im Inkubator sehen können.

Acht Stunden nach der Geburt darf die Mutter erstmals zu ihrer Tochter. Es ist schwer für sie, das kleine Erdenkind in seiner Hilflosigkeit zu sehen, doch sie will es unbedingt: „Ich habe es geschafft, meine süße Maus, unsere geliebte Tochter, im Inkubator anzuschauen und meine Hand an ihren Kopf zu legen. Mir war klar, ich will das! Natürlich! Gar keine Frage! Aber man denkt automatisch erst mal, ich kann das nicht. Ich schaffe das nicht. Das darf doch nicht wirklich wahr sein ... Ich habe es geschafft, sprechen zu können, ihr ganz viel zu erzählen, zu sagen, wie stolz wir auf sie sind, wie toll und süß und tapfer sie ist, dass alles gut wird, dass sie keine Angst zu haben braucht, dass wir sie so sehr lieben und uns so auf sie gefreut haben. Leonie bewegte ihre Füße, vorher hatte sie das angeblich nie getan und die Ärzte sagten, die Werte seien so gut wie noch nie gewesen ...“

Mitten in der Nacht wird das schwer kranke Kind, bei dem eine Chromosomen-Veränderung vermutet wird, in die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) verlegt. Herz und Lunge des Kindes waren immer schwächer geworden.

Larissa, die vom Kaiserschnitt starke Schmerzen hat, lässt sich im Krankenwagen in hohem Tempo ebenfalls vom AKH in die MHH verlegen. Sie will ihre Tochter sehen. Sie möchte sich von ihr verabschieden, solange die Kleine noch lebt. „Sollen wir langsamer fahren?“, fragt der Sanitäter, der sieht, wie sich die Mutter quält, wie jede Bodenwelle ihr Schmerzen bereitet, so als würde ihr Bauch aufreißen. „Nein, bloß nicht. Ich habe meine Tochter schon bald zwölf Stunden nicht gesehen und weiß nicht, ob sie überhaupt noch lebt“, sagt Larissa.

Am Inkubator in der MHH, wo das Kind an etliche Maschinen angeschlossen ist, die sein Leben erhalten, brechen Mutter und Vater zusammen. Doch sie berappeln sich wieder, Schwestern belegen ihnen Brötchen, geben ihnen zu trinken. Die Winser wollen stark sein für Leonie May. Den ersten Vornamen (der zweite Vorname May stand schon vorher fest) haben sie erst wenige Stunden zuvor ausgesucht, weil er „Die Kämpferin“ bedeutet und weil sie ihren Eltern gezeigt hat, dass sie unbedingt lebend zur Welt kommen wollte, dass sie unbedingt in den Armen von Larissa und Nils in eine andere Welt hinübergleiten wollte.

Als die MHH-Ärztin dem Ehepaar erläutert, dass die Maschinen das Frühgeborene permanent reanimieren, entscheiden sie gemeinsam, das Kind aus dem Inkubator zu holen, es der Mutter auf die Brust zu legen und die Schläuche nach und nach zu entfernen. Nils hält die Hand der Kleinen und so stirbt sie nicht mutterseelenallein in der Wärme-Box, sondern gehalten von den Menschen, die sie so lieben wie ihre Schwester Amy.

Den Gedanken, dass Leonie May im Inkubator gestorben wäre, hätte ihre Mutter als noch „viel unerträglicher“ empfunden. Heute weiß Larissa, dass es Leonie jetzt gut geht. „Sie hat keine Schmerzen mehr. Es ist ein Glück, dass Nils und ich jede Entscheidung wieder genauso treffen würden. Sie wollte unbedingt lebend auf die Welt kommen, zu uns! Wir konnten immerhin einmal mit ihr kuscheln. Sie hat so tapfer gekämpft und bis zu diesem Moment durchgehalten. Ich bin so dankbar dafür!“, sagt Larissa heute.

Das Ehepaar hält die ganze Zeit über Händchen und es sagt sich immer wieder: „Wir schaffen das.“ Nils meint: „Leonie hat sich uns als Eltern ausgesucht, weil sie wusste, dass wir es schaffen würden. Sie ist jetzt nicht mehr da, wo sie war, aber überall, wo wir sind. Sie ist und bleibt unsere Tochter, Amys kleine Schwester.“

Während die drei voneinander Abschied nehmen, kümmert sich das Personal der MHH einfühlsam um Eltern und die kleine Leonie May. „Sie haben das sehr würdevoll gemacht“, sagt Larissa. Eine Fotografin aus Hannover, Katrin Kutter, die ehrenamtlich für die Initiative „Dein Sternenkind“ arbeitet, kommt in die Klinik und fertigt einige Aufnahmen von Leonie May an. Diese Fotos bedeuten dem Paar sehr viel, sind wichtig für den Trauerprozess, den die Familie bis jetzt sehr gut bewältigt.

Würdevoll und einfühlsam ist auch die Begleitung durch den Bestatter. Die Eltern verzieren den kleinen weißen Sarg mit bunten Schmetterlings-Silhouetten, die Gäste erscheinen in Alltagskleidung, darunter viele Kinder. Mit Helium gefüllte Luftballons schmücken die Kapelle, und an einem Blumen-Arrangement, das wie ein Schmetterling geformt ist, sind zwei Schleifen mit einem letzten Gruß von Larissa, Nils und Amy angebracht. Einen Tag nach der Bestattung lässt die Familie auf dem eigenen Grundstück in Winsen die Luftballons in den grauen November-Himmel aufsteigen. Einige Nachbarn und Freunde sind mit ihren Kindern dabei. Larissa, Nils, Amy und Leonie May sind nicht allein.

Über 600 Fotografen arbeiten in Deutschland ehrenamtlich in der Initiative „Dein Sternenkind“ mit. Durch ein Alarmierungssystem wird ein Fotograf verständigt, der sich in der Nähe des Geburtsortes befindet, um ein Sternenkind zu fotografieren. Kinder, die während der Geburt oder kurz danach sterben, werden von ihnen fotografiert. Diese Fotos werden den Eltern kostenlos überlassen. Das ist eine humanitäre Geste der Fotografen, um die Eltern in ihrem Trauerprozess zu unterstützen. Die Initiative wurde im Jahr 2013 von Kai Gebel gegründet. Seit Monaten versucht die Initiative, von den Behörden als gemeinnütziger Verein anerkannt zu werden, um Spendenquittungen ausstellen zu dürfen. Das ist derzeit noch nicht möglich. „Dein Sternenkind“ ist aber auf Spenden angewiesen.