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Hintergrund Moore in der Lüneburger Heide: Ein Unbekanntes Stück Heimat
Mehr Hintergrund Moore in der Lüneburger Heide: Ein Unbekanntes Stück Heimat
13:54 15.09.2016
Quelle: Anne Friesenborg
Winsen (Aller)

Seit Jahrhunderten faszinieren Moore die Menschen. Früher waren sie mit Attributen wie „unheimlich“ oder „schaurig“ umschriebenes, oft schwer zugängliches Ödland. Viele Dichter ließen sich von den geheimnisvollen Moorlandschaften inspirieren, zahlreiche Sagen und Legenden ranken sich um Moorgebiete. Heute schätzen wir sie als Naturwunder und kennen ihre ökologische Bedeutung. Aber auch als nach wie vor pulsierendes Relikt unserer unmittelbaren Heimatgeschichte.

Unter dem Titel „Des Ersten Tod, des Zweiten Not, des Dritten Brot – Das Moor“ informiert der Winser Heimatverein mit einer Sonderausstellung im Obergeschoss des Grooden Huses im Museumshof noch bis zum 9. Oktober ausführlich über die heimischen Moore, ihre Entstehung, ihre Geschichte und ihre Nutzung. Die besondere Bedeutung der Biotope für Flora und Fauna sowie die unverzichtbare Klimaschutzfunktion der Moore werden auf informativen Bild- und Texttafeln anschaulich erläutert. Museumseigene Geräte zur Torfgewinnung wie Transportkarre, Spaten, Torfformen und lederne „Pferdeschuhe“, die seinerzeit das Einsinken der Hufe in den morastigen Boden verhinderten, ergänzen die Ausstellung.

Eingebunden in diese Schau sind rund fünfzig Fotos, auf denen Anne Friesenborg die farbenfrohe Schönheit dieses urwüchsigen Lebensraums zwischen frühem Morgennebel und abendlichem Sonnenuntergang im Verlauf der Jahreszeiten eingefangen hat, vom Frühlingserwachen im Bannetzer Moor bis zur stimmungsvollen Winterlandschaft im Thörener Bruch.

Der Geologe Bernd Köhler hatte in seinem Einführungsreferat bei der Vernissage anschaulich ausgeführt, wie sich der Torf über Jahrtausende hinweg in verschiedenen Entwicklungsstufen durch die Anhäufung organischer Pflanzenreste bildet: An Standorten, an denen ein Wasserüberschuss vorhanden ist, entstehen Moore. Durch die Feuchtigkeit bedingt werden die abgestorbenen Pflanzenteile nicht vollständig zersetzt, und es bildet sich – ganz langsam zwar, aber stetig – Torf. Niedermoortorf vor allem aus Birken- und Erlenholz sowie aus abgestorbenen Wurzeln und Blättern, Moosen und Gräsern.

„Als die Gletscher vor 12.000 Jahren abschmolzen, hinterließen sie in ganz Nordeuropa Vertiefungen, in denen das Schmelzwasser und später das Regenwasser nicht abfließen konnten“, beschrieb Köhler die Entstehung der offenen Gewässer. An deren Oberfläche absterbende Pflanzen sanken unter Wasser. Weil dort der Sauerstoff fehlte, wurden ihre Reste nur unvollständig zersetzt, und die Vertorfung begann. An Standorten, die noch Anschluss zum Grundwasser hatten, bildeten sich Niedermoore. Diese können mit der Zeit aus dem Grundwasser herauswachsen und zu Hochmooren werden. Und wo von Anfang an kein Kontakt zum Grundwasser bestand, entstanden sofort Hochmoore.

Moore erwiesen sich zunehmend als perfekte Wasserspeicher der Landschaft. Dank ihrer faserigen Struktur können sie wie ein Riesenschwamm große Mengen Wasser aufsaugen und zurückhalten. Moore wirken außerdem als eine Art natürliche Kläranlage für unser Trinkwasser, und sie binden Kohlenstoff auf Jahrtausende hinaus, weil sie mehr Pflanzenmasse produzieren als sie zersetzen. So schützen sie unser Klima. Doch ein Moor wächst pro Jahr nur rund einen Millimeter in die Höhe. Da es Moore gibt, die mehrere Meter dick sind, kann man sich leicht ausrechnen, wie alt sie sind: Jeder Meter entspricht 1000 Jahren. Doch durch menschliche Einflüsse sind die Hochmoore gefährdet. Schon seit Jahrhunderten versuchen Menschen durch Trockenlegung der Moore Grünland und Ackerflächen zu gewinnen. Der Torf selbst wird als Brennmaterial genutzt. Ohne das Wasser jedoch sterben die torfbildenden Pflanzen ab und die Moore verschwinden aus dem Landschaftsbild.

Mit seinem zielgerichteten Moorschutzprogramm versucht das Land Niedersachsen daher, die ursprüngliche Pflanzen- und Tierwelt dieser Landschaft zu erhalten oder sie wieder heimisch zu machen und damit „diese wichtige Kulturlandschaft für die kommenden Generationen zu erhalten“. Nicht zuletzt auch unter Klimaschutzaspekten. Wie das funktioniert und wieder „eine gesunde Moordynamik“ entsteht, erläuterte Jürgen Kühl vom Forstamt Unterlüß bei einem Ausstellungsgespräch am vergangenen Sonntag am Beispiel Becklinger Moor: Die abgetorften Moorflächen werden renaturiert, indem man dem Hochmoor wieder einen Wasserstand gibt, der die Ansiedlung typischer Pflanzenarten und die Bildung neuer Torfschichten erlaubt. Ein Geduldspiel. Ein Prozess, der viele Jahrzehnte dauert. Ein Projekt für Generationen.

Im Landkreis Celle befinden sich rund drei Dutzend Moore, vom Bümmbachsmoor bei Müden über das Ostenholzer Moor bei Meißendorf bis zum Schäfermoor bei Eldingen. Darüber hinaus gibt es in unmittelbarer Nachbarschaft weitere berühmte Heidemoore wie das Pietzmoor bei Schneverdingen. Hier zeigt sich die Heide von ihrer ganz anderen Seite. Wiedervernässte ehemalige Torfstiche mit leuchtend grünen Torfmoosen, versinkenden Birkenstümpfen und seichtem Wollgras bilden einen faszinierenden Kontrast zu den Heideflächen auf trockenen, kargen Böden. Aber beide haben auch etwas gemeinsam: Eine höchst eigenartige Artenausstattung, in der es von Rote-Listen-Arten nur so wimmelt.

So beherbergen die Moore selten gewordene Vögel, beispielsweise die Sumpfohreule, den Steinschmätzer und die Kornweihe, einen bodenbrütenden Greifvogel, sowie eine Vielfalt an Käfern, Schmetterlingen, Spinnen und Libellen, etwa der stark vom Aussterben bedrohte Hochmoor-Bläuling und die Rote Heidelibelle. Auch der Kleine Wasserfrosch, die Mooreidechse und die stark gefährdete scheue Kreuzotter sind hier zuhause. Dazu selten gewordene Pflanzen vom Wollgras über den glitzernden fleischfressenden Sonnentau, einem wahren Überlebenskünstler unter den Heidegewächsen, bis zum Gagel-strauch, einer bizarren Pflanze, ein bisschen wie Weidenkätzchen, aber viel lockerer und in ihrer rötlichen Färbung von weitem mitunter durchaus mit der blühenden Heide zu verwechseln.

Wegen ihrer außergewöhnlichen Fauna und Flora stehen die meisten Moore heute unter Naturschutz. Und nur wenige dieser hochsensiblen und schützenswerten natürlichen Ökosysteme mit ihrer trittempfindlichen Vegetation dürfen betreten werden. In vielen Fällen kann man jedoch bei einer geführten Wanderung oder auf empfohlenen und gut ausgeschilderten sicheren Bohlenwegen auf eigene Faust die nach wie vor geheimnisvolle Welt eines intakten Moores kennenlernen, die nicht nur wegen seiner von wallendem Nebel, leisem Gluckern und dem modrigen Geruch faulenden Holzes begleiteten Kulisse immer noch zu den spannendsten Naturerlebnissen gehört.

Von Rolf-Dieter Diehl