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Winsen Wie ein naturnaher Garten gelingt
Celler Land Winsen Wie ein naturnaher Garten gelingt
13:26 17.08.2018
Quelle: Rainer Schiedung
Winsen (Aller)

Eigentlich fehlen mir noch fünf Morgen Land, um meine Ideen umzusetzen“, sagt Regina Heerdes aus Winsen und bedauert, dass sie nicht mehr gärtnern kann.

Sie hat sich 2007 dazu entschlossen, ihren 50 Quadratmeter großen Hausgarten in Celle aufzugeben: „Das war eine Zumutung für mich …“ Nun wohnt sie auf einem 800 Quadratmeter großen Waldgrundstück in der Südohe. Direkt an den Allerwiesen, mit immer wiederkehrender Hochwassergefahr. „Beim letzten großen Hochwasser stand die Aller bis knapp unter den Brettern der Terrasse. Ich hatte schon Sandsäcke bereitliegen“, erinnert sich die begeisterte Gärtnerin an den Mai 2013.

Jetzt ist von dem Wasser nichts zu sehen. Die Aller fließt gemächlich in ihrem Bett, einige Schritte vom Grundstück Heerdes entfernt. „Als ich das Land übernahm, war alles voll mit Kiefern und Fichten“, berichtet Heerdes. Damals wurden zunächst einmal etliche Bäume gefällt, um Licht auf das Grundstück zu bekommen: „Es war ziemlich dunkel hier.“

Jetzt hat Regina Heerdes einen naturnahen Halbschatten-Garten: „Ich mag es vielfältig. In der Natur beißt sich nichts, da wächst Orange neben Pink.“ Entsprechend bunt und vielfältig hat Heerdes ihren Garten angelegt: „Da sind verschiedene Bereiche, in denen man immer was Neues entdecken kann.“ Dazu zählen ein Teich mit Gräsern und Farn und eine Eibe. Gewollt sind auch Widersprüche: Buchsbaum, Bambus und die amerikanische Traubenkirsche als Hausbaum, in dem sich die Vögel tummeln. Die fühlen sich offenbar auch auf dem begrünten Schuppendach wohl. „Nicht immer stimmen mein Wille und die Natur überein, aber manches hat sich auch so ergeben“, beschreibt Heerdes ihr Konzept.

Ein Konzept, das auch von der Gruppe Winsen des Naturschutzbundes (Nabu) begrüßt wird. In ihrem Naturgarten-Projekt haben die Nabu-Aktiven Gertraud Wacker und Almut Liese Kriterien zusammengestellt, die deutlich machen, was sie unter einem naturnahen Garten verstehen. „Biene, Kleiber, Rittersporn & Co.“ heißt das Projekt, an dem sich in diesem Jahr elf Winser Gartenbesitzer beteiligen. „Alle schönen und interessanten teilnehmenden Gärten haben unsere Kriterien für ‚naturnah‘ in unterschiedlichsten Schwerpunkten erfüllt. Manchmal mehr, manchmal weniger“, meint Liese. Demnächst erhalten sie eine Nabu-Plakette.

Bereits 2006 gab es eine vergleichbare Initiative von der damaligen Nabu-Vorsitzenden Dagmar Brysch und ihrem Mann Hartmut. „Das soll kein Wettbewerb sein, sondern so soll ein lebendiges Gartennetzwerk aufgebaut werden, in dem man sich austauschen kann: Einen Naturgarten kann jeder anders sehen“, sagt Rainer Wauer, Vorsitzender der Winser Nabu-Gruppe. Das reiche von wenig Eingriff in die örtlichen Gegebenheiten bis hin zu präziser Anlage von Beeten, Hecken und Räumen. „Uns ist wichtig, dass auf chemische Unkrautbekämpfungsmittel verzichtet wird“, konkretisiert Gertraud Wacker ein Kriterium. Außerdem sollte auf den Einsatz von mineralischem Stickstoffdünger verzichtet werden. Beides könne die Natur selbst besorgen, durch Kompost, Hornspäne, Jauche, Steinmehl, Mulchen, Tiermist.

Hinzu komme, dass eine Bodenbearbeitung vorwiegend mechanisch erfolgen dürfe und dabei die ökologischen Gemeinschaften berücksichtigt werden sollten. „Das Gleichgewicht von Nützlingen und Schädlingen sollte vorhanden sein“, ergänzt Almut Liese. „Wir wollen Artenvielfalt fördern.“ Wenn man bedenkt, dass wir derzeit jedes Jahr etwa ein Prozent unserer Vogelindividuen verlieren, ist dringender Handlungsbedarf gegeben. „Auf jeden Einwohner Deutschlands kommen gerade noch anderthalb Vögel“, weiß Wauer aus der Literatur und verweist auf den Ornithologen Peter Berthold: „Die Lebensräume der Vögel werden vernichtet, sie finden keine Nahrung mehr. Die Insekten schwinden noch schneller. Die Roten Listen der gefährdeten Arten werden immer länger.“ Es sei eine Schande für eine Kulturnation, meint der langjährige Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee: „Wir brauchen auch hier viele Vögel. Überhaupt viele Arten, also viel Biodiversität.“ Das sei eine Überlebensversicherung. „Wenn es zu wenig Arten gibt, wird das Ökosystem instabil, dann genügt ein einziger neuer Schädling, und unsere Ernte ist vernichtet.“

Welche Lebensräume bietet der Garten? Gibt es naturnah gestaltete Teiche, Wildblumenwiesen, Totholz, Brennnesselecken? Wachsen Küchenkräuter, Wiesenkräuter, Wiesenblumen, Obstbäume, Wildsträucher? Welche Möglichkeiten haben Tiere? Gibt es Brut- und Nisthilfen für Vögel, gibt es Unterschlupf für Insekten oder andere Tiere. Gibt es Tränken? Wo bleiben Gartenabfälle? „Schon lange wissen wir, dass der Schwund der Artenvielfalt in Flora und Fauna ein konsequentes Umdenken erfordert“, betont Wauer und sagt, dass weniger Stickstoff und Pestizide auch und gerade in den 17 Millionen Privatgärten in Deutschland helfen könnten, Landschaftsbrücken zwischen den Naturschutzgebieten zu schaffen.

Allerdings: „Ein naturnaher Garten ist nicht unbedingt pflegeleicht“, warnen Wacker und Liese vor falschen Illusionen. „Wir hoffen aber, mit unseren Informationen Gartenbesitzern weiterzuhelfen und Anstöße und Impulse zu geben.“ Wauer: „Ein Stück Land ist ein Stück Verantwortung für die Natur!“

Das wissen auch Friederike und Rainer Schiedung, die seit 1980 in Stedden einen Morgen Land verantworten. „Wir lassen Artenvielfalt der Pflanzen und Tiere zu und respektieren die Natur: Wenig eingreifen, seltener Heckenschnitt, wenig Formschnitt. Und: Organisches – also Laub, Nadeln und Gemüseabfälle – verlässt nicht unser Grundstück“, beschreibt Rainer Schiedung seine Leitlinien. „Wir kauften keinen Mutterboden, sondern überließen den Kiefernnadeln und dem natürlichen Samenanflug die Begrünung.“ Zunächst kamen Sandgras und Sauerampfer vom Nachbargarten, inzwischen wachsen Blaubeeren, Heidekraut, Farne, Eichen, Ahorn, Birken, Lärche und Brombeeren.

„Wege entstehen beim Gehen“, zeigt Friederike Schiedung auf Pfade auf ihrem Grundstück. „Wir haben keine Wege angelegt, sondern Wege sollen sich bilden und können auch verschwinden. Sie sollen neugierig machen und zum Weitergehen anregen.“ Baumwurzeln, Kiefernzapfen, Steine oder auch in die Wege hineinwachsende Zweige bleiben, damit man achtsam geht.

Bei Schiedungs werden auch keine Maschinen eingesetzt, hier hört man sicher keinen Rasenmäher brummen, Kantenschneider dröhnen oder Laubsauger heulen. Hier wird mit Sichel, Astschere, Bügelsäge, Rechen und Besen gearbeitet. Stolz zeigt Friederike Schiedung ihre Laubharke, der schon einige Zacken fehlen. „Die haben wir schon so lange, wie wir hier leben.“

Schiedungs nehmen zum Wässern die Gießkanne für besseren Kontakt und Kenntnis der Lebewesen. Außerdem lassen sie Baumgruppen wachsen und Totholz stehen. „Darum haben wir hier auch diesen Artenreichtum an Vögeln.“ Die Natur sei viel klüger als wir Menschen, meinen die beiden Grundbesitzer.

Als Cordula und Oliver Klein vor 14 Jahren ihr 1500 Quadratmeter großes Grundstück übernahmen, war die Hoffläche gepflastert und diente als Stellplatz für Lastwagen und Propangasflaschen. Wer jetzt auf den Hof kommt, ist beeindruckt von der rund 150 Quadratmeter großen Wildblumenwiese. „Irgendwas blüht immer“, sagt Cordula Klein und schwärmt: „Es ist unglaublich, wie viele Insekten wir haben: Grillen, Wespen, Bienen, Heuschrecken. Es wimmelt förmlich.“ Und in den Sylter Heckenrosen nebenan tummelten sich zur Blütezeit Hummeln.

„Die Wiese mähe ich einmal im Jahr mit der Sense“, sagt Oliver Klein über seinen Part der Gartenarbeit. Er beschäftigt sich mit seinen Bienenvölkern im Garten, beschneidet im Herbst auch die Rosen und fegt das Laub zusammen: „Da kriegen wir so ungefähr einen Container voll.“ Ansonsten lasse man erstmal alles stehen und schaue, was sich daraus entwickelt und was passiert.

Weiter hinten, optisch durch Büsche getrennt, haben Kleins ihren Garten. Ein riesiger Walnussbaum verspricht in diesem Jahr gute Ernte. Zudem spendet er Schatten. Eine Hängematte zwischen zwei alten Bäumen ermöglicht Entspannung. Und das mitten in Winsen, als Restbestand des alten bäuerlichen Ortskerns. „Unser Garten passt sich unserem Leben an, und wir nehmen Rücksicht auf die Natur“, so Cordula Klein. „Er soll uns gefallen.“ Und mit einem leichten Augenzwinkern verrät sie: „Ich plane und mein Mann setzt um …“

Über dem Teich tummeln sich Libellen, der kleine grüne Frosch lässt sich auf dem Stein in der Sonne nicht stören. Insgesamt habe sich ihr Konzept bewährt, nicht allzu viel in die Natur einzugreifen und mit eigenem Kompost organisch zu düngen. „Mit ein paar kleinen Ecken sind wir nicht ganz zufrieden – aber wir überlegen noch“, stellen Kleins fest und denken, dass sie mit Natursteinen auch für Tiere interessante Nischen schaffen können. Den Nabu Winsen freut’s jedenfalls.

Von Lothar H. Bluhm