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Interview Interview: "Impfaktion gegen Polio ist ein Riesenerfolg"
Mehr Interview Interview: "Impfaktion gegen Polio ist ein Riesenerfolg"
07:16 24.10.2015
Hans-Jörg Oestern Quelle: Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie e.V. (DGOU)
Celle Stadt

Herr Professor Oestern, welche persönliche Verbindung haben Sie zum Thema Kinderlähmung?

In Indien bin ich als Arzt mit vielen Poliofällen konfrontiert worden. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dort gibt es ein anderes Gesundheitssystem als hier in Deutschland, denn die Erkrankten haben eine andere Stellung. Vor der Untersuchung muss der Arzt direkt bezahlt werden, sonst werden arme Menschen nicht behandelt. Die im Deutschen als Kinderlähmung bezeichnete Erkrankung führt mitunter bis zu Lähmungserscheinungen, Verkrüppelungen bis hin zum Tod. Mit einem relativ günstigen Impfstoff für Schluckimpfungen hat man die Möglichkeit, die Polioviren unkompliziert einzudämmen.

Seit 30 Jahren läuft die Kampagne "End Polio Now", wie hat sich die Zahl der Erkrankungen entwickelt?

1985 war die Kinderlähmung weltweit sehr verbreitet, nämlich in weit über 100 Ländern. Zusammen mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Melinda- und Bill-Gates-Stiftung und den Rotary-Clubs ist es gelungen, die Zahl der Erkrankungen in den letzten 30 Jahren um 99,9 Prozent zu reduzieren. Als letztes Land in Afrika ist jetzt auch Nigeria seit einem Jahr poliofrei. Das ist ein riesiger Erfolg. Als poliofrei gilt ein Land, wenn drei Jahre lang keine Fälle auftreten. Übrig geblieben sind die beiden Länder Afghanistan mit sieben Fällen im Jahr 2015 und Pakistan mit bisher 29 Fällen. Seit dem Jahr 2000 konnten 20 Millionen Fälle verhindert werden.

Die Rotarier hatten sich das Ziel gesetzt, Polio schon bis zum Jahr 2005 auszurotten. Welche Hindernisse haben sich auf dem Weg dahin ergeben?

Es ist schwierig, mit den Impftrupps überall hinzukommen, auch in unsichere Länder, da es für die Mitarbeiter nicht zu einer Gefährdung kommen darf. Außerdem kann Polio auch schnell in europäischen Ländern ausbrechen. 1992/93 ist es in den Niederlanden zu einer Epidemie gekommen. Durch Reiseverkehr und Migration kann Kinderlähmung auch bei uns wieder auftreten. Da ist es wichtig, dass keine Impfmüdigkeit entsteht. Das Thema wird uns auch weiter beschäftigen. Aber auch beim Einwerben von Spenden muss man immer am Ball bleiben. Wenn man das eine Zeit lang unterlässt, fehlt schnell Geld.

Ist also die Gefahr der Ausbreitung durch den großen Flüchtlingsstrom gestiegen?

Vor etwa anderthalb Jahren traten einige Poliofälle in syrischen Flüchtlingslagern auf. Nur durch eine gewaltige Impfaktion in den Lagern konnte die weitere Ausbreitung verhindert werden. Deshalb empfiehlt das Robert-Koch-Institut ein frühzeitiges Impfen der Asylsuchenden nach ihrer Ankunft in Deutschland, damit ein individueller Schutz und eine Verhinderung von Ausbrüchen dieser Erkrankungen erreicht wird. Doch im Augenblick stoßen wir dort an unsere organisatorische Grenzen. Viele Flüchtlinge wissen nicht, ob sie geimpft sind, und oft haben sie keinen Impfpass dabei.

Durch welche Aktionen ist hier vor Ort Geld zusammengekommen?

2014 haben wir eine Sternfahrt nach Frankfurt gemacht. Auch eine Lotterie und drei Tombolas haben wir organisiert, wo jeweils 2000 Euro erzielt werden konnten. Dazu wurde viel Geld nach privaten Geburtstagsfeiern gespendet und jedes Mitglied hat in den Topf eingezahlt. Im Distrikt 1800 kamen durch die 77 Clubs weit über 100.000 Euro im Jahr zusammen. Allein in Celle waren es insgesamt 10.000 Euro in zwei Jahren. Das Bestechende an der Polio-Kampagne ist, dass die Melinda-und-Bill-Gates-Stiftung jeden gespendeten Euro verdreifacht. Die beiden Rotary-Clubs aus Celle haben durch großzügige Spenden in den vergangenen Jahren einen führenden Platz unter den Rotary-Clubs in Deutschland erreicht. Die einmalige weltweite Impfaktion war nur möglich durch großzügige Spenden, die allein durch die Rotary-Clubs 1,4 Milliarden Dollar einbrachten.

Wie geht es jetzt hier in Celle weiter?

In wenigen Wochen startet unsere neue Aktion "Deckel drauf". Dabei werden die Kunststoffdeckel von Ein- und Mehrwegflaschen, Shampoo-Flaschen, Zahnpastatuben, Tetra Paks oder auch die Verpackungen von Überraschungseiern gesammelt. Wir wollen ein paar Container aufstellen für besonders viele Verschlüsse und mit Schulen, Kindergärten und Geschäften zusammenarbeiten. Am Ende werden die Deckel an ein Unternehmen der Abfallwirtschaft verkauft. Für 500 Deckel bleibt ein Leben ohne Kinderlähmung.

Von Dagny Rößler