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Winsen "Schatzkiste" stiftet lange Freundschaft für 96-jährigen Winser
Celler Land Winsen "Schatzkiste" stiftet lange Freundschaft für 96-jährigen Winser
19:20 10.11.2014
Von Andreas Babel
Im der Sanitätskiste hat Otto Taxweilers Kamera 47 Jahre überdauert. 1992 erhält er sie zurück. Quelle: Benjamin Westhoff
Winsen (Aller)

Spätes Frühjahr 1945: Otto Taxweiler vergräbt seine Sanitätskiste am Bahndamm zwischen Zorge und Elend. Als Ort hat er sich dafür einige größere Bäume ausgesucht, die direkt an einer Brücke stehen, über die die Kleinbahn noch heute im Harz verkehrt. Taxweiler ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Er hat den gesamten Zweiten Weltkrieg über als Soldat der Wehrmacht privat Fotos mit seiner Kodak-Kamera geschossen, die er nun hier vergräbt, weil er damit rechnet, dass er sie abgeben muss, wenn er in Gefangenschaft gerät. Er ist zuvor vom Fahneneid entbunden worden und hat sich zusammen mit anderen Wehrmachts-Soldaten vom Rhein in Richtung Osten abgesetzt.

Wenige Tage später ist es soweit. Zusammen mit einem Kameraden, dessen Armstumpf er jeden Tag neu verbindet,weil dessen Hand abgeschossen worden ist, meldet er sich bei amerikanischen Soldaten, deren Wagen er vorbeifahren sieht. Die russischen Streitkräfte haben sich von Osten schon bis auf sechs Kilometer genähert. Taxweiler bleibt bis 1948 in amerikanischer Gefangenschaft, wo der Tüftler als Maschinist beim Bau eines Wasserwerks eingesetzt wird.

An die Sanitätskiste mit seiner Kamera kommt er nicht heran, weil er sich in der mittlerweile eingerichteten sowjetischen Besatzungszone befindet. Hunderte von Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg haben die Wirren trotzdem überdauert, weil er sie in seinem Elternhaus in der Celler Blumlage gelagert hatte.

Nach der Wende und dem Mauerfall erhält der mittlerweile 74-Jährige einen Anruf eines Berufsschullehrers aus Helmstedt. Dessen Sohn, ein Student, hat am 18. September 1992 mit Hilfe eines Metall-Suchgeräts im Harz die alte Kiste von Taxweiler gefunden und geborgen. Auf die Rückseite eines Zettels, auf dem der Inhalt der Kiste aufgeführt ist, kann man noch heute die Worte „Otto Taxweiler, Celle, Lüder-Wose-Str. 46“ lesen. Dort machten die Finder die Schwester des seit 1961 in Winsen lebenden Mannes ausfindig.

„Ich bin eingeladen worden, bin eine Woche später hingefahren und habe die Kiste und die Kamera in Empfang genommen. Ich musste dem Studenten aber versprechen, dass ich nichts über diese Geschichte erzähle, denn sonst wäre der Harz von solchen Spurensuchern überlaufen worden, befürchtete er“, sagt Otto Taxweiler, der mit seinen 96 Jahren noch quietschfidel und wie eh und je „neugierig“ ist, wie er selbst sagt. Den Namen des einstigen Studenten will er auch heute noch nicht preisgeben.

Ihm hat er seine im Krieg geschossenen Fotos überreicht, bei ihm weiß er sie in den richtigen Händen. In den nunmehr 23 Jahren, in denen sich die beiden ungleichen Männer kennengelernt haben, hat sich eine Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. „Er arbeitet heute in Bremerhaven und jedes Jahr, wenn er von dort zu seinem Zuhause fährt, macht er hier Station und wir trinken einen Kaffee zusammen. Ich sammle auch immer allerlei Kriegsgeschirr für ihn. Wenn er das nächste Mal vorbeikommt, gebe ich ihm wieder etwas mit“, sagt Taxweiler.

Zu Hause in Helmstedt hat der mittlerweile promovierte Mann eine private Sammlung mit all den „Schätzen“, die er bei seiner Suche im Harz geborgen hat. „Da sind auch alte Gewehre dabei, aber ohne Kolben, denn die sind alle verfault“, weiß Taxweiler. Der Zustand der Kamera überraschte den Hobbyfotografen. Die mit Gummi abgedichtete Kiste hat nämlich ziemlich gut gehalten: Der Apparat war zwar klamm und der Balg des Objektivs lässt sich nicht mehr schieben, aber den Film konnte man dem Apparat noch entnehmen, doch selbst ein Agfa-Spezialdienst konnte keinen Belag mehr feststellen. Die elastische Binde und die Jod-Tinktur in Originalverpackung sind nicht mehr zu gebrauchen, haben die Zeit seit ihrer Herstellung 1942 aber überdauert. Gehalten hat seit nunmehr auch die Freundschaft der beiden Männer, die sich durch die alte Kiste entwickelt hat.