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Interview „Ein guter Schritt zu einer neuen Führungskultur“
Mehr Interview „Ein guter Schritt zu einer neuen Führungskultur“
19:40 26.11.2010
Interview der Woche mit Peer-Detlev Schladebusch Quelle: Peter Müller
Celle Stadt

Gibt es heutzutage zu wenig Frauen in Führungspositionen?

Der Anteil von Frauen in Führungspositionen ist in den letzten Jahren nur langsam gestiegen, in einigen Bereichen sogar wieder etwas gesunken. Die Diskussion hierzu wurde jedoch jüngst durch die Forderung von EU-Kommissarin Viviane Reding nach einer Frauenquote für die Besetzung von Führungspositionen in Groß-unternehmen weiter angeregt. Demnach sollen in den Aufsichtsräten von börsennotierten Unternehmen bis 2015 30 Prozent Frauen vertreten sein. Bis 2020 soll dieser Anteil dann noch einmal auf 40 Prozent erhöht werden. Davon sind wir in Deutschland noch sehr weit entfernt. Bei den Top 200-Unternehmen haben wir derzeit einen Frauenanteil von 10 Prozent in den Aufsichtsräten, bei den Vorständen sind es gar nur 3 Prozent. Im mittleren Management sind Frauen mit 15 Prozent etwas häufiger vertreten.

Warum sollten mehr Frauen eine führende Rolle einnehmen?

Wir können es uns in keinem Lebensbereich leisten, auf weib-liche Sichtweisen und Gestaltungskraft zu verzichten. Seit Menschengedenken ist zu beobachten: Die gegenseitige Ergänzung von Mann und Frau macht das Leben reich. Vor allem komplizierte Aufgaben lassen sich so lösen, Innovationen sind besser zu realisieren, einseitige Einschätzungen werden vermieden und selbst Risiken lassen sich so besser minimieren.

Haben wir in der Region bereits eine hohe Zahl an Frauen in Führungspositionen?

Es ist so, dass technik- und ingenieursorientierte Unternehmen wie die Explorationsindustrie im Celler Raum einen sehr geringen Frauenanteil an Führungspositionen aufweisen. Wenn wir allerdings an den Bereich der Rechtsprechung denken, stellen wir fest, dass der Anteil der Richterinnen wächst, ähnlich wie auch zuvor der Frauenanteil in den Bereichen Pädagogik und Kirche gestiegen ist. Insgesamt gesehen, ist in der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfs-burg nach Wegfall des eisernen Vorhangs der Frauenanteil an Führungspositionen insbesondere im Mittelstand und im öffentlichen Dienst schneller gestiegen als im Durchschnitt.

Was zeichnet Frauen in Führungspositionen aus?

Führungsstärke ist bekanntlich von vielen Faktoren abhängig, wie Persönlichkeitsausprägung, Charakter, emotionaler Intelligenz und sozialer Integrität. Interessant finde ich allerdings die gerade erschienene Sinus-Studie „Frauen in Führungspositionen – Barrieren und Brücken“. Demnach sind Frauen Faktoren wie Vorbildfunktion, Authentizität, fachliche Kompetenz, Konflikt- und Kompromissfähigkeit, Teamfä-higkeit, Durchsetzungskraft, Kom-munikationsfähigkeit sowie Flexibilität im Denken und Argumentieren wichtiger als den Männern. Kein Unternehmen kann es sich leisten, diese Faktoren zu vernachlässigen.

Was tun Unternehmen, um die Zahl der Frauen in Führungspositionen zu erhöhen?

Nicht zuletzt im Zeichen eines an Bedeutung gewinnenden härteren internationalen Wettbewerbs initiieren zahlreiche Unternehmen des Mit-

telstands und auch größere Unternehmen Förderprogramme, um Hochschulabsolventinnen Perspektiven in ihren Unternehmen aufzuzeigen und einen Einstieg ermöglichen. Bei den Großunternehmen unserer Region hat unter anderem Volkswagen mit dem „Woman Driving Award“ und anderen Initiativen verschiedene Programme aufgelegt und will so Frauen aus den Bereichen Maschinenbau, Fahrzeugtechnik, Mechatronik oder Elektrotechnik speziell fördern.

Was erhoffen Sie sich von der Veranstaltung in Celle?

Zehn kompetente weibliche Führungskräfte aus Celle, Wolfsburg und Hannover stehen Rede und Antwort. Die Vorgespräche waren für mich so spannend und wertvoll, dass ich schon jetzt davon überzeugt bin, dass diese Veranstaltung ein guter Schritt zu mehr Sensibilisierung, gegenseitigem Verständnis und zu einer neuen Führungskultur ist.

Vielleicht haben wir jetzt einen Zeitpunkt erreicht, an dem Männer und Frauen nach vielen Jahrzehnten aus gegenseitigen Vorbehalten und Vorurteilen herauskommen können. Ich hoffe, dass uns dazu nicht nur die de-

mographische Entwicklung zwingt, sondern auch die Einsicht, dass wir Potenziale in Teams von Frauen und Männern besser und vor allem verantwortungsvoll entfalten können.

Von Christian Uthoff