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Interview Kinderspielplätze: Nicht abgezäunt wie im Ghetto
Mehr Interview Kinderspielplätze: Nicht abgezäunt wie im Ghetto
22:40 14.02.2014
Von Carsten Richter
Rolf von der Horst Quelle: Torsten Volkmer (Archiv)
Celle-Landkreis

Welchen Stellenwert haben Spielplätze heutzutage noch?

Spielplätze sind kein Auslaufmodell. Es ist ein folgenschwerer Irrtum, wenn Politiker Fakten und Zahlen einseitig interpretieren und sich davon leiten lassen. Wer also beispielsweise im Zusammenhang mit dem demografischen Wandel glaubt, Gelder und Investitionen zu Lasten von Kindern und Familien umverteilen zu müssen, schaut nicht einmal über den eigenen Tellerrand.

Was bedeutet das für die Infrastruktur?

Wir brauchen keinesfalls weniger Spielplätze. Noch wichtiger ist: Über diese explizit als geschützte und zum Spielen ausgewiesene Areale hinaus brauchen wir eine Umwelt, die generationenübergreifend Kommunikation und Begegnung, Bewegung und spielerische Aktivitäten besser ermöglicht.

Sie verleihen alle zwei Jahre den Deutschen SPIELRAUM-Preis. Wie muss ein guter Spielplatz aussehen?

Was er nicht sein soll: Ein ghettoartig abgezäunter Platz nach dem Motto: „Hier sollst du spielen, damit du woanders keinen Lärm machst!“ Keine Aneinanderreihung von Geräten, die wie abgestellte Möbel auf irgendeiner Fläche stehen. Stattdessen: Professionell gestaltete Objekte mit hohem Spielwert, eine harmonische Einbindung in den Freiraum, der mit Pflanzen, Geländemodellierung, Nischenbildungen motivierend und integrierend ist. Ein guter Spielraum ist ein komplexes Erfahrungsfeld zur Entfaltung der Sinne, ein Areal für Bewegung, ein kreativer Ort.

Wie beurteilen Sie den Zustand der Spielplätze im Landkreis Celle?

Da es bei den Kommunen bundesweit meist klare Vorstellungen und Regelungen zu den Themen Sicherheit, Kontrolle und Wartung gibt, weicht der Standard im Allgemeinen nicht nennenswert voneinander ab. Celle steht nicht schlechter da als der Rest des Landes.

2009 wurde das Niedersächsische Spielplatzgesetz außer Kraft gesetzt. Kommunen sind nicht mehr verpflichtet, in Baugebieten ab einer gewissen Größe Spielplätze zu errichten. Eine gute Entscheidung?

Jede Verordnung, die als Ausrede genutzt werden kann, planerisch die Hände in den Schoß zu legen, ist negativ zu bewerten. Das Problem liegt darin, dass häufig der große gesellschaftliche Stellenwert von Spielräumen für die soziale, gesundheitliche, aber auch kognitive Entwicklung von Kindern und Jugendlichen immer wieder verdrängt wird. Es ist ja viel leichter, sich moralisch über den Computer- und Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen zu entrüsten und pädagogische Institutionen in die Pflicht zu nehmen als dem selbst etwas entgegenzusetzen. Gute Spiel- und Bewegungsräume wären eine durchaus sinnvolle Antwort.

Vergangenes Jahr wurde im Nienhäger Baugebiet Bütenhorst ein neuer Spielplatz gebaut, vor allem durch das Engagement von Eltern. Heute werden Bäume für den Bau eines Piratenschiffs gefällt. Hat dieser Einsatz Vorbildcharakter?

Nicht, wenn damit gemeint ist, dass Eltern automatisch bessere Spielplätze bauen als Kommunen oder freie Landschaftsarchitekten. Das ist eher die Ausnahme als die Regel. Die gemeinsamen Aktivitäten von Eltern und Kindern beim Spielplatzbau stärken aber durchaus das Nachbarschafts- und Gemeinschaftsgefühl. Das wiederum ist sehr positiv. Wichtig ist, dass Eltern nicht stillschweigend das Fehlen von Spielräumen hinnehmen, sondern – wie in Nienhagen – aktiv werden. Gemeinden könnten sich hier wiederum einbringen, indem sie Elterninitiativen einen kompetenten Fachplaner an die Seite stellen.