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Winsen Tagung in Meißendorf zeigt: Beim Wolf ist Herdenschutz ein Muss
Celler Land Winsen Tagung in Meißendorf zeigt: Beim Wolf ist Herdenschutz ein Muss
22:37 03.10.2016
Meißendorf

"Wir haben das schon hinter uns", sagte Professor Josip Kusak von der Universität Zagreb mit Verweis auf seine Heimat Kroatien. Der Konflikt Wolf-Nutztier hänge nicht von der Zahl der Tiere, sondern vom Schutz der Nutztiere ab, der ein bisschen in Vergessenheit geraten sei. Der Biologe stellte die Situation in drei europäischen Regionen dar. In der Nordost-Türkei würden Schafe und Rinder tagsüber von Hirten geschützt, die zum Teil auch bewaffnet seien, die Nächte verbringen die Tiere im Stall. Eine Entschädigung bei Rissen gebe es nicht, allerdings auch keine Strafe bei der illegalen Tötung von Wölfen.

Norwegen verlange keinen Schutz der Tiere und entschädige bei Rissen großzügig, lasse aber nur drei Wolfsrudel zu, wolle jetzt von 67 Wölfen 47 zum Abschuss freigeben und sehe darin auch keinen Konflikt mit der Berner Konvention, die den Wolf unter Schutz stellt. Im benachbarten Schweden müssten Nutztiere geschützt sein, sonst gebe es bei Übergriffen keine Kompensation. In Kroatien werden Schafe tagsüber von Schäfern und Herdenschutzhunden begleitet, nachts werden sie eingepfercht. "Es gibt eine Entschädigung, wenn die Tiere geschützt sind", sagte Kusak. Allerdings gebe es auch in Kroatien illegale Wolfsabschüsse.

Seit 20 Jahren ist der Wolf in der Schweiz zurück, seit zwölf Jahren nimmt die Betreuung der Herden auf den Sommerweiden in den Alpen wieder zu. Riccarda Lüthi von der Agridea, der Schweizerischen Vereinigung für die Entwicklung der Landwirtschaft und des ländlichen Raums, machte in ihrem Vortrag deutlich, dass nicht nur der Wolf, sondern auch Vermarktungsdefizite oder die Überalterung der Schafhalter zu einer Veränderung geführt hätten.

Die Agridea koordiniert im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt den Herdenschutz in der Schweiz, in der heute rund 30 Wölfe gezählt werden. Dazu zählen Beratung, ein kurzfristiger Schutz mit Notfallsets wie Netzzäunen oder Blinklampen und die Erarbeitung einer langfristigen Lösung durch Fachleute. "Alle Schutzmaßnahmen sind mit einem gewissen Mehraufwand verbunden, vor allem in den ersten beiden Jahren", sagte Lüthi. Nachtpferche werden zu 80 Prozent gefördert, die Haltung eines Herdenschutzhundes mit 1200 Franken pro Jahr. Darüber hinaus gibt es eine jährliche Unterstützung für den erhöhten Aufwand auf den Alpen.

Das Vieh auf 85 Alpen wird heute nach ihren Worten mit Herdenschutzhunden geschützt, einige der wehrhaften Hunde arbeiten auch ohne Hirten oder Zaun. Auf die Qualität der Herdenschutzhunde wird großer Wert gelegt. So müssen Züchter und Ausbilder jährlich eine Weiterbildung besuchen. Trotzdem stellte Lüthi fest: "Den perfekten Herdenschutzhund gibt es natürlich nicht."

"Aus Versicherungssicht ist das Wolfsthema kein Thema", hatte zuvor Albert Ziegler vom Bereich Produktmanagement Agrar der R+V Versicherung in Wiesbaden gesagt. Die Fallzahl durch wildernde Hunde sei größer. Bei seinem Unternehmen könnten Landwirte künftig den Verlust von Tieren durch Wolfsangriffe mitversichern und angestrebt werde eine Gruppenversicherung über die Landesverbände, über die dann eine Absicherung auch für Hobby-Halter möglich sei.

In Deutschland blicke man inzwischen auf 16 Jahre Erfahrung zurück, hatte zu Beginn der Tagung Markus Bathen vom Nabu-Projektbüro Wolf im sächsischen Spremberg festgestellt. 99 Prozent der Beute machten Wildtiere aus, in erster Linie Reh-, Rot- und Schwarzwild, der europäische Wolf könne sich aber auch anderen Gewichtsklassen zuwenden. Die Wehrhaftigkeit großer Nutztiere sei als Grundschutz anzusehen, werde der von Wölfen überwunden, müsse im Bedarfsfall mit Schutzmaßnahmen reagiert werden.

Der Abschuss von Wölfen sei kein Herdenschutz, sagte Bathen. Es bringe nichts, denn dann komme der nächste Wolf und reiße das Schaf. Herdenschutz solle die Normalität in der guten landwirtschaftlichen Praxis sein und auch eine Förderung aus den entsprechenden Töpfen erfahren. Der Staat könne nicht zwingend die Pflicht übernehmen können, in Fällen natürlicher Ereignisse – wie der Rückkehr der Wölfe – Schadenersatz zu zahlen, so Bathen. Er sprach sich dafür aus, dass Förderkulissen vorausschauend eingerichtet werden sollten, nicht erst, wenn der Wolf ein neues Gebiet besiedelt hat. Und der Wolf dringt in weitere Regionen vor, 46 Rudel gab es im Monitoringjahr 2015/16, das Ende April endete, 53 Rudel sind es nach Bathens Worten jetzt nach weiteren Welpennachweisen aus diesem Jahr.

Von Joachim Gries