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Interview Interview in Celle: "Unbearbeitete Traumata haben Folgen für Kinder"
Mehr Interview Interview in Celle: "Unbearbeitete Traumata haben Folgen für Kinder"
17:18 08.09.2016
Quelle: Peter Bierschwale
Celle Stadt

Dr. Arafat, Sie haben eine Praxis in Peine und eine in Isernhagen-Süd. Haben Sie auch eine Beziehung zu Celle?

Ja, ich war fünf Jahre lang als Oberarzt für die Tagesklinik des Klinikums Wahrendorff im Alten Bremer Weg in Celle verantwortlich. Da habe ich damals viel über Celle und die Strukturen der Stadt kennengelernt und erfahren.

Ist Ihre Spezialisierung auf die Traumatisierung von Flüchtlingen von Ihrer eigenen Biografie beeinflusst worden?

Ja, ich weiß, was es bedeutet, ein Flüchtling zu sein. Ich kann mich gut in die Flüchtlinge einfühlen und eine gute Brücke zu ihnen schlagen. Außerdem kommt meine Schwiegermutter aus Schlesien. Auch diese Generation von Flüchtlingen litt unter unbearbeiteten Traumata. Wenn die Väter aus der Gefangenschaft zurückkamen, waren sie oftmals seelisch sehr belastet und die Frauen traumatisiert. Aber damals trauten sich viele nicht, über ihre Traumata zu sprechen. Und das zog viele Folgestörungen nach sich, das heißt, diese unbearbeiteten Traumata blieben nicht folgenlos für die Sozialisation der Kinder.

Sehen Sie Parallelen zur Situation der heutigen Flüchtlinge?

Grundsätzlich ja, aber die Situation ist natürlich ungleich schwieriger, wenn man aus einem ganz anderen Kulturkreis kommt. Die Flüchtlinge sollen möglichst schnell funktionieren, aber sie haben eine ganz andere Mentalität. Und man darf nicht vergessen, dass diese Menschen schlimmste Dinge erlebt haben, sei es der Erschießung von Verwandten oder Freunden, die Vergewaltigung von Frauen oder bedrückende Erlebnisse auf der Flucht. Da sind psychische Störungen entstanden, die bearbeitet werden müssen. Ich habe den Vorteil, mich mit den meisten Flüchtlingen auf Arabisch unterhalten zu können. Weil das Image der Psychiatrie im arabischen Raum noch negativ angehaucht ist, fällt es ihnen sehr schwer, über ihre Probleme zu reden. Die wenigsten möchten eine Therapie machen, sie suchen in mir eher einen Gesprächspartner, mit dem sie über ihre Belange reden können. Da spielt die Familie eine große Rolle, denn ein Araber fühlt sich oft nur dann wohl, wenn seine Familie um ihn ist. Frauen kommen selten allein nach Deutschland, wohl aber die jungen Männer. Die leiden darunter, dass sie alleine sind, und das kann mittelfristig zu einem Problem werden. Hier muss es vor allem darum gehen, die Situation zu ertragen.

Was fällt bei Flüchtlingen besonders auf?

Viele Flüchtlinge stammen aus Diktaturen, und ihre Erfahrungen sind etwas mit denen der DDR-Bürger vor der Maueröffnung zu vergleichen: Dort wurden den Bürgern viele Entscheidungen abgenommen, der Staat hat alles geregelt. Auf ähnliche Weise haben auch die Flüchtlinge die Erwartung, dass alles für sie getan wird. Dass sie selbst die Entscheidungen treffen und die Initiative ergreifen müssen, haben viele oft nicht gelernt.

Sie sprachen von der „mittelfristigen“ Gefahr von Problemen, die entstehen könnten...

Besonders junge Männer sind kaum in der Lage, über ihre Probleme und Gefühle, besonders ihre Ängste zu reden, sie schämen sich eher. Wenn ich jedoch so viele Probleme habe, aber niemanden, der mich versteht, dann können im Lauf der Zeit Aggressionen entstehen. Wenn man in der Fremde ist, sucht und braucht man einen Halt. Das kann die eigene Religion sein, aber da kann auch die Gefahr einer Radikalisierung entstehen. Diese sollte nicht unterschätzt werden, allerdings auch nicht überbewertet.

Wo sehen Sie Lösungen für den Umgang mit Flüchtlingen?

Geld allein löst keine Probleme. Statt den Politikern, die Ängste schüren, das Feld zu überlassen, sollte mehr auf die Kompetenz von Experten gesetzt werden. Die sollten sich zusammenschließen und gemeinsam nach Lösungen suchen.

Von Peter Bierschwale