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Hintergrund Celler Gruppe des Deutschen Sozialwerks aufgelöst
Mehr Hintergrund Celler Gruppe des Deutschen Sozialwerks aufgelöst
16:29 02.06.2017
Celle

Wir schreiben das Jahr 1952: Der Krieg ist aus – seit sieben Jahren. Seit drei Jahren gibt es den neuen Staat „Bundesrepublik Deutschland“ – einen anderen Staat als den, den man vorher kannte, einen Staat mit einer demokratischen Verfassung und mit demokratischen Institutionen. Jetzt lernen die Deutschen langsam, den Wert der Freiheit zu schätzen und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Begriffe wie „Menschenwürde, Solidarität und Verantwortung für die Schwachen“, die vorher nichts galten, erobern sich einen verbindlichen Platz im Handeln der Entscheidungsträger.

Wir befinden uns im dritten Jahr der ersten Legislaturperiode des Deutschen Bundestages. Die Zerstörungen der Städte, eine ruinierte Wirtschaft und Millionen von Flüchtlingen aus dem Osten sind allerorten sichtbar. Aber es gibt Hoffnung: Die vom ersten Wirtschaftsminister Ludwig Erhard eingeführte soziale Marktwirtschaft beginnt zu greifen. Es geht aufwärts.

Überall Neuanfangin fremder Umgebung

Doch der zweite Blick offenbart die noch immer bedrückende Lage vieler Menschen: Zigtausende Familien im Lande waren ausgebombt und mussten von vorn anfangen. Unzählige andere Menschen hatten eine Fluchtstrecke von 1000 Kilometern und mehr zurückgelegt, haben alles stehen und liegen lassen müssen. Die Flucht von Enteigneten und Unterdrückten aus der DDR hatte eingesetzt. Überall Neuanfang in einer fremden Umgebung und zumeist in Notunterkünften. Berufliche Verwerfungen waren an der Tagesordnung. Man nahm fast jede Arbeit an, die sich bot. Zeitungsannoncen wie „Fertige Lampenschirme an“ oder „Suche Bettwäsche, gebraucht, dringend“ offenbaren die ganze materielle Not. Daneben trat das psychische Leid der Betroffenen. Die karitativen Einrichtungen und die staatlichen Dienststellen mühten sich redlich um Linderung. Mit einem durchgreifenden Abbau aller einzelnen Notfälle war in absehbarer Zeit jedoch nicht zu rechnen.

DSW wird 1952 in Hamburg gegründet

Da trat am 27. Februar 1952 in Hamburg eine Frau in die Öffentlichkeit und gab zu Protokoll: „Mein Mann und ich empfanden die Verpflichtung, anderen in ihrer Not helfen zu müssen, nachdem wir trotz aller schweren Verluste in unsere Heimatstadt und in den gewohnten Kreis hatten zurückkehren können. Dies alles ließ mir keine Ruhe. So empfand ich bald als Auftrag und Sendung, in solche persönliche Not einzugreifen, wo weder der Staat noch die Kirchen in der Lage waren, ausreichend zu helfen.“ Die Frau hieß Margot Asschenfeldt. Sie hatte nach intensiver Vorarbeit an diesem Tag 22 Personen zusammengebracht. Gemeinsam unterschrieben sie das Gründungsprotokoll des „Deutschen Sozialwerks (DSW) e.V.“ Man wollte ehrenamtlich helfen. Der Arbeitsrahmen wurde festgelegt. Er umfasste vor allen Dingen die Beratung in schwierigen Lebenslagen, Behördengänge, die Unterstützung bei der Ausbildung und Umschulung, die Versorgung mit Gegenständen des täglichen Bedarfs, mit verbilligten Lebensmitteln und Kleidung. Bald kamen kulturelle Veranstaltungen und Angebote zur geistigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und den Entwicklungen der Gegenwart hinzu.

1957 gründet sich dieCeller Gruppe des DSW

Diese Anfangsarbeit war derart „ansteckend“, dass sich in relativ kurzer Zeit viele Gruppen in ganz Deutschland gebildet haben. Im Jahre 1966, zum 80. Geburtstag von Margot Asschenfeldt, hatte das DSW bereits zirka 10.000 Mitglieder. Dazu gehörten auch die Mitglieder der 1957 gegründeten Gruppe Celle des DSW.

Eines der sechs Gründungsmitglieder der Gruppe Celle war Jutta Freifrau von Maltzahn. Sie war selbst eine aus dem Osten Vertriebene und hatte versucht, ihr Leben in Celle neu einzurichten. Sie wusste also, was physische und psychische Not bedeuten. Entsprechend lebensnah war ihr Engagement, das sie schließlich viele Jahre hindurch in das Amt der stellvertretenden Bundesvorsitzenden führte.

Auch Männer engagierten sich in der Gruppe Celle des DSW. Hier sollen stellvertretend genannt werden: Georg-Ludwig Freiherr von Hodenberg und Oberstudiendirektor Werner Meyer, die elf beziehungsweise zehn Jahre lang den Vorsitz der Gruppe Celle innehatten. Diese wuchs rasch und zählte in den 70er Jahren mehr als 700 Mitglieder. Viele „alte“ Aufgaben aus dem Anfang fielen mit der Zeit weg. Neue Aufgaben kamen mit der sich verbessernden materiellen Situation hinzu: Das kulturelle Angebot wurde ausgeweitet. Gemeinsame Theater- und Konzertbesuche wurden organisiert, Fahrten zu besonderen Ausstellungen durchgeführt, das öffentliche Vortragsangebot intensiviert. Insgesamt verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Arbeit für ältere Menschen. Sie am kulturellen, gesellschaftlichen, aber auch am geselligen Leben teilhaben zu lassen, äußerte sich in vielen „kleinen Kreisen“, in denen sich Mitglieder und Gäste trafen. Hier brachten sich auch die, die in der Celler Gruppe alt geworden waren, so lange ein, bis sie wirklich „nicht mehr konnten“ und selbst zu denen gehörten, die vom Besuchsdienst der Gruppe betreut wurden.

Nicht zu vergessen ist auch der Handarbeitskreis unter der langjährigen Leiterin Anita Wulkop. Hier wurden derart viele praktische und künstlerisch wertvolle Handarbeiten gefertigt, dass die Basare der Gruppe sogar von Interessenten aus Hannover und anderswo besucht wurden. Die oft hohen Erträge kamen zum Beispiel Bedürftigen in Siebenbürgen/Rumänien und Hochwassergeschädigten in Deutschland zugute. Auch gezielte Aufgaben in Kirchengemeinden der DDR wurden unterstützt.

Dann rückte 2017 das 60-jährige Bestehen der Gruppe Celle des DSW näher. Der Vorstand unter der Leitung von Gisela von Gaertner sah aus Altergründen keine Möglichkeit mehr, die erfolgreiche Arbeit fortzusetzen. „Arbeit wäre genug da!“, äußerte ein Mitglied. „Aber uns fehlt die Kraft zum Weitermachen. Und jüngere Leute, die weiterführen, was vor 60 Jahren begann, gibt es nicht.“ So wurde bereits in der Adventsfeier 2016 abgestimmt, die Gruppe Celle des Deutschen Sozialwerkes aufzulösen.

Nähen und Bridge werden fortgeführt

Bei einer Abschlussversammlung im Mai dieses Jahres ließen die Betreuungsleiterin Renate Uibel und die Reiseorganisatorin Marlies Bartsch die 60-jährige ehrenamtliche Arbeit anhand von Lichtbildern noch einmal Revue passieren. Wehmut stand allen Anwesenden ins Gesicht geschrieben. Doch wird zum Beispiel das Nähen in einigen Seniorenheimen fortgesetzt – bis es eben nicht mehr geht. Auch einige kleine Gruppen wie der Bridge-Kreis wollen sich weiter treffen, solange es das Alter zulässt.

Nachdem Inga von Bardeleben im Namen aller Anwesenden Dankesworte an die langjährige Vorsitzende Gisela von Gaertner gerichtet und allen Mitgliedern des Vorstandes mit einem Blumenstrauß gedankt hatte, trat der Vorstand geschlossen zurück. Eine erfolgreiche ehrenamtliche Arbeit für Celle und weit darüber hinaus ist beendet.

Von Bodo Uibel