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Interview Flüchtlinge in Celle willkommen heißen
Mehr Interview Flüchtlinge in Celle willkommen heißen
18:52 29.05.2015
Interview der Woche mit Otmar Flucke Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Mit welcher Motivation helfen Sie Flüchtlingen?

Als katholischer Christ fühle ich mich aufgerufen, auf die Probleme unserer Zeit zu reagieren. Ganz in der Tradition von Adolph Kolping, der sich im 19. Jahrhundert mit der sozialen Frage auseinandersetzte und das Kolpingwerk gründete. Meine Frau und ich begleiten zwei Flüchtlingsfamilien. Wir können die Probleme der Migration nicht an der Wurzel lösen, da ist die Politik gefordert. Wir können aber vor Ort Not lindern.

Was haben die Familien erlebt?

Eine vierköpfige Familie ist vor einem Jahr aus Damaskus geflohen. Wir begleiten sie seit etwa zwei Monaten. Sie wohnen in Wathlingen und beklagen, dass sie keinen Kontakt zur Bevölkerung haben. Die zwei Kinder gehen zur Schule. Der Vater möchte ganz viel Deutsch lernen. Er will unbedingt arbeiten und keine Sozialhilfe empfangen. Jetzt hat er eine Beschäftigung. Die zweite Familie ist vor einem Dreivierteljahr aus der Ostukraine gekommen, es sind gebürtige Armenier. Die Mutter und ihr Baby fühlen sich meiner Einschätzung nach wohl während der Vater traumatisiert ist und sich in psychiatrischer Behandlung befindet. Er ist ganz verschlossen, da kommen wir als Helfer an unsere Grenzen.

Wo wird Hilfe gebraucht?

Das Wichtigste ist, dass sie die deutsche Sprache lernen und verbessern. Wir begleiten sie zum Arzt und helfen bei der Beschaffung von Medikamenten, wo sie die Anweisungen der Medikation nicht verstehen. Für solche Gänge und das Ausfüllen amtlicher Papiere brauchen die Betroffenen unbedingt Hilfe, auch wenn sie sonst etwa schon selbstständig im Supermarkt zurecht kommen.

Gerade die erste Zeit in Celle muss schwer sein ...

Wenn die Asylsuchenden hier ankommen, brauchen sie eine Menge Hilfe, welche die offiziellen Stellen gar nicht leisten können. Auf der anderen Seite gibt es eine große Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung. Doch Angebot und Nachfrage sind schwierig zu koordinieren. In der Initiative "Celle hilft" arbeiten wir daran. Dazu gehören im Moment etwa 50 Personen in mehreren Arbeitsgruppen. Zur besseren Organisation wird eine eigene Homepage entwickelt. Zusammen mit meiner Frau, einem Team von Ehrenamtlichen und mit Hilfe der Caritas-Migrationsberatung, führen wir seit Kurzem das Kolping-Willkommens-Café. In der Marienwerderallee 10 an der St. Hedwigskirche treffen sich mittwochs von 10 bis 12 Uhr Flüchtlinge zum Austausch auch mit Celler Bürgern. Das Angebot wird gut angenommen, die Atmosphäre ist heiter.

Sind zum Helfen Fremdsprachenkenntnisse notwendig?

Für uns als Helfer ist es wichtig, die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Diesen Eindruck kann man in jeder Sprache vermitteln. So gut es geht, verständigen wir uns mit Händen und Füßen. Die professionellen Sprachkurse für anerkannte Flüchtlinge laufen über die Volkshochschule. Da sind die Asylsuchenden meist schon eine lange Zeit hier. Die Grundumgangssprache lernt man aber besser durch Gebrauch, da sind viele Wiederholungen nötig. Für den Austausch untereinander braucht man Empathie und ein Wissen darum, wo der andere steht.

Was haben Sie im Lehrgang zum Integrationslotsen noch dazugelernt?

Wir haben viel über Eigenheiten verschiedener Kulturen gesprochen, zum Beispiel über Begrüßungs- und Essensrituale oder die Stellung von Mann und Frau. Es ging auch um rechtliche Angelegenheiten. Wichtig war es, über das Empfinden von Heimat und Fremde zu sprechen.

Gibt es da besondere Herausforderungen?

Man sollte nur ganz vorsichtig auf die Immigrationsgeschichte eingehen. Beim ersten Kontakt sollte man die Flüchtlinge nicht gleich fragen, warum sie nach Deutschland gekommen sind, sonst weckt man böse Erinnerungen. Besser lässt man ihnen Zeit, das Gespräch von sich aus zu suchen.

Von Dagny Rößler