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Interview Nachgefragt bei den Celler Landtagsabgeordneten Thomas Adasch, Maximilian Schmidt und Jörg Bode
Mehr Interview Nachgefragt bei den Celler Landtagsabgeordneten Thomas Adasch, Maximilian Schmidt und Jörg Bode
14:01 26.11.2014
Quelle: Falk Prokop
Hannover

Waren Sie bei Beratungen zu diesem Thema im Landtag dabei? Wenn ja, wie ist die allgemeine Stimmung zum Antrag?

Schmidt: Ich habe an den Beratungen in unserer Fraktion teilgenommen und mich bei Kollegen über die Debatte im zuständigen Kultusausschuss informiert. Dort war die Diskussion wohl sehr sachlich – dies hat auch dazu geführt, dass man sich auf eine veränderte Fassung geeinigt hat, die breit getragen werden kann.

Bode: Wir haben festgestellt, dass sich die öffentlichen Diskussionen weit von dem entfernen, was in dem Antrag tatsächlich drin steht. Es geht nicht um Sexualkundeunterricht, Frühsexualisierung oder um Sexualpraktiken, sondern darum, Lebenswirklichkeiten abzubilden und Toleranz und Akzeptanz zu schaffen.

Welche Erfolgschancen sehen Sie für den Antrag in der vorgeschlagenen Form?

Adasch: Der Antrag wird voraussichtlich im Dezember im Parlament abschließend beraten. Klar ist, dass Rot-Grün am Ende eine Ein-Stimmen-Mehrheit im niedersächsischen Landtag besitzt und den Antrag in der vorgeschlagenen Form durchsetzen kann, ohne auf unsere aus meiner Sicht sinnvollen Änderungsvorschläge einzugehen, um damit parteiübergreifende Einigkeit bei diesem sensiblen Thema herzustellen.

Schmidt: Für den geeinten Antrag sehe ich sehr gute Chancen auf eine breite Mehrheit im Parlament. Neben SPD und Grünen hat sich auch die FDP klar und deutlich für den Antrag ausgesprochen. Und es zeichnet sich auch große Unterstützung außerhalb des Parlaments ab – so unterstützen zum Beispiel Familienverbände wie pro familia den Antrag, außerdem kam Rückenwind von Lehrergewerkschaften wie der GEW oder auch dem Landesjugendring und Landesschülerrat. Im krassen Gegensatz dazu stehen Proteste von wenigen Ewiggestrigen wie beispielsweise der AfD – was von der Seite veröffentlicht wird, ist abscheulich und diskriminierend.

Wie steht Ihre Fraktion zu dem Antrag?

Adasch: Die CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag lehnt den Antrag in seiner jetzigen Form ab und hat einen entsprechenden Änderungsvorschlag eingebracht. Schule hat die Gefahr vielfältiger Diskriminierung in unserer Gesellschaft aus meiner Sicht selbstverständlich zu thematisieren und jeglicher Ausgrenzung entgegenzuarbeiten. Dies umfasst nach meiner Meinung allerdings sämtliche Stigmatisierungen aufgrund von Herkunft, Glauben, persönlicher und auch sexueller Orientierung. Eine Verengung auf Einzelpunkte halte ich in diesem Zusammenhang daher für falsch.

Schmidt: Wir haben uns grundsätzlich dafür ausgesprochen, dieses Thema zu diskutieren, weil es zur Lebensrealität dazugehört – da hilft kein Verschweigen.

Bode: Wir werden diesen Antrag unterstützen. Für uns Liberale ist das selbstbestimmte und eigenverantwortliche Leben ein sehr hohes Gut, das es zu schützen gilt. Dazu gehört für uns auch, zu seiner sexuellen Identität stehen zu können und sein Leben nach den eigenen Vorstellungen leben zu können. Uns ist wichtig, dass unsere Schulen zu einem Ort der Toleranz werden.

Wie stehen Sie zu dem Antrag?

Adasch: Neben der bereits angesprochenen Verengung auf das Thema sexuelle Orientierung bin ich der Ansicht, dass Schule und Eltern gemeinsam eine alters-, kultur-, und glaubenssensible Sexualerziehung erörtern sollten, die verschiedene Formen des Zusammenlebens im Unterricht thematisiert, ohne Ehe und Familie als verfassungsrechtlich geschützte Lebensform der Beliebigkeit preiszugeben. Einer Einbeziehung von Gästen in die schulische Sexualerziehung stehe ich offen gegenüber, sofern reguläre Lehrkräfte diese Einheiten persönlich und inhaltlich begleiten, um so im Sinne der gesetzlichen Verantwortung von Schule im Hinblick auf Inhalt, Gestaltung und Aufsichtspflicht ihre pädagogische Vermittlungsfunktion wahrnehmen zu können. Die Verantwortung für den Inhalt von Unterricht muss ganz klar bei den Lehrkräften bleiben. Diese Klarstellung vermisse ich im Antrag von SPD und Grünen.

Schmidt: Ich finde es gut, dass bei dem Thema die Lebensrealität in unserer Gesellschaft ehrlich diskutiert wird. Die klassische Beziehung zwischen Mann und Frau ist der Regelfall und wird es auch bleiben, aber natürlich gibt es auch andere Formen der Partnerschaft. Darüber muss sachlich und sensibel aufgeklärt werden, aber es darf keine Beeinflussung geben. Und vor allem muss auf die Diskriminierung hingewiesen werden, die viele Menschen heute noch ertragen müssen. Kritisch sehe ich, wie feindlich bestimmte Gruppen außerhalb des Parlaments hier agieren. Das sind auch keine Konservativen, sondern schlicht Radikale: Die wollen die Gesellschaft spalten. Dafür habe ich nichts übrig.

Bode: Ich unterstütze die Schaffung von Toleranz und Akzeptanz für verschiedene Lebensformen und sehe darin einen großen Gewinn für unsere Gesellschaft. In einer freien Gesellschaft muss jeder die Möglichkeit haben, sich so entfalten zu können, wie es ihr oder ihm entspricht und wie sie oder er es sich vorstellt und für richtig hält. Kritisch sehe ich die Debatte um den Antrag. Hinter den Kritikern steckt für mich der Wille, das Thema politisch auszunutzen und mit falschen Argumenten Menschen zu verunsichern. Ich möchte deshalb noch einmal betonen, es geht nicht um Sexualkundeunterricht bzw. Frühsexualisierung oder um Sexualpraktiken, sondern darum, Lebenswirklichkeiten abzubilden und Toleranz und Akzeptanz zu schaffen.

Die Vorlage beinhaltet auch Fortbildungen und damit Mehrarbeit für Lehrer. Wie beurteilen Sie diesen Punkt auch im Hinblick auf den Klassenfahrt-Boykott der Gymnasiallehrer aufgrund einer extra Stunde pro Woche?

Adasch: Fortbildungen sind in jedem Berufszweig grundsätzlich sinnvoll und begrüßenswert, gerade in alters-, kultur-, und glaubenssensiblen Bereichen. Allerdings glaube ich an die Eigenverantwortlichkeit unserer niedersächsischen Schulen. Letztlich haben auch die Schulen ein Interesse daran, sich im Sinne ihrer Schüler beispielsweise im Rahmen von Schulprogrammen oder Antimobbing-Projekten mit der Vielfalt individueller Orientierung oder den Gefahren von Stigmatisierung auseinanderzusetzen. In der Gestaltung solcher Programme oder Fortbildungen müssen Schulen und Lehrerinnen und Lehrer nach meiner Überzeugung allerdings frei bleiben. Eine Verordnung diesbezüglich lehne ich ab.

Schimdt: Ich bin jede Woche im Gespräch mit Lehrkräften, die mir aus dem Schulalltag berichten – dabei geht es häufig auch um Vorfälle, die sich um Diskriminierung drehen, gerade im Umgang mit Handys und sozialen Netzwerken. Ganz wichtig sind deshalb die Fortbildungsangebote und eben die externe Unterstützung durch fachlich versierte Organisationen wie zum Beispiel Familienvereine. Das muss in den Schulalltag passen, jeweils in Abstimmung mit Schule und Eltern. Deshalb: Hier geht es nicht um Mehrarbeit, sondern um den verantwortlichen Umgang mit einem wichtigen Thema.

Bode: Nach wie vor halten wir die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung für den falschen Schritt und setzen uns auch immer noch dafür ein, dass die rot-grüne Landesregierung diese Beschlüsse wieder zurück nimmt. Wir sind dennoch der Meinung, dass Fortbildungen in diesem Bereich in erster Linie unseren Schülerinnen und Schülern zu Gute kommen und dabei helfen werden, für mehr Toleranz und Akzeptanz an unseren Schulen zu sorgen. Darüber hinaus stehen den Lehrerinnen und Lehrern Fortbildungstage zu. Im Zuge dessen sollte man vielleicht nochmal über weitere Anrechnungsstunden für die Lehrkräfte, die diese Fortbildungen absolvieren, nachdenken.

Von Johanna Müller