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Winsen Mit dem Messer geschnitten
Celler Land Winsen Mit dem Messer geschnitten
16:27 02.04.2013
Die Holzschnitte, die in Winsen gezeigt werden, stammen zum größten Teil aus der Sammlung von Heiner Schönknecht. Quelle: Gert Neumann
Winsen (Aller)

Holzschnitte aus fünf Jahrhunderten sowie umfangreiche Dokumentationen zum Thema zeigt der Winser Heimatverein in einer Sonderausstellung, die am vergangenen Sonnabend unter dem Titel „Mit dem Messer geschnitten“ in „Dat Groode Hus“ eröffnet worden ist. Sie stammen überwiegend aus der Sammlung des Vereinsmitglieds Heiner Schönknecht und werden durch einige Leihgaben der Berliner Galerie Nierendorf ergänzt.

Die didaktisch klug durchdachte und ansprechend gestaltete Schau beginnt mit Holzschnittillustrationen aus Büchern mit religiösen, historischen und geografischen Motiven aus der Zeit um 1500. Sie setzt sich fort mit dem Übergang der Holzschneiderei von der Buchillustration bis zur eigenständigen Kunstform und verläuft sich schließlich in eindrucksvollen Publikationsbeispielen vom Flugblatt bis zur Zeitung. So kann der Betrachter nicht nur die sich mit den Jahren zunehmenden Verwendungsmöglichkeiten, sondern auch die handwerkliche Entwicklung des Holzschnitts nachvollziehen.

Waren es zunächst einfach anmutende lineare Schnitte, die einer mitunter groben, auf das wichtigste abstrahierenden Zeichenweise folgten, wurde der Holzschnitt unaufhaltsam zum Experimentierfeld. Die Holzschneider lernten etwa, Hell-Dunkel-Schattierungen zu erzeugen und damit ihren Motiven Tiefe zu geben. Sie verbanden Flächiges mit Linearem und setzten es für eine bildhafte Erzählkunst ein. Durch neue Schnitttechniken und die erweiterten Möglichkeiten wie den Holzstich wurde die Kunst des Holzschnitts zur meistverwendeten Illustrationsform des 19. Jahrhunderts. Schaut man sich einmal einen Holzstich aus dieser Zeit genauer an, bekommt man eine Ahnung, wie langwierig es gewesen sein musste, diese Unzahl feiner Linien und heller Stellen in den unterschiedlichsten Formen und teilweise bis zu mikroskopischer Kleinheit aus dem Holz herauszuarbeiten.

Von den erzählerischen Elementen der Feinarbeiten Albrecht Dürers bis zur plakativen Aggressivität des expressionistischen Holzschnitts reicht die enorme Bandbreite der Exponate. Und jede Arbeit zeigt auf ihre Weise die individuelle subjektive Sichtweise des jeweiligen Künstlers. Jedes Bilddetail, jedes Pünktchen, jeder Strich ist bewusst gesetzt, andere, unwichtig erscheinende Einzelheiten wurden in den Hintergrund gedrängt oder fortgelassen. Und da der Holzschnitt immer häufiger auch der alltäglichen Berichterstattung diente, dokumentiert er zugleich das Arbeits-, Freizeit- und familiäre Milieu der Menschen ihrer Zeit, spiegelt ihre Ängste wider und zeigt die Begeisterung für bestimmte Dinge oder Ereignisse.

Von Rolf-Dieter Diehl