Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Interview „Mut, um Menschen im Leid zur Seite zu stehen“
Mehr Interview „Mut, um Menschen im Leid zur Seite zu stehen“
11:17 11.11.2014
Von Gabi Trapp
Uwe Schmidt-Seffers Quelle: Alex Sorokin
Nienhagen

Wie finden Sie die richtigen Worte, wenn Sie eine Todesnachricht überbringen müssen?

Meistens werden wir als Pastoren oder Notfallseelsorger von der Polizei angefragt, ob wir sie bei der Überbringung einer Todesnachricht begleiten und dann den Angehörigen (manchmal in den nächsten Stunden) zur Seite stehen können. Meiner Erfahrung nach geht es in dieser Phase nicht darum, die richtigen Worte zu finden, sondern einfach da zu sein, die Seelennot auszuhalten, nächste Schritte zu klären. Dazu benötigt man keine besondere Ausbildung, sondern ein gebildetes Herz und den Mut, anderen Menschen im Leid zur Seite zu stehen.

Wird der Pastor noch gerufen, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt?

Ja, das geschieht, wenn Sterbende oder ihre Familienangehörigen sich trauen, über den Tod zu sprechen – und wenn der Glaube in ihrem Leben eine Bedeutung hat. Manchmal kommen Kinder und Enkel ans Sterbebett und wir feiern gemeinsam einen Gottesdienst mit Abendmahl. Oft sprechen wir mit den Angehörigen darüber, wie die Trauerfeier gestaltet werden soll oder welche Begräbnisform gewählt werden soll. Dabei können oft große Unsicherheiten ausgeräumt werden.

Sollten Kinder dabei sein?

Eindeutig ja. Als vor einiger Zeit eine alte Dame gestorben ist, war die ganze Familie zu Hause an ihrem Totenbett: Kinder und Kleinkinder, Nachbarn und enge Freunde. Wir haben gesungen, gebetet und Kerzen entzündet. Am Ende war der Raum hell von Kerzen und den Erinnerungen, die von den Angehörigen formuliert wurden. Ich glaube, dass diese Stunde auch eine Lebensübung für die Kinder war. Sie haben gespürt, dass sich Erwachsene ihrer Tränen nicht schämen müssen.

Wie verstehen Sie dann Ihre Aufgabe?

Wenn ein Mensch gestorben ist, zu Hause oder im Krankenhaus, begleiten wir die Angehörigen, indem wir den Abschied von dem Verstorbenen „gestalten“. In einigen Dörfern gibt es diese alte Tradition der „Aussegnung“ noch heute. In der Sprachlosigkeit und Unsicherheit, die manchmal herrschen, öffnen wir innere Räume, in denen Angst, Trauer, aber auch Dank und Erleichterung zum Ausdruck gebracht werden können. Wenn man so will, sind wir Wegbegleiter in schweren Stunden mit einer Botschaft, die gerade angesichts des Todes lautet: „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“

Wie begleiten Sie die Menschen, wenn ein Angehöriger im Sterben liegt?

Wir stehen als Seelsorger zur Verfügung, denen man Dinge anvertrauen kann, die man sonst mit keinem noch so vertrauten Menschen teilen möchte. Alle Gefühle, die sich um Sterben und Abschiednehmen ranken, sind häufig tabuisiert. Die biblischen Texte und Gebete sind häufig so etwas wie Hebammen, die helfen, Sorgen und Ängste, aber auch Hoffnungen zur Sprache bringen.

Was benötigen Menschen in Trauer am meisten?

Das wunderbare Wort „trösten“ bedeutet: festigen und stärken. Damit ist sehr genau die Richtung angezeigt, wie wir Trauernden begegnen können. Eine feste Umarmung ist immer gut – und ein Topf Suppe auch. Eine junge Frau, die ihren Mann verloren hatte, sagte mir, dass sie sich über die Suppe ihrer Nachbarin am meisten gefreut habe. Vielleicht ist aber die Geduld mit Trauernden das Wichtigste, das wir ihnen schenken können. Früher haben Trauernde ein Jahr lang schwarze Kleidung getragen. Das war auch ein äußeres Zeichen dafür, wie lange Trauer (mindestens) anhält. Oft sind auch das zweite Weihnachten, der zweite und dritte Geburtstag ohne den Partner oder ohne das Kind besonders schwere Momente. Ein großes Glück ist, wenn dann noch jemand da ist, der zuhört und mitfühlt.

Gibt es Trauerrituale? Können Sie welche empfehlen?

Als mein Schwiegervater im vergangenen Jahr hochbetagt gestorben war, hatten wir das Glück, als Familie an seinem Sterbebett sein zu können. Wir haben ihn gewaschen und mithilfe der Gemeindeschwester angekleidet. Nach der langen Sterbephase über die ganze Nacht haben wir am Morgen eine besondere Form der Erleichterung gespürt, wie es sie vielleicht nur in solchen Situationen gibt. Anschließend haben wir den Toten im Sarg im Wohnzimmer aufgebahrt und am nächsten Tag mit dem Pastor des Ortes die Aussegnung gefeiert. Der Stunden bis dahin waren stille Stunden mit der Möglichkeit des Zwiegesprächs mit dem Verstorbenen. Wir haben geweint und gelacht, Fotoalben angeschaut, die Uhren im Haus angehalten als Zeichen, dass die Trauerzeit eine andere Zeit ist. Insofern: Wenn wir in unserer Trauer eines brauchen, dann ist es Zeit.

Wie hilft der Glaube in dieser Situation?

Der Glaube ist eine Haltung dem Leben gegenüber, die es gilt, einzuüben und zu praktizieren. Im bekannten Psalm 90 heißt es: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden.“ Auch hier der Hinweis, dass es so etwas wie eine „ars moriendi“, eine Kunst des Sterbens, gibt. Theodor Fontanes „Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ wäre ein gutes Beispiel, wie ein Mensch „sein Haus bestellt“.

Wo und wie finden Menschen Halt, die nicht gläubig sind?

Diese Frage würde ich gerne beantworten können. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, wie eisenharte Materialisten mit dem Tod umgehen. Ein leerer Himmel produziert meiner Erfahrung nach auch eine spirituelle Leere. Das heißt aber nicht, dass man unreligiösen Menschen nicht als Mensch zur Seite stehen kann.

Interview: Gabi Trapp