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Hintergrund Schreckliches geschah bei Groß Hehlen
Mehr Hintergrund Schreckliches geschah bei Groß Hehlen
18:16 11.11.2010
Von Andreas Babel
Buchautor Wolfgang Gerz (links) und Celles Kreisarchivar Rainer Voss. Quelle: Andreas Babel
Celle Stadt

Zwischendurch hätte man jeden noch so kleinsten Laut hören können. Eine beklemmende Stille machte sich bisweilen breit zwischen den gepolsterten Stühlen, die im Kreistagssaal aufgestellt waren. Viele von ihnen, nämlich knapp 100, waren besetzt, als ein Westerwälder die Celler Heimatforscher und andere an Heimatgeschichte Interessierte mit den Fakten der jüngeren Vergangenheit konfrontierte. Es war ein Heimatforschertreffen der etwas anderen Art, zu dem Kreisarchivar Rainer Voss dieses Mal zusammen mit der RWLE-Möller-Stiftung eingeladen hatte. Fast drei Stunden versetzten sich die Teilnehmer in die Endphase des Dritten Reichs. Und viele der Anwesenden hatten noch selbst eindrucksvolle Erlebnisse aus der Zeit von vor 65 Jahren mitzuteilen.

Der Westerwälder Wolfgang Gerz stellte sein Buch „Ein Schuss in den Hinterkopf“ vor. Das hatte der 59-Jährige zusammen mit seinem 25-jährigen Sohn Carsten geschrieben. Der Untertitel „Die Geschichte des Kriegsverbrechers Wilhelm Dörr“ verrät, worum es darin geht. Mit auf dem Podium saßen neben dem Kreisarchivar und dem Autor auch Paul-Heinz Otte, der als Zeitzeuge vieles über Groß Hehlener Ereignisse beisteuerte. Außerdem auch Oskar Ansull von der RWLE-Möller-Stiftung. Die-se hatte den Druck der Täter-Biografie finanziell unterstützt, weil es dem Namensgeber der Stiftung ein Anliegen gewesen sei, „kritische Heimatkunde“ zu betreiben, wie Ansull sagte.

Einen Tag nach der Buchvorstellung in Celle wurde das Buch auch in Gerz’ Heimatgemeinde vorgestellt. Hier war auch die Heimat des SS-Schergen Dörr, der im April 1945 mehrere KZ-Häftlinge ermordet haben soll. Deshalb wurde er noch im Jahr 1945 hingerichtet. Dörr ist in der Heimat „konsequent totgeschwiegen worden“, sagte Gerz. Während einer Kirchenvorstandssitzung sei die Frage aufgekommen: „Muss das denn sein? Muss das alles noch einmal aufgewärmt werden?“

Wie war Dörr bislang gedacht worden? „Sein Name steht bei den Gefallenen des Krieges am Ehrenmal“, sagte Gerz. Die Familie will auch heute noch nichts von den Verbrechen ihres Angehörigen wissen. Er habe aber „zumindest fünf Personen ermordet“, so Gerz. Er und sein Sohn seien dem Evakuierungszug vom KZ Kleinbodungen zum KZ Bergen-Belsen von Ort nach Ort gefolgt. An fast allen Orten hätten sie noch Zeitzeugen gefunden, die bereit waren, ihnen über das damalige Geschehen etwas zu sagen. „Das hat uns gezeigt, dass es auch 60 Jahre nach Hitler noch möglich ist, Täter und Taten nachzuweisen“, sagte der Heimatforscher und Buchautor.

Eines habe ihm die Recherche gelehrt: „Der überwiegende Teil der Täter waren ganz normale Menschen. In nur zwölf Jahren hatte das System aus Menschen Mordmaschinen gemacht.“ Der Großteil der SS-Wachmannschaften der Konzentrationslager sei unbeschadet davongekommen. Die Nachkommen von Tätern könnten aber nicht für deren Taten verantwortlich gemacht werden. „Sippenhaft ist ein Kennzeichen totalitärer Staaten“, sagte Gerz. Und: „Wenn uns die Zeit zwischen 1933 und 1945 etwas gelehrt hat, dann, dass die Rechten immer wieder auferstehen – und das beileibe nicht nur in Deutschland.“

Das KZ Kleinbodungen war ein Außenlager des KZ Mittelbau-Dora. Hier wurde an der Rakete V2 gearbeitet. „Mittelbau-Dora hat sehr eng mit der Firma Rheinmetall in Unterlüß zu tun. Dort ist auch an der V2 gebaut worden“, sagte Voss. Er berichtete, dass sich nach dem jüngsten CZ-Bericht über die Buch-Veröffentlichung ei-ne ehemalige Krankenschwester gemeldet habe. Sie habe den Zug der Geknechteten am 10. April 1945 gesehen, wie er die Allerbrücke passiert hatte. Der Zug müsse über die Blumlage, die Zöllnerstraße, am Rathaus und später am Bahnhof Celle-Vorstadt vorbei gezogen sein. Später habe die Zeitzeugin im Wald nördlich von Groß Hehlen Kleidungsstücke und andere Hinterlassenschaften gesehen, die sie sich damit erklärte, dass hier etwas Schreckliches geschehen sein musste.

Voss und Otte meinen, dass einige KZ-Häftlinge hier versucht hätten zu fliehen und in das Feuer von jungen deutschen Soldaten gelaufen seien. Im Belsen-Prozess sei die Rede von knapp 30 hier Getöteten. Diese Zahl scheint Voss „erheblich zu hoch gegriffen“. In Groß Hehlen seien nur wenige Leichen beerdigt worden. „Wir können nicht alles rekonstruieren“, sagte Voss auf die Nachfrage von Carsten Maehnert: „Wir sind eingeladen worden mit der Formulierung, dass hier ein Massaker entdeckt worden ist – was ist denn hier nun passiert?“ Otte als damals knapp 15-jähriger Zeitzeuge habe nur wenige Schüsse gehört. In der Dämmerung auch nichts gesehen. Voss meint, dass die in den Schützengräben liegenden jun-gen Soldaten schwerlich gezielt geschossen haben können, sondern vielmehr „auf alles, was sich bewegte“.

Später hätten Dorfbewohner das gesamte Waldstück akribisch abgesucht und keine weiteren Toten gefunden, meint Otte. Der Grund für ihre Suche war aber nicht dieser Todesmarsch, sondern die Tatsache, dass deutsche Soldaten auf dem Rückzug dort ihre Habseligkeiten vergraben hätten. „Wir sind mit unseren Forschungen erst am Anfang“, sagte Voss.

Mehr zum Thema:

„Ein Schuss in den Hinterkopf“ von Carsten und Wolfgang Gerz, Taschenbuch mit 162 Seiten, Schreibwerkstatt SCHRIFT:gut, Telefon (02664) 9919248 oder 7803, ISBN 978-3-9813391-2-3, 13 Euro.

Belsen-Prozess im Internet:

www.mazal.org/

OtherTrials/BelsenTrial/ C001.html

Fünf Selbstmorde in Bergen

CELLE. Von fünf Selbstmorden Berger Geschäftsleute aus dem Mai 1945 berichtete Heimatforscher Hermann von der Kammer während des Heimatforschertreffens in Celle. Die Geschäftsleute hätten allesamt den Truppenübungsplatz und das KZ beliefert. Von der Kammer vermutet, dass die Männer, darunter ein Schlachter, über die schrecklichen Bilder nach der Befreiung des Lagers durch die Allierten derart schockiert waren, dass sie keinen anderen Ausweg als die Selbsttötung sahen.

Von der Kammer schreibt derzeit im Auftrag des Gemeindefreien Bezirks Lohheide eine Chronik über diesen besonderen Teil des Landkreises Celle. 400 Seiten seien schon fertig. Im Herbst soll das dann auf 1000 Seiten angewachsene Werk vollendet sein. Ebenfalls im Herbst plant der Buchautor und Chronist ein Heimattreffen von Umsiedlern. Die ab 1935 vom Truppenübungsplatz Umgesiedelten bezeichnet der Heimatforscher als „die ersten Vertriebenen des Zweiten Weltkrieges“. Als besonders betroffen nennt er die nach Mecklenburg-Vorpommern umgesiedelten Bauern, die hier 1946 beziehungsweise 1952 ein zweites Mal enteignet worden seien – dieses Mal vom DDR-Regime.

Die Bauern in der Nähe des Truppenübungsplatzes hätten schon deswegen keine Nazis gewesen sein können, weil sie teilweise etwa die Hälfte ihres Besitzes für den militärischen Übungsbetrieb hätten abgeben müssen, behauptet von der Kammer.

Im Heimatmuseum „Römstedthaus“ in Bergen läuft derzeit eine vor zehn Jahren schon einmal gezeigte Ausstellung über die Umsiedlung. „Freiwillig ist niemand gegangen“ ist ihr Titel. Er habe sich bei der Stadtverwaltung dafür eingesetzt, dass sie zumindest bis zu dem Heimattreffen im Herbst kommenden Jahres dort zu sehen sein wird. Das Museum ist derzeit bis Ende März zwar geschlossen, nach Anmeldung im Museum unter (05051) 6612 oder im Rathaus unter (05051) 47947 aber zu besichtigen.

Morde im Papenhorster Wald

CELLE. Ob es denn keinen Widerstand in diesem braunen Celle gegeben habe, fragte ein Mann mit Berliner Akzent während des Heimatforschertreffens im Celler Kreistagssaal. „Mir ist nichts davon bekannt“, antwortete Kreisarchivar Rainer Voss. „ich habe dazu nicht geforscht“, war die vielsagende Antwort der Stadtarchivarin Sabine Maehnert.

Und dann fiel Voss noch ein, dass es eine Widerstandsgruppe und einen geplanten Aufstand in einem Zwangsarbeiterlager in der Nienhäger Gegend gegeben habe. Vor einem dreiviertel Jahr habe er einen Beamten des Landeskriminalamtes (LKA) Niedersachsen mit Kopien aus Veröffentlichungen darüber versorgt.

„Wir hatten eine Anfrage

der War-Crime-Kommission der Vereinten Nationen. Hier gab es vage Aussagen von belgischen Kriegsgefangenen, dass zum Ende des Zweiten Weltkrieges zwei belgische Kriegsgefangene ermordet worden seien. Meine Recherche ist aber im Nirwana verlaufen“, sagte der LKA-Beamte der CZ. Unter Tatverdacht habe ein gewisser Hoffmann gestanden.

Dieser Name findet sich auch in der Nienhäger Orts-chronik von Jürgen Gedicke als der des dortigen Ortskommandeurs Hauptmann Hoffmann, der später in Eicklingen gefallen sein soll.

Nach Gedickes Darstellung sollen am Vormittag des 11. April 1945 drei Männer im Wald erschossen worden sein. Verantwortlich für die Erschießungen soll ein Leutnant gewesen sein.

Zudem waren in einem großen Lager bei Papenhorst russische und ukrainische Zwangsarbeiter untergebracht. Hier formierte sich schon im Mai 1944 Widerstand. In Zusammenarbeit mit Polen sollen die Russen einen bewaffneten Aufstandsversuch vorbereitet haben, der von einem Ukrainer verraten worden sein soll. 34 Männer und 6 Frauen sollen aus dem Arbeitslager ins KZ Neuengamme abtransportiert worden sein, schreibt Nils Köhler in seiner Doktorarbeit mit dem Titel „Zwangsarbeit in der Lüneburger Heide“. Auf dem Nienhäger Friedhof erinnert eine Gedenktafel an die hier gestorbenen 28 Kinder von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen.