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Hintergrund Im Dienste der Raumfahrt
Mehr Hintergrund Im Dienste der Raumfahrt
15:30 13.12.2018
Anhand eines historischen kleinen Lageregelungstriebwerks erläutern Jürgen Veth (links) und Professor Joachim Block die funktionellen Grundprinzipien eines Raketentriebwerks. Quelle: Lothar H. Bluhm
Trauen

Ganz langsam hebt sich der weißrote Schlagbaum: Wir sind im Sicherheitsbereich des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Trauen. Auf der östlichen Seite ist der Militärflugplatz Faßberg, auf der westlichen die Grenze zum Landkreis Heidekreis. Schon die Privatstraße des Bundes verdeutlicht, dass hier nicht jedermann hinkommt.

Auf dem großen, waldreichen Areal des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Trauen (DLR) ist es leise. Nur wenige Autos fahren auf dem durch Pförtnerdienst geschützten Sicherheitsbereich. Es herrscht Tempo 30. Ein hoher Zaun umgibt die 60 Hektar große Fläche. „Das ist ungefähr so groß wie 80 Fußballfelder“, veranschaulicht Standortleiter Professor Joachim Block das Ausmaß des Gesamtgeländes.

Testfeld entsteht auf ehemaliger Waldfläche

„Hier, genau hier“, zeigt Block auf die rund 2000 Quadratmeter große abgeholzte ehemalige Waldfläche gegenüber dem in den 1960er Jahren gebauten Bunker. „Hier entsteht demnächst ein Multitestfeld, auf dem wir dann vieles testen können, was woanders wegen mangelnder Sicherheitsabstände nicht geht.“ Zum Beispiel das Verhalten von Raketentreibstoffen in Tanks und Leitungen, die so ausgelegt werden müssen, dass der Treibstoff auch unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit im Orbit in die richtige Richtung fließt, wenn eine Raketenoberstufe wieder gezündet wird.

Baubeginn ist für 2019 vorgesehen

Seit sechs Jahren wurde die Gelände-Infrastruktur in Trauen mit Unterstützung des Landes Niedersachsen entscheidend erneuert, wurden Zäune gebaut, Kabelnetze verlegt, Heizung modernisiert, Wasserversorgung und Beleuchtung geschaffen. Die Investitionskosten betragen rund 11 Millionen Euro. Block: „Diese Erneuerung sichert die Lebensfähigkeit des Standorts für die Zukunft. Das ist Hightech, die im Boden liegt, von der man aber nichts sieht.“

Nachdem die Planung für ein ursprünglich hier vorgesehenes Kryolabor, in dem man Experimente mit tiefkalten flüssigen Gasen hätte machen können, geändert wurde, soll nunmehr eine große Testplattform mit allen Anschlüssen entstehen, auf der Raumfahrtstrukturen getestet werden können. Verschiedene Tests im Bereich der Handhabungstechnologien für Raketenbrennstoffe werden hier dann durchgeführt.

Bundestag bewilligt 63,4 Millionen Euro

Erst kürzlich hat der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages 63,4 Millionen Euro für den Aufbau von sieben neuen Instituten und Einrichtungen für das DLR freigegeben. Immerhin wird Deutschland durch das DLR in der ESA, der Europäischen Weltraumorganisation, vertreten: „Alles, was in Deutschland in der Raumfahrt passiert, läuft über das DLR“, sagt Block.

Die Aufgabe der ESA bestehe darin, die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten in der Weltraumforschung und -technologie und ihren Weltraumanwendungen für ausschließlich friedliche Zwecke zu gewährleisten und zu fördern, um sie für wissenschaftliche Zwecke und für Systeme zur Nutzung von Weltraumanwendungen zu verwenden.

Seit 1936 Forschungen im Bereich Raketenantrieb

Bereits seit 1936 wurde in Trauen der Bereich der Raketenantriebe wesentlich erforscht. Namen wie Wernher von Braun und Professor Eugen Sänger sind eng mit Trauen verbunden. „Ebenso wie sein Zeitgenosse von Braun war Sänger ein Visionär der Raumfahrt. Auch er musste seine Ziele zwar zunächst den Bedingungen des NS-Staates anpassen, blieb jedoch völlig integer“, sagt Professor Block. Viele der Ideen seien heute noch aktuell.

Durch die Kriegsereignisse wird die Arbeit in Trauen beendet. Vorhandene Anlagen werden zerstört. Erst in den späten 1950er Jahren nimmt die Deutsche Forschungsanstalt für Luftfahrt in Braunschweig den Betrieb wieder auf und reaktiviert auch ihren Standort Trauen durch Forschungen an Strahlantrieben. 1969 wird der Bereich nach Lampoldshausen in Baden-Württemberg verlagert. Professor Block: „Nur eine kleine Rumpfmannschaft, die weiterhin vielseitige Tests nach Bedarf durchführt, bleibt vor Ort – und natürlich unsere Industriepartner.“

Studenten forschen regelmäßig in Trauen

Die Basis für die DLR-eigenen Forschungsaktivitäten liegt jetzt auf Tests von kleinen innovativen Raketentriebwerken, Versuchen zur Brandsicherheit und künftig auch auf dem großen Testfeld. „Studenten von norddeutschen Universitäten kommen regelmäßig nach Trauen, um wissenschaftliche Experimente durchzuführen, denn manches geht nur hier“, sagt Diplomingenieur Jürgen Veth. „Die erfolgreiche Beteiligung der studentischen Hochschulgruppen an Projekten wäre ohne diese Arbeitsbasis in Trauen gar nicht möglich.“ Der unabhängige Zugang zum Weltraum für verschiedenste unbemannte Missionen, basierend auf europäischer Technologie, und die Verbesserung der Wettbewerbssituation im Hinblick auf einen wachsenden Markt an kommerziellen Anbietern für Satellitenstarts sind wichtige Motivatoren für die Arbeiten in Trauen.

Nato-Schießplatz in der Nähe

Vor dem Schulungs- und Verwaltungsgebäude erläutern Block und Veth dann anhand eines historischen kleinen Lageregelungstriebwerkes die Grundprinzipien eines Raketentriebwerkes: „Seit Jahrzehnten werden solche Triebwerke zur Lagerung der Satelliten eingesetzt.“

Vor dem modernisierten Flachdachgebäude dringen aus einiger Entfernung dumpfe Knalle von Panzergeschossen an das Ohr – der Nato-Schießplatz Bergen-Hohne ist nicht allzu weit weg. Hier arbeitet die Materialprüfstelle Brandverhalten des Instituts für Antriebstechnik am DLR. „Nö, das riech' ich gar nicht mehr“, erwidert der wissenschaftliche Mitarbeiter Bernd Müller auf die Feststellung, dass auf dem Flur starker Brandgeruch wahrzunehmen sei.

Prüfungen im Brandlabor

Seit vielen Jahren sind Brandversuche das „Arbeitspferd“ des Standortes Trauen. „Heutzutage erhält kein Material im druckbelüfteten Kabinenbereich eines Flugzeuges die Zulassung ohne vorherige Prüfung in einem Brandlabor: Das machen wir hier“, sagt Müller. Egal, ob Teppich, Dekorfolie oder Kabelisolierung – sämtliche Stoffe müssen zertifiziert und beispielsweise auf Brennlänge und Wärmefreisetzungsvermögen getestet werden. Dazu dienen kleine, aber repräsentative Materialcoupons, die den Tests ausgesetzt werden. „Die Tests werden unter realistischen Betriebsbedingungen mit mechanischen Belastungen, Vibrationen, Luftströmungen, Druckdifferenzen oder temperierten Fluiden durchgeführt“, beschreibt Müller vor einer Kammer zur Rauchdichteuntersuchung die Testmethoden.

Wenig später schließt sich der rotweiße Schlagbaum wieder hinter uns.

Von Lothar H. Bluhm

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