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Interview Früherer Celler reist für Welthungerhilfe zu den Ärmsten der Armen
Mehr Interview Früherer Celler reist für Welthungerhilfe zu den Ärmsten der Armen
16:02 23.07.2018
Till Wahnbaeck, Vorstandsvorsitzender der Welthungerhilfe, in dem Dorf Jhangajhiti im Kathmandu Valley in Nepal. Während der Nahrungsmittelverteilung kam er mit Dorfbewohnern ins Gespräch. Wahnbaeck: „Wir versuchen zuerst zuzuhören und die Bedürfnisse der Menschen kennenzulernen.“ Quelle: Daniel Pilar
Celle Stadt

Weltweit hungern 815 Millionen Menschen und die Weltbevölkerung wird immer größer. Wenn Sie an die Zukunft denken, sind Sie eher optimistisch oder pessimistisch?

Ich bin Optimist. Als Historiker schaue ich mir längere Zeiträume an. Es gibt weniger Hunger, weniger Armut und im vergleich zum Jahr meiner Geburt ist die Kindersterblichkeit in Entwicklungsländern von mehr als 20 Prozent auf unter fünf Prozent gesunken. Ich bin gerne Optimist, wenn ein Optimist ein Mensch ist, der nicht denkt, dass alles gut ist, sondern der alles dafür tut, dass es gut wird. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ist ein Ende des Hungers realistisch. Wir können die Generation sein, die ihn abschafft.

Welche Faktoren erschweren Ihre Arbeit?

Die Menschen hungern nicht, weil es zu wenig Essen auf der Welt gibt, sondern weil sie zu arm sind, um sich das Essen leisten zu können. Kriege, Krisen und der Klimawandel sind die größten Hungertreiber und bedrohen immer wieder den Erfolg unserer Arbeit. Besonders in fragilen und politisch instabilen Staaten gibt es viel Hunger. Daher muss auch die internationale Gemeinschaft stärker in die Pflicht genommen werden. Der Südsudan zum Beispiel ist ein fruchtbares Land. Doch durch den Krieg trauen sich die Bauern nicht mehr auf ihre Felder.

Welches Land haben Sie erst kürzlich besucht?

Wir sind in der Zentralafrikanischen Republik im Einsatz. Schaut man sich den Entwicklungs-Index an, dann ist das Land trauriges Schlusslicht auf Platz 188. In der Zentralafrikanischen Republik gibt es keinen Strom, weil in der Nacht immer wieder Kupferkabel geklaut werden. Wir bauen dort eine Fußballschule auf. Dort lernen ehemalige Kindersoldaten ihre Konflikte auf friedliche Weise auszutragen und einander zu vertrauen. Zusammen mit Forschern aus der Region haben wir verbessertes Saatgut gezüchtet. Am Anfang war dort jedes zweite Kind mangelernährt, doch mittlerweile haben 90 Prozent der Menschen im Projektgebiet eine ausgewogene Ernährung. Diese Erfolgsbeispiele machen Mut.

Gleichzeitig sagen Sie, dass die Welthungerhilfe ein unglaublich frustrierendes Tätigkeitsfeld sei ...

Man erlebt immer wieder traurige Geschichten. Unsere 2500 Kollegen in 40 Ländern sind mit Leidenschaft bei der Sache. Sie sind unglaublich mutig, denn bei unserer Arbeit gibt es immer wieder Todesfälle. Voriges Jahr ist ein Landesdirektor bei einem Terroranschlag in Burkina Faso gestorben. Auch die Gefahr von Entführungen steigt. Dennoch: Die Akzeptanz vor Ort ist unser größtes Pfund. Sie macht unsere Arbeit sicherer, deswegen fahren wir nicht mit einem gepanzerten Wagen, sondern mit einem zerbeulten Toyota Corolla durch die Gegend. Wir erhalten beispielsweise auch Hinweise aus der Bevölkerung, welche Strecken wir heute besser nicht fahren sollten.

In welchen Fällen ist Entwicklungshilfe besonders effektiv?

Wir hören erst einmal zu und versuchen, die Bedürfnisse der Menschen kennenzulernen. Frauen spielen eine entscheidende Rolle in der Entwicklungshilfe. Wenn wir Frauen unterstützen, verbessert sich die Bildung der Kinder und die Gesundheit der gesamten Familie. Frauen denken eher an das Gemeinwohl.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?

Deutschland macht seine Sache gut und ist bei der Hungerbekämpfung einer der größten Geber. Es ist allerdings ein Problem, dass in der Bundesregierung nicht alle Ressorts kohärent zusammenarbeiten. Da entwickeln sich die Wirtschafts- und die Handelspolitik in eine andere Richtung als die Entwicklungspolitik. In Sachen Klimaschutz sollte Deutschland wieder eine Vorreiterrolle einnehmen.

Was bekommen Sie bereits bei Ihrer Arbeit vom Klimawandel mit?

Wir sehen, wen der Klimawandel am härtesten trifft. In Äthiopien mussten wir früher 20 bis 30 Meter tief bohren, um sauberes Wasser für einen Brunnen zu haben. Heute müssen wir bis zu 300 Meter tief bohren. Schlimme Dürren hat es dort schon immer gegeben. Doch die Abstände dazwischen werden immer kürzer. Inzwischen folgt eine Dürre auf die nächste. Noch gibt es keine größeren Kriege um Wasser, aber es ist nur eine Frage der Zeit.

Was kann jeder Einzelne hier in Celle tun?

Die Spendenbereitschaft in Deutschland ist ungebrochen hoch. Wir stimmen aber auch mit der Geldbörse ab, in welcher Welt wir leben wollen. Wenn alle Menschen der Erde so leben würden wie wir, bräuchten wir vier Planeten. Meine Frau und ich versuchen, bewusst zu leben. Dabei finden wir den erhobenen Zeigefinger generell falsch. Im Ansatz muss man schon Spaß am Leben haben und schauen, was es einem wert ist. Ich selbst bin kein Vegetarier, aber ich esse seltener Fleisch als früher. Zudem kaufen wir Lebensmittel regional und saisonal ein. Mit unseren drei Töchtern werden wird jetzt mit dem Zug in den Urlaub fahren.

In den vergangenen drei Jahren haben Sie beruflich 15 verschiedene Länder besucht. Wohin fahren Sie in den Urlaub?

Auf dem Balkan wollen wir auf den letzten wilden Flüssen Europas paddeln. Wir wollen dieses Paradies noch einmal sehen, bevor die Flüsse begradigt werden und dort riesige Wasserwerke entstehen.

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