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Interview "Celler Sportvereine müssen zu Kooperationen bereit sein"
Mehr Interview "Celler Sportvereine müssen zu Kooperationen bereit sein"
14:22 26.12.2017
Von Oliver Schreiber
Sportreferentin Katja Koch ist Leiterin der Koordinierungsstelle „Ganztagsschule & Verein“ beim CellerKreissportbund. Quelle: David Borghoff
Celle Stadt

Die Hockey-Abteilung des MTV Eintracht Celle engagiert sich seit drei Jahren an Celler Grundschulen. Neue Mitglieder hat ihr das bisher nicht beschert. Ist diese Arbeit also vergebliche Liebesmüh?

Nein. Das ganz sicher nicht. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich das Engagement sofort in steigenden Mitgliederzahlen niederschlagen würde. Aber man braucht da einen langen Atem. Nachhaltigkeit ist hier ganz wichtig. Vergebliche Arbeit ist das jedenfalls nicht.

Warum nicht? Ohne Ertrag werden Sportvereine auf Dauer kaum bereit sein, diesen Aufwand zu betreiben.

Auf Dauer werden die Vereine davon profitieren. Sie leisten durch diese Schul-AGs auch einen sehr wichtigen gesellschaftlichen Beitrag. Leider stellen wir bei vielen Kindern und Jugendlichen einen erheblichen Mangel an motorischen Fähigkeiten fest. Der Schulsport alleine kann diese Defizite nicht beseitigen. Hier können Vereine Abhilfe schaffen. Letztlich führen sie so junge Menschen an den Sport heran. Das ist die Voraussetzung, damit junge Menschen überhaupt mal den Weg in einen Sportverein finden.

Das leuchtet ein. Kann man – vereinfacht ausgedrückt – sagen: Früher sind die Kinder in die Vereine gegangen, heute müssen die Vereine in die Schulen und Kindergärten gehen, um Nachwuchs zu rekrutieren?

Ja, das kann man gewissermaßen so sehen. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich durch die ganztäglichen Betreuungseinrichtungen komplett geändert. Der Alltag der Kinder ist oftmals komplett durchgetaktet, da bleibt kaum noch Zeit, um im Verein Sport zu treiben. Das klassische Vereinsleben, wie es die älteren Generationen kennen, tritt immer mehr in den Hintergrund. Früher war es üblich, dass Familien im Verein Wurzeln geschlagen haben. Die Eltern haben Sport getrieben und ihre Kinder praktisch animiert. Genau dasselbe gilt für die Übernahme von Ämtern und Aufgaben. Auch das ist dann auf die nächste Generation abgefärbt. Dies wäre nach wie vor wünschenswert, ist aber mittlerweile heutzutage leider die Ausnahme.

Also sterben die Sportvereine langsam aus?

Nein. Sie müssen sich aber den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anpassen.

Inwiefern?

Sie müssen sich mit anderen Institutionen vernetzen und zu Kooperationen bereit sein. Es geht darum, die Kräfte zu bündeln und vorhandene gemeinsam Ressourcen zu nutzen.

Was genau soll man sich darunter vorstellen?

Die Probleme der Vereine sind nahezu identisch. Es wird immer schwieriger, junge Mitglieder zu gewinnen. Und die Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement sinkt zunehmend, sodass viele Vorstandsmitglieder und Helfer an ihre Grenzen kommen. Im sportlichen Bereich kooperieren ja viele Vereine schon. Das könnte man beispielsweise auch auf den Verwaltungsbereich ausdehnen, wenn es an Manpower mangelt. Zudem sind eben auch Kooperationen mit Schulen und Kindergärten eminent wichtig, um überhaupt Kontakt zu Kindern und Jugendlichen und somit potenziellen Neumitgliedern zu haben.

Das Problem ist erkannt und benannt. Warum sind dann Schul-AGs der Vereine nicht schon längst Standard?

Die Gründe dafür sind vielschichtig. Den Vereinen fehlt es oftmals schlichtweg an Manpower. Welcher ehrenamtliche Trainer kann schon vormittags oder nachmittags eine Schul-AG betreuen? Dies bleibt dann oft an Rentnern hängen, ansonsten kommen noch Bufdis oder FSJler in Frage. Und viele Schulleiter sind oft auch mit Verwaltungsaufgaben bis oben hin dicht und wollen sich eine solche Kooperation nicht auch noch ans Bein binden. Leider ist aber auch sowohl bei vielen Vereinen als auch Schulen oftmals noch nicht die Einsicht vorhanden, dass beide Institutionen von diesem Miteinander profitieren. Wir müssen da noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten.

Welche Art von Überzeugungsarbeit?

Zunächst muss der Konkurrenzgedanke weg. Ich kenne Lehrer, die AGs mit Sportvereinen ablehnen, weil sie Angst davor haben, dass dadurch Jobs wegfallen. Und auch Vereinsvertreter, die meinen, dass sie durch die Bereitstellung von Übungsleitern praktisch den Schulsport querfinanzieren.

Finanzierung ist ein gutes Stichwort. Übungsleiter für AGs müssen von den Sportvereinen schließlich auch bezahlt werden. Und zwar zusätzlich zu den Aufwendungen für das Vereinstraining.

Das ist ein wunder Punkt, ganz klar. Es gibt zwar Zuschüsse vom Kultusministerium, aber dafür beispielsweise keine vom Landessportbund, weil ja bereits eine Förderung besteht. Das ist natürlich schwer zu vermitteln. Zudem ist der Verwaltungsaufwand sowohl für die Vereine als auch die Schulen sehr hoch. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Was kann der KSB da tun?

Wir tun da ja schon sehr viel. Aber ich will an dieser Stelle gerne noch einmal betonen, dass wir für die Vereine da sind und ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wir bieten beispielsweise neben Qualifix-Seminaren auch eine Vereinsberatung an. Auch zum Thema Schul-AGs. Diese Angebote sind da, die Vereine müssen sie nur annehmen.

Die Koordinierungsstelle „Ganztagsschule & Verein“ beim KSB gibt es seit rund fünf Jahren. Wie fällt ihr Zwischenfazit aus?

Es gibt Lichtblicke, aber grundsätzlich haben wir in diesem Bereich jede Menge Luft nach oben. Viele AGs sind angeschoben worden, wurden aber auch schnell wieder beendet. Leider lässt die Kommunikation der Schulen und Vereine mit dem KSB zu wünschen übrig. Ich habe mir die Finger wund telefoniert, um Feedback zu bekommen und eine Bestandsaufnahme zu machen. Die war aber in dem Moment, wo sie fertig war, schon wieder hinfällig. Momentan laufen aber Sportarten wie Hockey, Tennis oder Judo in den Schulen ganz gut. Aber das reicht natürlich nicht. Es gibt noch viel zu tun.