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Winsen Rollenspiel, Reflexion, Sprachjonglage mit Stripling
Celler Land Winsen Rollenspiel, Reflexion, Sprachjonglage mit Stripling
16:47 22.11.2010
Winsen (Aller)

Die Bezeichnung als „kleines Phänomen“ kann man im Falle Striplings aber auch wörtlich nehmen. Er ist nämlich wirklich sehr klein, wirkt fast schon zerbrechlich in seiner Schmalheit und Leichtgewichtigkeit. Dabei ist das, was er dann seinem Publikum anbietet alles andere als leichte Kost. Er kreiert eine eigene Kunstform irgendwo zwischen szenischem Erzählen, darstellendem Rollenspiel und literarischer Reflexion. Skurriler und oft hintersinniger Humor ist genauso sein Ding wie virtuose Sprachjonglage in der Nachfolge eines Jandl, Artmann oder seines regionalen Mentors Friedhelm Kändler.

Mehr als einfaches

Vortragen von Texten

Das Entscheidende bei Stripling ist, dass er Texte nicht einfach vorträgt, sondern sich dabei komplett in das literarische Ich hinein versetzt. Man erlebt die Literatur also quasi aus der Perspektive des literarischen Subjekts. Und das hält Stripling in einer Konsequenz durch, die so faszinierend ist, dass man sich seines Erzählflusses gar nicht entziehen kann. Im ersten Teil trat er im Kostüm eines Zwitterwesens aus Engel und Till Eulenspiegel auf, im zweiten Teil weniger konkret als Sprachzauberer mit originellem Mantel.

Dass Striplings Weise des Erzählens auf Dauer auch die Gefahr des Sich-Totlaufes bergen kann, ist Stripling offenbar bewusst. Vielleicht strukturiert er deshalb seine Performance durch kurze musikalische oder musikalisch-szenische Interpunktionen am Schlagzeug. Und diese geraten durchaus auch erlebenswert. So wurde Striplings Variante von „Stille Nacht“ ohne Melodie, aber mit Rhythmus und mit Kriechgang durch die Räume des Nebenan zu einem Höhepunkt des Abends.

Von Reinald Hanke