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Interview "Gebildete gehen eher wählen"
Mehr Interview "Gebildete gehen eher wählen"
13:26 22.09.2013
Torsten Jörg - Selck
Celle Stadt

Was für eine Wahlbeteiligung erwarten Sie?

Ich könnte witzeln, dass es auch ein Stück vom Wetter abhängt – das stimmt aber auch. Deswegen hofft die SPD ja auch, dass am Sonntag die Sonne scheint. Ich gehe davon aus, dass die Wahlbeteiligung nicht so hoch wird. Die CDU hat versucht, etwas Schärfe aus dem Wahlkampf zu nehmen. Das wirkt sich aus.

Aus ihrer Erfahrung: Gibt es bestimmte Volksschichten, die am Sonntag grundsätzlich weniger wählen gehen als andere?

Tatsächlich, es ist oft so, dass gut ausgebildete Leute mit höherem Einkommen eher wählen als andere. Das liegt daran, dass sich einige mehr für Politik interessieren als andere, gerade Männer, die nicht mehr so jung sind.

Wozu führt das?

Das führt dazu, dass deren Präferenzen im Endergebnis eher abgebildet werden als andere. Deswegen dürfte keine Partei die Rentner vernachlässigen.

Welche Parteien würden bei einer 100-prozentigen Wahlbeteiligung gewählt werden?

Dazu müsste man genau wissen, was für Präferenzen die jetzigen Nichtwähler haben. Ich denke, bei 100 Prozent könnte es vielleicht noch stärker in Richtung der Protestparteien gehen. Die AFD und NPD würden Zuwächse verzeichnen, die etablierten Parteien verlieren.

Durch eine Online-Wahl würden sicherlich mehr Wahlberechtigte erreicht werden. Glauben Sie, dass dies in Zukunft umgesetzt wird?

Bei den großen Parteien hat das momentan keine Priorität. Online-Wahlmöglichkeiten könnten Manipulation und Stimm-Missbrauch ermöglichen. Wir erleben ja gerade, dass unsere Daten doch nicht so sicher sind, wie gedacht. Dafür liegt die Briefwahl nun im Trend, wo man ganz gemütlich zu Hause wählt.

Morgen dürfen alle Bürger ab 18 Jahren wählen. Ist das Mindest-Wahlalter noch zeitgemäß?

Es ist klar, dass bestimmte Parteien daran Interesse haben, weil sie denken, dass sie dadurch mehr Stimmen bekommen. Derzeit steht das aber nicht zur Diskussion. Entscheidend ist, ob die jungen Wähler die nötige geistige Reife mitbringen, um zu wählen.

Woran liegt es, dass wir dieses Jahr einen vergleichsweise zahmen Wahlkampf erlebt haben?

Von der Regierungsseite wird das wirklich so angestrebt. Sie können ja auch sagen, dass die Wirtschaft läuft. Das Stichwort NSA-Affäre scheint von der CDU einfach abzuprallen. SPD und Grüne gehen eher in Richtung Gerechtigkeit. Die Grünen sind zum Beispiel gerade auf Profilsuche, da die Regierung ein paar Programmpunkte wie den Atomausstieg übernommen hat. Das kann aber auch nach hinten losgehen, wie man gerade in den Umfragen sieht.

Macht die letzte Wahlkampf-Woche noch viel aus?

Ja, dank unseres Wahlsystems kämpfen gerade FDP und auch AfD noch, die Fünf-Prozent-Hürde zu überschreiten. Für sie geht es jetzt um jede Wähler-Stimme.

Vor der Wahl verteilen unsere Politiker Kugelschreiber und Luftballons, in den USA werden ganze Städte mobilisiert, wenn der Kandidat dort eine Rede hält. Schläfern uns die Politiker absichtlich ein?

Nein, tun sie nicht. Das amerikanische System ist eben einfach professionalisiert. Da geht es ums Mobilisieren, das war gerade Obama sehr erfolgreich. Ich denke, dass er damals auch wegen des Internets gegen McCain gewonnen hat

Könnte das amerikanische Modell unsere Zukunft sein?

Ja, aber nur im Hinblick Internet. Das haben viele Parteien noch nicht verstanden. Gerade bei den Piraten, die sich als Internet-Experten verstehen, muss man sich die Frage stellen, warum sie nicht noch mehr im Internet tun.

Von Andre Batistic