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Interview Celler Baurat Kinder: Keine Tabus bei Fachwerk-Sanierung
Mehr Interview Celler Baurat Kinder: Keine Tabus bei Fachwerk-Sanierung
16:56 30.10.2015
Von Jürgen Poestges
Interview zum Fachwerk Ulrich Kinder Quelle: Benjamin Westhoff
Celle Stadt

Welchen Stellenwert hat das Fachwerk für die Celler Altstadt?

Einen sehr hohen. Denn die Fachwerkbauten sind die Pfunde, mit denen die Stadt wuchern kann. Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren in Celle, und man wird immer und überall auf unsere historischen Fachwerkhäuser angesprochen.

In den vergangenen Monaten war festzustellen, dass immer mehr Häuser in der Altstadt eingerüstet und saniert wurden. Ist da ein Trend festzustellen?

Ich würde es nicht wirklich einen Trend nennen. Aber wir stellen schon fest, dass sich die Anfragen mehren, nachdem wir seit ein paar Jahren einen Zuschuss für Renovierungen geben. Er wurde sogar von anfangs 75.000 auf jetzt 100.000 Euro im Höchstsatz heraufgesetzt. Natürlich ist uns auch klar, dass damit eine Restaurierung zumeist nicht komplett abgedeckt ist. Aber ich bin schon der Meinung, dass es sich dabei um eine sehr gute Unterstützung handelt.

Was sollte ein Eigentümer, der renovieren oder sanieren möchte, beachten?

Da gilt es, im Einzelfall zu unterscheiden. Unsere Altstadt zeichnet sich ja eben dadurch aus, dass sich die Häuser unterscheiden. Aber wir stehen gerne als Berater zur Verfügung. Dabei rücken wir dann mit fünf Personen an, nicht, weil wir in der Überzahl sein wollen, sondern weil wir die einzelnen Bereiche bei einem Besuch abdecken wollen. So muss zum Beispiel unter anderem der Brandschutz beachtet werden, Rettungswege und der Denkmalschutz. Wir möchten, dass der Betroffene gleich umfassend informiert ist, um sich nicht alles selber zusammensuchen zu müssen. Und Möglichkeiten der Lösung gibt es viele. So ist zum Beispiel in einem Haus auf der Mauernstraße ein Fenster im Obergeschoss der Notausgang, obwohl es wie ein normales Fenster aussieht. Es fügt sich so völlig harmonisch in die Fassade ein, kann aber im Notfall vergrößert werden.

Gibt es Anfragen oder Wünsche bei Sanierungen oder Umbauten, die Sie von vornherein ablehnen würden?

Auch hier gilt: Es darf kein Tabu geben. Grundsätzlich können wir uns viele Dinge vorstellen. Ob der Zugang zu einem Obergeschoss, der vorher durch ein Ladenlokal führte, nun über eine der vielen Zwischen angelegt wird, Zwischenwände oder auch Decken herausgenommen werden, um das Gebäude aufzuwerten oder entsprechend zu vergrößern. Ich denke, wir haben in der Vergangenheit schon fast alles möglich gemacht. Auch in Sachen Barrierefreiheit gibt es Lösungen.

Gibt es ein konkretes Beispiel?

Ein gutes Beispiel hierfür ist die ehemalige Rats-Apotheke, in der sich heute ein Schuhgeschäft befindet. Den Umbau sieht unser Denkmalpfleger Gisbert Knipscher mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Auf der einen Seite ist ein alteingesessenes Geschäft aus dem Stadtbild verschwunden, auf der anderen Seite aber ist durch den Umbau der Blick auf etwas Neues eröffnet worden. Durch die Vergrößerung des Ladenlokals wurde der Hinterhof teilweise überdacht und somit auch zugänglich gemacht.

Ist denn festzustellen, dass der Zuzug in die Stadt zunimmt?

Man muss da schon unterscheiden, ob jemand in die Stadt zieht oder ganz gezielt in einen Altbau. Das muss man natürlich mögen. Die Räume sind eben nicht immer nach dem modernsten Standard eingerichtet, wobei heute allerdings schon sehr viel gemacht werden kann. Tatsache ist aber auch, dass nach wie vor viele Wohnungen über den Geschäften leer stehen. Dafür gibt es die verschiedensten Gründe. Mal will der Hausbesitzer die Wohnung gar nicht vermieten, weil sie nicht im allerbesten Zustand ist. Oder er findet schlicht keinen Mieter.

Wie könnte man denn mehr Leben in die Stadtwohnungen bekommen?

Mir fällt da ein Beispiel aus Lüneburg ein: Warum nicht leer stehenden Wohnraum als Ferienwohnung anbieten? Damit könnte man auch aktiv für den Tourismus werben: Urlaub machen in einem Fachwerkhaus – das können wir hier in Celle doch auch anbieten.