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Interview Nach 26 Jahren in Celle: Der Sperber geht Baden
Mehr Interview Nach 26 Jahren in Celle: Der Sperber geht Baden
19:15 20.06.2017
Von Michael Ende
Ulrich Sperber wird künftig von Freiburg im Breisgau aus für unterdrückte Menschen kämpfen. Quelle: Oliver Knoblich
Celle Stadt

Herr Sperber, nach 26 Jahren in der Herzogstadt kehren Sie Celle nun den Rücken – warum?

Sicherlich werde ich mit Celle zahlreiche schöne und bleibende Erinnerungen verbinden: Ruderausfahrten auf der Aller, Konzerte unterschiedlicher musikalischer Ausrichtungen, Aufführungen im Schlosstheater, die Altstadt mit ihren Fachwerkhäusern und vor allem die Begegnungen mit vielen Menschen, die zu Freunden wurden. Jedoch: Über meinem Schreibtisch hängt ein im Celler Bahnhof aufgenommenes Bild einer E-Lok, die folgende Aufschrift trägt: „Nett hier – aber waren Sie schon mal in Baden(-Württemberg)?“ Und die ersten Zeilen im Badnerlied lauten völlig zurecht: „Das schönste Land in Deutschlands Gau'n – das ist mein Badnerland….“

Im Hauptberuf sind Sie Lehrer für Latein und Geographie am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gymnasium. Seit Jahrzehnten sind Sie auch Sprecher der Celler Gruppe von Amnesty International. Was hat sie damals bewegt, sich bei Amnesty zu engagieren?

Auf Amnesty bin ich 1985 aufmerksam geworden. Als junger Lehrer am Gymnasium Hankensbüttel lernte ich die Organisation kennen und ich merkte, dass da eine immens wichtige und sehr konkrete Arbeit geleistet wird, die nachweislich Erfolge bringt.

Sie kämpfen für die Rechte von Menschen auf dem ganzen Globus. Hat sich im Laufe der Jahre der Schwerpunkt ihrer Arbeit verändert?

Mit der zunehmenden Globalisierung hat sich das Aufgabenfeld von Amnesty wesentlich erweitert. AI wurde ursprünglich als „Gefangenenhilfsorganisation“ gegründet, jede Gruppe hatte einen „Adoptivgefangenen“, für dessen Freilassung sie sich einsetzte. Dieses Prinzip der Einzelfallarbeit zu Gunsten eines bestimmten gewaltlosen Menschen, der zu Unrecht inhaftiert ist, ist meiner Ansicht nach weiterhin ein fundamentaler Bestandteil unserer Arbeit. Aber Amnesty setzt sich heute auch allgemein für die Durchsetzung der Menschenrechte ein.

Wie sieht ein typischer Fall aus, um den sich Celler Amnesty-Mitglieder kümmern?

Für die Celler Gruppe war und ist die Einzellfallarbeit das Proprium unseres Engagements. Wenn uns vom Nationalen Sekretariat ein spezieller Fall übertragen wird, suchen wir den Kontakt mit den Behörden des Landes, in dem die betreffende Person inhaftiert ist. Wir schreiben Appellbriefe an die entsprechenden Stellen und bitten auch prominente Personen in Celle um Unterstützung.

Welche Möglichkeiten haben Sie, um unterdrückten Menschen zu helfen?

Unser wichtigstes Instrument ist der Stift, mit dem die Unterschrift auf den Appellbriefen geleistet wird. Je mehr Briefe im Zielland ankommen, desto größer ist die Wirkung. Der Gefangene wird aus der Anonymität geholt, jeder Brief ist ein Schritt gegen die Gleichgültigkeit.

Wie ist die Resonanz, auf die Sie stoßen?

Im Landkreis Celle beteiligen sich inzwischen über 120 Menschen an der regelmäßigen Aktion „Briefe gegen das Vergessen“. Hierbei werden jeden Monat zu besonders dringlichen Fällen Appellbriefvorlagen an einen Verteiler verschickt. Diese Aktion hat eine Erfolgsquote von nahezu 30 Prozent. Auch bei unseren Informationsständen zeigen die Celler erfreulich großes Interesse an unserer Arbeit.

Gibt es einen aktuellen Fall, der sie besonders bewegt?

Unser aktueller Fall ist der von Azimjan Askarov. Der kirgisische Menschenrechtsverteidiger verbüßt aktuell eine lebenslange Haftstrafe als Folge unfairer Gerichtsverhandlungen, nachdem er von Polizeikräften in Bazar-Korgon am 15. Juni 2010 festgenommen worden war. Die Verhandlungen und das Urteil beruhen auf Aussagen, von denen Amnesty glaubt, dass sie konstruiert wurden, um seine legitime Arbeit für die Menschenrechte zu stoppen. Er wurde wiederholt misshandelt und gefoltert. Azimjan Askarov befindet sich in schlechtem gesundheitlichem Zustand. Er dokumentierte seit mehreren Jahren Misshandlungen seitens des kirgisischen Polizeiapparates. Jetzt wird er in einer Untergrund-Einzelzelle im Gefängnis Nummer 47 in der Hauptstadt Kirgisistans, Bischkek, festgehalten. Wir fordern seine sofortige Freilassung.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis im Rahmen Ihres bisherigen Engagements für Amnesty?

Mehrere Gefangene, für die sich die Celler Amnesty-Gruppe eingesetzt hatte, befinden sich inzwischen in Freiheit. Einmal hatte ich die Gelegenheit, mit einem Menschen, für dessen Freilassung wir über zehn Jahre lang kontinuierlich gekämpft hatten, persönlich zu telefonieren, als er wieder zu Hause bei seiner Familie war. Er sagte: Ich habe die ganze Zeit von euch gehört, danke.

Nicht jeder interessiert sich für Menschenrechte. Was motiviert sie angesichts von Ignoranz und Desinteresse dazu, immer wieder weiter zu machen?

Es geht um Menschen, denen unbeschreibliches Unrecht widerfahren ist, nur weil sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch gemacht haben. Wenn Amnesty erfährt, dass ein Gefangener freigelassen wurde, ist dies eine hohe Motivation, sich für Inhaftierte zu engagieren. Wie wichtig dies ist, verdeutlicht die dramatische Situation in der Türkei, wo tausende Menschen, darunter zahlreiche Journalisten, willkürlich verhaftet wurden.

Bleiben Sie auch in Freiburg bei Amnesty aktiv, und wer tritt in Celle in Ihre Fußstapfen?

Selbstverständlich werde ich meine Arbeit fortführen und mich der Freiburger Amnesty Gruppe anschließen. Dort werde ich übrigens auf eine gute Bekannte aus Celle treffen, die vor zwei Jahren nach Südbaden gezogen ist. In Celle wird ein sehr erfahrenes Team, bestehend aus Gabriele Frech und Erhard Gumbrich, die Gruppenleitung übernehmen.

Die Schüler am KAV werden überrascht sein, wenn sie erfahren, dass „der Sperber“ sie verlässt. Was geben sie ihren demnächst ehemaligen Schülern mit auf den Weg?

Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem. Was immer du tust, mache es weise und bedenke die Folgen.