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Interview Gegen Angst hilft nur Wissen
Mehr Interview Gegen Angst hilft nur Wissen
15:25 09.12.2011
Von Christoph Zimmer
Rolf Michel Quelle: nicht zugewiesen
Celle

Die Bilder von der Nuklearkatastrophe von Fukushima im vergangenen März haben die ganze Welt erschüttert – wie sehr hat sie sich seitdem verändert?

Das ist eine Frage, die man in dieser Form nicht stellen darf. Denn die Konsequenzen, die sich aus Fukushima ergeben haben, sind ganz unterschiedlich. In Japan beispielsweise – insbesondere in der Präfektur Fukushima - hat sie nach wie vor massive Konsequenzen. Durch das Erdbeben und den Tsunami haben viele Menschen ihr Leben verloren. Dazu ist dann der Reaktorunfall gekommen. Wann und wo die Menschen aus Fukushima wieder zur Normalität zurückkehren können, ist noch unklar. Klar ist, dass eine beträchtliche Zahl an Menschen nicht in ihre Heimat zurückkehren wird.

Wie hoch ist die Gefahr, dass sich so eine Nuklearkatastrophe wiederholt?

Fest steht, dass aus der Katastrophe technische Konsequenzen gezogen werden müssen. Man muss sich die Frage stellen: Wie gut sind die einzelnen japanischen Reaktoren auf Extremstverhältnisse wie einen lang anhaltenden Stromausfall vorbereitet? Was die Erdbebensicherheit angeht, sind sie anscheinend zufriedenstellend gebaut worden. Bei der Gefahr, die von Tsunamis ausgehen, muss man allerdings ganz klar sagen: Das war eine Fehleinschätzung, darauf war man in Fukushima nicht eingestellt. Risiken bei Extremstverhältnissen – gerade in Ballungszentren – dürfen nicht toleriert werden.

In Deutschland hat man auf Fukushima mit dem stufenweisen Atomausstieg bis 2022 reagiert.

Diese Entscheidung ist aus einer unbegründeten Angstpsychose heraus getroffen worden. Die Bundeskanzlerin (Angela Merkel, Anm. d. Red.) hat dem öffentlichen Druck nachgegeben. Anders ausgedrückt: durch diese Entscheidung hat die sie ihre Wiederwahlfähigkeit erhalten. Außerdem hat sie den Grünen und der SPD ihr Spielzeug genommen.

Es war also in erster Linie politisches Kalkül?

Das nehme ich an. In den deutschen Kernkraftwerken gibt es keine neue Gefahrensituation. Natürlich müssen auch wir uns die Frage stellen, wie wir beispielsweise bei einem lang anhaltenden Stromausfall aufgestellt sind und wie wir die Kühlung der Brennstäbe in so einer Situation garantieren können? In den sogenannten Stresstests wurde das kontrolliert und die Reaktorsicherheitskommission hat dazu Stellung genommen.

Wie sehr sind die Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima in den Köpfen der Menschen verankert?

Es gibt ein sehr hohes Bewusstsein für die Katastrophe von Tschernobyl. Damit sind vor allem Ängste verbunden. Die unterschiedlichsten Gruppen haben diese Ängste für sich genutzt. Es ist zu einem Auseinanderdriften von Meinungen gekommen, große Teile der Öffentlichkeit auf der einen, die Wissenschaft auf der anderen Seite. So ist auch die aktuelle Angst vor Fukushima zu erklären.

Diese Angst ist also nicht berechtigt?

Viele Medien haben sich sehr darin gefallen, Katastrophenszenarien zu zeichnen, die nachher nicht eingetroffen sind. Gegen diese Verunsicherung hilft nur Information. Es kommt darauf an, den Menschen ruhig und sachlich zu erklären, was passiert ist und welche Konsequenzen sich daraus für sie ergeben. Das müssen wir vor allem Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrern vermitteln.

Wie bringen Sie Jugendlichen so ein komplexes, schwieriges Thema nahe?

Radioaktivität und Strahlung gehören zur Grundlagenausbildung von Jugendlichen. In Medizin, Forschung und Technik spielen sie eine große Rolle. Für ein aufgeklärtes, nachhaltiges und naturwissenschaftliches Weltbild sind die wesentlichen Elemente der Physik unverzichtbar. Allerdings wird nach wie vor Frage diskutiert, ob der Mensch dem naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt gewachsen ist. Die Diskussion hat es im gesamten letzten Jahrhundert gegeben. Bis heute hat die Gesellschaft darauf leider keine einheitliche Antwort. Das beste Mittel gegen Angst ist Wissen. Das versuche ich den Jugendlichen zu vermitteln.