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Hintergrund Gesellschaftsproblem Rauchen: „Silvesterschwur klappt nicht“
Mehr Hintergrund Gesellschaftsproblem Rauchen: „Silvesterschwur klappt nicht“
18:59 04.11.2010
Dr. Peter Hanemann (links) informiert einen Besucher des zweiten Celler Männer-Gesundheitstages über die Risiken des Lungenkrebses. Quelle: Paul Gerlach
Celle Stadt

Der Zigarettenkonsum hat in den vergangenen Jahren weltweit „dramatisch“ zugenommen, sagt Dr. Peter Hanemann, Chefarzt der Pneumologie am Allgemeinen Krankenhaus (AKH) Celle. Auch in Deutschland hängen viele Leute am Glimmstengel. „Wir haben rund 17 Millionen Raucher in Deutschland: Zehn Millionen sind Männer und sieben Millionen Frauen“, so Dr. Hanemann. In den vergangenen 20 Jahren sei die Zahl der Raucher unter den Männern rückläufig, bei den Frauen nehme diese zu. Nun sei der Raucheranteil bei beiden Geschlechtern nahezu gleich. „Im Schnitt fängt heute ein Jugendlicher mit 17 Lebensjahren das Rauchen an“, so der AKH-Experte. Im Rauch einer Zigarette befänden sich etwa 4800 chemische Substanzen. Davon seien 70 Stoffe krebserregend. Durch die gesundheitlichen Folgen entständen auch beträchtliche Kosten: Verengte Atemwege verursachen jährlich 5,5 Milliarden Euro Kosten in Deutschland. Eine Zigarette enthalte 100 Millionen Staubteilchen. Durch Gefäßkrankheiten kommen 7,6 Milliarden Euro Kosten zustande. 3,6 Milliarden Euro sind es bei den Krebserkrankungen. Auf 35 Milliarden Euro summieren sich die jährlichen Gesamtkosten – durch die Tabaksteuer nimmt die Bundesregierung 12,1 Milliarden Euro ein.

Darüberhinaus verursache das Rauchen mehr Todesfälle als Mord, Suizid und Alkohol zusammengerechnet. „Die Lungenkrebssterblichkeit und das Rauchen haben parallel zugenommen“, sagt Dr. Hanemann. Bei Lungenkrebs sei die Sterblichkeitsrate besonders hoch. „Es gibt keine spezifischen Symptome für Lungenkrebs“, sagt Dr. Bernd-Wolfgang Raack, Lungenfacharzt aus Celle. Eigentlich habe jeder Raucher eine chronische Bronchitis. „Das ist nicht normal und sollte durch einen Arzt untersucht werden“, so Dr. Raack.

Jeder zweite lebenslange Raucher stirbt vorzeitig, so Dr. Hanemann. Allein in Deutschland sind dies 110000 Tote pro Jahr. Das Passivrauchen begünstige Atemwegserkrankungen wie Asthma und erhöhe das Lungenkrebsrisiko von Kindern. Gerade die jungen Leute seien im Familienkreis vom Passivrauchen betroffen.

Was kann man tun? Dr. Hanemann rät dazu, den Rauchern zu helfen, das Rauchen aufzugeben. Es handele sich um ein sozialmedizinisches Problem: Ursachen seien fehlende Selbstsicherheit, die Werbung, Gruppenzwang und Stressabbau. Wirksam seien Werbeverbote, Preissteigerungen, Erhöhung der Tabaksteuer und der Produktkontrollen sowie Beratungs- und Therapieangebote. „Der Silvesterschwur funktioniert nicht“, so Dr. Raack. Um aufzuhören, sei eine Umstellung in vielen Lebensbereichen notwendig: Dazu zähle die Ernährung und besonders körperliche Bewegung.

Burnout-Syndrom ist ernste Erkrankung und „kein grippaler Infekt“

CELLE. Bei einer reduzierten Leistungsfähigkeit und einem Zustand totaler Erschöpfung sprechen Mediziner vom „Erschöpfungssyndrom“ oder neudeutsch „Burnout“. Die Patienten fühlen sich gestresst und ausgebrannt. „Noch ist dieses Feld nicht so gut erforscht“, gibt Hans-Heinrich Benecke, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Wahrendorff in Celle zu. Bisher stehe fest, dass vor allem die helfenden Berufe wie Arzt, Krankenpfleger oder Rettungssanitäter burnout-gefährdet seien. Hier seien häufig Krankschreibungen und Frühverrentungen zu verzeichnen. Benecke gibt an, dass etwa 300000 bis 1,5

Millionen Menschen in Deutschland von Burn-out betroffen sind. „Bei dem Syndrom handelt es sich nicht um einen grippalen Infekt, sondern um eine ernstzunehmende Erkrankung“, warnt Benecke. Burnout könne zu einer Depression führen. Jedes Jahr nähmen sich weltweit etwa eine Million Menschen das Leben. Die Suizide nähmen im Alter zu, so Benecke.

Wie kommt es zu dem Burn-out-Syndrom? „Es sind Menschen mit einem hohen Idealismus betroffen“, sagt Benecke. Ihnen fehle die Fähigkeit, sich Grenzen zu setzen. Auch gesellschaftliche Ursachen seien anzuführen: Leistung werde immer höher bewertet. Krankschreibungen nähmen in der Folge ab. Neue Arbeitssituationen belasteten die Arbeitnehmer. „Außerdem fehlt es an Anerkennung“, so der Experte. „Wir sollten dem Kollegen öfter sagen: ,Das hast du gut gemacht!’“ Im Beruf seien regelmäßige Auszeiten notwendig: Plaudern mit Kollegen, Spaziergänge, Entspannungsmusik oder autogenes Training seien hilfreich. „Menschen haben Grenzen: Wir können nicht unendlich powern“, sagt Benecke.

Artischockenblätter als Arzneimittel:

Fettleber ist „Vorfeld für Krankheiten“

CELLE. Die Leber bewerkstelligt den Stoffwechsel des Menschen und die Verdauung ist dabei ein entscheidender Teil. „Wenn die Leber streikt, dann ist das ein zentrales Problem“, sagt Professor Dr. Volker Fintelmann, Präsident der Niedersächsischen Akademie für Homöopathie und Naturheilkunde.

Als eines der größten Organe sei die Leber dafür zuständig, den Menschen von Fremdstoffen zu entgiften. Eines der schädigenden Momente sei die Ernährung. So enthielte Hähnchenfleisch Antibiotika. „Das verschafft der Leber unnötige Arbeit“, so der Experte. Sie baue schädliche Substanzen ab und scheide sie aus. Bei synthetischen Stoffen wie Konservierungsmitteln oder Aroma- und Geschmacksstoffen sei sie überfordert. Folge: Es werden freie Radikale gebildet. Dies kann zu einer sogenannten Fettleber führen. „Die Leber wird zu einer Abfallhalde mit Fettablagerungen“, verdeutlicht Dr. Fintelmann. Etwa 30 Prozent aller Deutschen hätten eine Fettleber. Dabei handele es sich nicht um eine Krankheit, aber um ein „Vorfeld für Krankheiten“, so der Fachmann.

Zum Thema Alkohol sei zu sagen, dass die Leber diesen eigentlich leicht abbauen könne. „Das Problem sind die Menge und die Regelmäßigkeit des Konsums“, sagt Dr. Fintelmann. Bei Frauen seien 20 Gramm Alkohol täglich, also etwa zwei Gläser Bier, und für Männer 40 Gramm Alkohol tolerabel. Alkohol sei ein Sauerstoffabräumer, der bei seiner Verbrennung im Körper viel Sauerstoff benötige. „Er ist ein Zentralnervengift für das Gehirn“, so der Experte.

Welche Symptome gibt es für eine Lebererkrankung? „Müdigkeit bereits am Vormittag, ein Schweregefühl auf dem Zwerchfell und ein Völlegefühl können Vorboten sein“, so Dr. Fintelmann. Ursachen seien zu viel Belastung oder Bewegungsmangel. Als natürliche Arzneimittel empfiehlt er die Blätter der Artischocke und die Früchte der Mariendistel.

Besucher dankbar

für Denkanstöße

CELLE. Besucher Michael Ruttkowski ist am Mittwoch vom Männer-Gesundheitstag im Celler Schloss begeistert. „Ich interesse mich für das Thema Gesundheit sehr, da ich auch beruflich mit Nahrungsergänzungsmitteln zu tun habe“, so der 37 Jahre alte Celler. Besonders das Burnout-Syndrom fand seine Aufmerksamkeit. „Ich habe auch schon gemerkt, dass ich an Grenzen gestoßen bin“, so Ruttkowski.

Michael Geiger aus Celle interessierte vor allem der Vortrag über die Leber. „Ich bin selbst betroffen“, sagt der 57-Jährige. Die Idee eines Gesundheitstages sei ein guter Anstoß. „Vor Burnout fürchte ich mich“, verrät er.

„Gott sei Dank bin ich noch nicht von einem Leberschaden oder Burnout betroffen“, sagt Lothar Siem aus Celle. Der 59-Jährige findet aber, dass man heute darüber nicht genug reden könne.

Von Paul Gerlach