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Winsen Zeitzeugin erinnert sich an Winser Scheinhardt: Uhr als Symbol der Versöhnung
Celler Land Winsen Zeitzeugin erinnert sich an Winser Scheinhardt: Uhr als Symbol der Versöhnung
16:03 27.12.2013
Von Simon Ziegler
Winsen (Aller)

Es ist eine silberne Uhr, einfaches Metall. Sie dürfte nicht viel wert sein. Doch darum geht es nicht. Die Uhr gehört einer Familie aus Winsen. Seit 1945 bewahrt sie Marie-Antoinette Pappé in Paris auf.

Sie ist die letzte noch Lebende der neun Franzosen, die der Südwinser Tischler Wilhelm Scheinhardt versteckte und denen er das Leben rettete. Viele Details sind zuletzt von dem Drama bekannt geworden, das sich in den letzten Kriegstagen in Winsen abspielte. Der frühere Bundestagsabgeordnete Julius H. Krizsan hat die Geschichte von Scheinhardt recherchiert. Gerade hat der Gemeinderat beschlossen, eine Gedenktafel für ihn aufzustellen.

Vor einigen Tagen klingelte im Winser Rathaus das Telefon. Walter Tschirschky aus Paris war dran, der Schwiegersohn von Pappé. Er erzählte Bürgermeister Dirk Oelmann, dass seine Schwiegermutter seit vielen Jahrzehnten eine Uhr habe, die sie an die rechtmäßigen Besitzer zurückgeben wolle.

Für die CZ arrangierte Tschirschky, ein gebürtiger Deutscher, ein Telefongespräch mit Pappé. Zehn Tage hat sie damals in Winsen verbracht, erzählt sie. Sie gehörte zum französischen Widerstand, mit 23 Jahren wurde sie festgenommen. Drei Jahre war sie im Lager, erst in Ravensbrück, später im Außenlager Hannover-Limmer. Die Nationalsozialisten trieben kurz vor Kriegsende aus Lagern, denen sich die Befreier näherten, ihre Opfer in weiter von der Front entfernte Lager. Vom 6. bis zum 10. April 1945 zwang die SS Häftlinge zum Marsch von Hannover nach Bergen-Belsen. „Wir waren in einem dieser Mädchenzüge, das waren mehrere hundert Frauen. Wir waren in Winsen, ich kann mich an eine Brücke erinnern. Plötzlich flogen die Engländer Bombenangriffe. Die SS-Wachmannschaft hat gesagt, wir sollen in Deckung gehen.“

Sie sei dann zurückgelaufen und habe sich hinter der Brücke versteckt, berichtet Pappé. Dort sah sie Wilhelm Scheinhardt. „Er ist erst weitergelaufen, dann hat er uns ein Zeichen gegeben. Wir waren sieben Frauen und zwei Männer. Er hat uns in einem Kuhstall versteckt“, erinnert sich Pappé. Ihren Witz hat sie nicht verloren: „Schöne Kühe waren da drin, aber die normannischen Kühe sind schöner.“ Scheinhardt habe die Gruppe mit Nahrung versorgt, vor allem mit Kartoffeln. „Er war sehr liebenswürdig und hilfsbereit.“

Überall war während dieser Tage in Winsen die Wehrmacht. Die SS kam von Bergen-Belsen, um die Geflüchteten zu suchen. Große Angst hätten sie gehabt.

Nach einer Woche kamen die englischen Truppen. Erst waren sie nicht bereit, mit den Häftlingen zu reden. Sie hatten die strikte Order, sich mit niemandem zu unterhalten. Die Französinnen hätten dann vom Bürgermeister Winsens, der wohl schon von den Engländern eingesetzt war, eine Wohnung zur Verfügung gestellt bekommen. „Der Bürgermeister hatte ein schönes, breites Haus, einen Stall daneben, alles war sauber und ordentlich“, erinnert sich Marie-Antoinette Pappé. Sie selbst konnten sich endlich wieder waschen, „wir waren voller Läuse und Flöhe“.

Die Engländer gaben ihnen Seife und Kleidung. Die Kleider hatten sie aus den Häusern herausgeholt, warfen sie auf einen Haufen und sagten den Franzosen, sie sollen sich irgendetwas nehmen, was passen könnte. Pappé zog sich eine Jacke an, in der sie später die Herren-Taschenuhr fand. Sie hat bis heute alles aufgehoben, eine Büchse, sogar einen Rest Seife und eben die Uhr, die jetzt nach vielen Jahren nach Winsen zurückgeschickt wird.

Auch an die Winser Bevölkerung erinnert sie sich. „Die Leute haben uns komisch angesehen, sie erblassten angesichts der armseligen Kreaturen.“ Die Engländer hatten in Winsen die Verteilung von Lebensmitteln übernommen. „Da war eine Fleischerei. Sehr zum Verdruss der Deutschen kamen erst die Häftlinge dran.“ Nach einigen Tagen seien sie nach Halle gebracht worden. Von dort ging es mit einem Flugzeug nach Brüssel. Mit dem Zug fuhren sie weiter nach Lille.

Bürgermeister Oelmann hat inzwischen herausgefunden, wem die Uhr gehörte. Das war gar nicht so schwer. In die Uhr ist „Heinr. Köhler, Südwinsen“ eingraviert. Der wohnte ganz in der Nähe von dem Stall, in dem die Franzosen versteckt wurden. Die Nachfahren leben auch heute noch dort, berichtet Oelmann, der selbst in Südwinsen lebt. Wenn die Uhr aus Frankreich eintrifft, soll sie dem rechtmäßigen Erben Herbert Köhler während der Einweihung der Scheinhardt-Gedenktafel im Frühjahr übergeben werden. Walter Tschirschky überlegt, an diesem Tag mit seiner Frau aus Frankreich nach Winsen zu kommen. Marie-Antoinette Pappé wird wohl nicht zurückkehren. Sie wurde vor wenigen Wochen 95 Jahre alt.