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Interview „Aktivitäten der Rechten sind vielfältig“
Mehr Interview „Aktivitäten der Rechten sind vielfältig“
17:53 20.08.2010
Hartwig Erb vom DGB. Quelle: Peter Müller
Celle Stadt

Herr Erb, wie stark ist die rechte Szene vor Ort aktiv?

Besonders aktiv ist die sogenannte „Kameradschaft 73 Celle“ um Dennis Bührig. Die Mitglieder dieser Kameradschaft sind überregional vernetzt und tauchen bei rechten Veranstaltungen in ganz Deutschland auf. Insbesondere Bührig ist eine der führenden Personen in der norddeutschen Naziszene und fungierte auch schon einmal als Anmelder großer Aufmärsche.

Wie agiert die extreme Rechte in unserer Region? Welche Veranstaltungen organisieren die Nazis dabei regelmäßig im Landkreis Celle?

Die Aktivitäten der extremen Rechten im Landkreis Celle sind durchaus vielfältig. So fällt die „Kameradschaft 73“ immer wieder durch Propagandaaktionen auf. Zu diesem Zweck betreibt sie eine eigene Homepage und produziert Plakate und Aufkleber. Auch hören wir immer wieder von Einschüchterungen und tätlichen Angriffen auf politische Gegner.

Schwerpunkt der Aktivitäten sind aber sicherlich die regelmäßigen Veranstaltungen auf dem Hof des NPD-Mitgliedes Joachim Nahtz in Eschede. Dort trifft sich mehrmals im Jahr die „Creme de la Creme“ der norddeutschen Neonaziszene mit mehreren Hundert Teilnehmern zu sogenannten „Brauchtumsfesten“ wie Erntedank und Sonnenwendfeiern. Diese Veranstaltungen dienen der Vernetzung und Aktionsplanung.

Auf einer Tagung in Hustedt wurde davor gewarnt, dass sich die Rechtsextremen in bürgerliche Vereine hinein bewegen und außerdem Angebote für Kinder und Jugendliche auf die Beine stellen.

Die Taktik der extremen Rechten ist es, möglichst „normal“ und „bürgerlich“ daherzukommen, wenn sie sich in Vereine hineinbewegen. Es ist mitunter sehr schwierig zu erkennen, mit wem man es gerade zu tun hat. Im Landkreis Celle ist uns erstmal kein erheblicher Fall bekannt, wie der einer Lüneburger Neonazifrau, die in städtischen Kindergärten arbeitete.

Anzeichen für den Versuch Kinder und Jugendliche anzusprechen finden sich aber trotzdem in der Region Celle zur Genüge. So verteilten Mitglieder der „Kameradschaft 73“ die rechtsextreme Schülerzeitung „Bock“ an Celler Schulen und bei den Veranstaltungen auf Hof Nahtz ist zu beobachten, dass die Kinder der Nazis auch inhaltlich beteiligt werden. Auch haben dort bis zu ihrem Verbot Zeltlager der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ nach dem Vorbild der HJ stattgefunden.

Welche Möglichkeiten haben wir, mit der Bedrohung und der eigenen Angst vor den Rechtsextremen umzugehen?

Hier gibt es sicherlich keine allgemeingültige Antwort, weil die eigene Angst auch immer eine sehr individuelle Sache ist. Es hilft aber oftmals sehr, sich mit anderen zusammen zu tun und dabei auch über die eigenen Befürchtungen zu sprechen. Und man sollte sich solidarisch mit denjenigen verhalten, die konkrete Probleme mit rechten Drohungen und Angriffen haben. Als Gewerkschafter kann ich nur wiederholen: Solidarität ist eine Waffe. Und gegen diese Waffe haben es auch die Nazis sehr schwer.

Welche Mittel haben wir zu Verfügung, um gegen die rechte Szene vorzugehen?

Am wichtigsten ist es hinzuschauen und aufzustehen, wenn bekannt wird, dass hier oder da eine rechte Szene aktiv ist. Dazu brauchen wir natürlich die Unterstützung aller, die sich zu einer demokratischen und offenen Gesellschaft bekennen. Wir müssen alle gemeinsam besonnen, aber lautstark und entschlossen zeigen, dass wir Neonazis in unserer Gesellschaft nicht tolerieren. Netzwerkarbeit ist dabei natürlich ein zentrales Element, diesen demokratischen Widerstand zu organisieren und die Präventionsarbeit kann an der einen oder anderen Stelle schon dafür sorgen, dass Probleme mit der extremen Rechten gar nicht erst auftauchen.

Welche Erfolge konnten Sie mit diesen Mitteln im Landkreis Celle erzielen?

Ich glaube, dass die gemeinsame Arbeit im Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus schon sehr erfolgreich ist. Zum einen konnte eine öffentliche Sensibilisierung zu dem Thema erreicht werden, zum anderen setzen wir mit den vielfältigen kulturellen und politischen Veranstaltungen den Nazis inhaltlich etwas entgegen.

Wie verbreitet sind rechte Einstellungen in der Mitte unserer Gesellschaft?

Rechte Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft sind leider tatsächlich sehr verbreitet. Daran knüpfen die Neonazis auch immer wieder an, wenn sie behaupten, nur das auszusprechen, was eine angeblich schweigende Mehrheit denkt. Damit versuchen sie „salonfähig“ zu werden. Wenn ihnen das in immer stärkerem Umfang gelingt, wird es gefährlich. Wir sollten uns alle fragen: Was gebe ich meinen Kindern eigentlich mit, wenn ich am heimischen Abendbrottisch über Flüchtlinge oder Obdachlose hetze?

Von Christian Uthoff