Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Hintergrund "Die Bergstraße ist tot" - Warten auf die Auferstehung
Mehr Hintergrund "Die Bergstraße ist tot" - Warten auf die Auferstehung
18:01 22.03.2012
Von Oliver Gatz
Von den 47 Leerst‰nden in der Celler Innenstadt fallen allein 14 auf die Bergstrafle - hier der ehemalige Friseur Cuts und Maus von Brigitte Schoenebeck in der Bergstrafle 27. Quelle: AndrÈ Batistic
Celle Stadt

„Die Straße ist tot“, klagt eine Ladenmitarbeiterin in der Bergstraße. Dabei trifft sie genau den Kern: Mehr als ein Dutzend Geschäftsräume stehen leer. Makler werben mit ihren Telefonnummern an den Fenstern bereits für neue Nachmieter der Gebäude, in denen früher Geschäfte wie Rossmann oder der Juwelier Kuyumca für Leben sorgten.

Es sei „nichts Lebendiges mehr in der Bergstraße“, bedauert Renate Genoll vom Perückenstudio. Die Inhaberin hält sich mit ihrem kleinen Laden seit 26 Jahren an der gleichen Stelle der Problem-Straße und hat viele Geschäftsideen kommen und untergehen gesehen. „Es hat sich viel getan in den Jahren“, blickt sie zurück. „Früher war deutlich mehr los.“ Es gebe zu viel Autoverkehr und keine beruhigte Zone. Zu ihrem Glück verfügt Genoll aber über genug Stammkunden, um sich über Wasser zu halten. „Es gab früher viele Restaurants. Nun fühlt man sich einsam hier. Selbst zu Weihnachten gab es keine Beleuchtung für uns.“

Allerdings geben nicht alle so bereitwillig Auskunft wie Genoll. Bei einigen ändert sich spontan der Gesichtsausdruck, wenn man auf die Leerstände der Bergstraße hinweist: „Das wissen Sie doch“, heißt es dann mit brummendem Unterton. Es ist wie in einer nahezu leeren Geisterstadt, in der keiner von den Dingen sprechen will, die die Leere bringt. Andere Geschäftsleute geben der Politik die Schuld für die Misere.

„Ich denke, die Leerstände liegen am eigentlich geplanten Gedo-Center“, sagt Bärbel Hoffmann, Frisörin in der Bergstraße beim „elektrischen Stuhl“. Einst sollte sich zwischen Bergstraße und Südwall eine Altstadt-Galerie erstrecken. Nachdem der Stadtrat das Projekt im Jahr 2009 abgesegnet hatte und Gedo bereits mit den Hauseigentümern in der Innenstadt Optionsverträge zur eventuellen Übernahme der Gebäude schloss, scheiterte das Projekt im November 2010 endgültig: Der Stadtrat konfrontierte Gedo mit nicht annehmbaren Bedingungen, was den Investor zum Rückzug trieb. Gedo-Geschäftsführer Martin Friedrich kündigte damals direkt nach der Vertreibung seiner Firma aus der Residenzstadt, Folgen für Celle an: „Das wird eine Warnung für weitere Investoren sein, die es sich gründlich überlegen werden, in Celle zu investieren“, ließ Friedrich verlauten.

„Aus Sicht der Investoren hat das Hin und Her um die Gedo-Pläne der Attraktivität der Straße geschadet“, ist sich Makler Markus Reschke sicher. Er hat mit den Altlasten des Altstadtgalerie-Projekts zu kämpfen: Zahlreiche Leerstände wurden in der Stadt künstlich generiert, damit Gedo Platz zum Zugriff hat. „Das spiegelt sich heute nun wider“, so Reschke. Das Geschäft mit seiner Immobilie mit den Hausnummern 42 und 43, dem alten „Kodi-Markt“, laufe „lau“. Dagegen habe sich der Wohnungsmarkt wieder beruhigt. „Ich gehe davon aus, dass auch das Geschäft mit den Lokalen über die Zeit besser läuft“, vermutet der Makler. „Der Impuls muss aber von der Öffentlichkeit kommen.“

Der hintere Bereich vom Robert-Meyer-Platz bis zur Heeringgasse ist nicht ganz so stark von den Leerständen betroffen. Dort hat Reiner Willimzig vom Optiker Pagel sein Geschäft. Die Flaute im vorderen Teil der Straße betreffe ihn nicht, sagt er. „Wir sind froh, solange links und rechts von uns noch ein laufendes Geschäft ist." Ein Indiz, wie hoch der hintere Teil der Bergstraße in der Gunst von Investoren steht, ist der schnelle Verkauf des „Alten Antiquariats“ in der Bergstraße 49. „Wir hatten keine Probleme, die Immobilie zu vermitteln. Es gab sogar mehrere Interessenten“, so LBS-Immobilienberater Henning Heuer.

„Die Bergstraße ist traurig geworden“, klagt Marco Krause. Seinen Eltern gehört das Gebäude mit der Hausnummer 23. Sie wollen es verkaufen. Das Haus wurde 1977 gebaut und befindet sich in einem hervorragendem Zustand. „Es gibt zwar Interessenten", sagt Krause. „Aber das Objekt dann auch wirklich zu verkaufen, ist schwierig." Die Stadt müsse Imagepflege betreiben, um den Ruf der Bergstraße als lebendige und lebensfrohe Straße wiederherzustellen.

Normalerweise sind die stark sanierungsbedürftigen Gebäude in der Innenstadt ein Kaufhindernis: „Die Eigentümer sind nicht mehr bereit, in ihre Immobilien zu investieren“, sagt Rolf Winter, Chef seiner Maklerfirma, die die alte Rossmann-Filiale in der Bergstraße 50 vermittelt. „Die Sanierungskosten sind extrem hoch. Somit lohnt sich eine Vermietung kaum noch. Viele Eigentümer haben sich in den vergangenen Jahren auf den Optionsverträgen mit Gedo ausgeruht. Zudem geht kaum jemand mehr durch die Straße.“ So kommt Winter zu dem vernichtenden Urteil: „Die Bergstraße ist mittlerweile unattraktiv geworden.“

Deutlich mehr Hoffnung versprüht Norbert Frohms. Sein Maklerbüro kümmert sich seit knapp zwei Monaten um das alte „Sanico-Med-Haus“ mit der Hausnummer 41, das in den Nordwall umgezogen ist. „Vor zwei Jahren war die Stimmung bei den Eigentümern: ‚Warum soll ich investieren? Ich weiß gar nicht, was mit meinem Haus passiert‘.“ Nach der endgültigen Abfuhr für das Gedo-Center komme langsam die Planungssicherheit für die Immobilien zurück. „Schauen wir, wie es in zwei Jahren aussieht“, ist Frohms guter Dinge.

„Die Eigentümer haben in der Vergangenheit stark auf Gedo gesetzt“, nennt der städtische Wirtschaftsförderer Thomas Faber einen Grund für die Leerstände in der Bergstraße. „Diese Möglichkeit ist weggebrochen.“ Die Bergstraße sei in Teilen eine 1b-Lage und partiell gar nicht kategorisiert, erläutert Faber. Die Straße locke vergleichsweise wenige Fußgänger an und sei daher für den Einzelhandel relativ unattraktiv. Gleichwohl sieht Faber Entwicklungspotenzial, insbesondere in dem Abschnitt vom Robert-Meyer-Platz bis zur Heeringgasse. Die Nähe zu Karstadt biete hier Entfaltungsmöglichkeiten.

„Die Bergstraße ist gut geeignet für Special-Interest-Handel“, fügt der Wirtschaftsförderer hinzu. Darunter versteht Faber Geschäfte, die Waren für einen begrenzten Kundenkreis anbieten – etwa Hobbybedarf für Angler oder Modellbauer. Dafür sei kein großes Laufpublikum nötig. „Das würde sich in der Fangemeinde herumsprechen“, meint Faber. Auch Makler- und Versicherungsbüros oder andere Dienstleister seien geeignet für die Bergstraße.

Offen ist die Zukunft des Feuerwehrgeländes an der Wehlstraße. Faber stellt sich dort eine Mischnutzung aus Handel und Wohnen vor. „Dadurch gerät die Bergstraße quasi in die Zange, so dass wir Entwicklungschancen von beiden Seiten hätten.“ Mehrere Investoren hätten „ernsthaftes“ Interesse gezeigt, sich mit der Fläche auseinanderzusetzen, sagt er. Wie Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) kürzlich mitteilte, gebe es auch Vorschläge hinsichtlich eines Lebensmittelmarktes. All diese Überlegungen sollen die potenziellen Investoren im Rahmen eines Interessenbekundungsverfahren konkretisieren.

Und die Zukunft des Karstadt-Parkhauses? Faber spricht lediglich von „Gedankenspielen“ und einer „reizvollen Lage“. Nach CZ-Informationen will der Eigentümer, ein Pensionsfonds aus Essen, das Gelände vermarkten. Im Gespräch ist ein Lebensmittelgeschäft und die Karstadt-Sportabteilung. Karstadt äußert sich nicht zur zukünftigen Nutzung des Areals. Und beim Handelsunternehmen Edeka Minden dementiert man die Supermarkt-Pläne. „Für uns ist das kein Thema“, so Pressesprecher Andreas Laubig. Er räumt allerdings ein, dass sich Edeka einmal damit beschäftigt habe.

Mit Blick auf das Karstadt-Parkhausgelände spricht Stadtsprecher Wolfgang Fischer von einem „hochinteressanten Konzept“, in das Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende und Stadtbaurat Matthias Hardinghaus eingebunden seien. Mehr verrät er nicht. „Der OB begleitet die Sache sehr positiv, denn das Interesse an der Ansiedlung eines Lebensmittel-Vollsortimenters ist in der Bevölkerung nach wie vor sehr hoch.“ Ständig gebe es Gespräche mit Interessenten, so Fischer. Zu den herausgehobenen Standorten gehörten neben dem Grundstück Ecke Wehlstraße/77er Straße die alte Hauptwache und die Bergstraße. „Insofern halten wir derzeit mehrere Bälle in der Luft.“