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Interview Nur Theorie heilt Celler nicht
Mehr Interview Nur Theorie heilt Celler nicht
17:34 20.03.2015
    Matthias Fink Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle Stadt

Welchen Stellenwert hat alternative Gesundheitsmedizin mittlerweile im Vergleich zur klassischen Schulmedizin?

Bereits in den 1990ern wurden in den USA von mehr Patienten alternative Verfahren in Anspruch genommen als der schulmedizinisch versierte Hausarzt. In Europa ist von einer ähnlichen Situation auszugehen, auch wenn hierzulande Studien zur Verbreitung fehlen.

Wie hat sich die Nachfrage entwickelt?

Dieser Trend setzt sich fort und hat zwei Ursachen: Erstens nehmen funktionelle Erkrankungen ständig zu, für deren Therapie die klassische Schulmedizin oft keine ausreichenden Antworten kennt, da sie aufgrund ihrer Entwicklung andere Aufgaben hat. Nämlich die Behandlung von Seuchen wie Infektionen, Krebs oder aktuell Ebola.

Sie sagen, wir leben in einem verbraucherorientierten Gesundheitssystem ...

Außerdem tragen die Medien zur Etablierung von alternativen Heilverfahren einen wesentlichen Teil bei: Denken Sie an die asiatische Medizin. Sie wurde nur durch die Medien so bekannt und beliebt. Und dann wieder fallen gelassen, allerdings völlig zu Unrecht. Und die Medien-Karawane zieht weiter, aktuell zur Osteopathie. Bis die Kassen es bezahlen, es dann zu teuer wird. Dann wird die Bezahlung gekürzt und das Thema ist vom Tisch, weil es kein Therapeut für fünf Euro durchführen wird. Sträflich.

Auf der Themenliste für morgen stehen auch: Schüßler-Salze, energetischer Vitalcheck, Schamanismus, Hochdosis Vitamin C, Gestalttherapie, Achtsamkeitstraining und Homöopathie. Wo ist Skepsis angebracht?

Im Wesentlichen geht es bei den meisten Verfahren um die Aktivierung von Selbstheilungskräften. Um Selbstheilungskräfte zu aktivieren, müssen Therapeuten metaphorisch gesehen eine „Heilsbotschaft“ vermitteln. Dafür ist es notwendig, dass sich ein Therapeut mit dem von ihm angewandten Verfahren identifiziert. Er muss nicht nur ein umfassendes theoretisches Wissen besitzen, sondern es muss auch eine tiefe innere Überzeugung für die Wirksamkeit des angewandten Verfahrens vorhanden sein, sonst begibt sich der Therapeut auf verlorenen Posten. Theorie alleine heilt niemanden. Welcher Therapeut zu welchem Verfahren Zugang findet, ist immer eine Frage des Versuchens und der vielen Jahre der Praxis. Es ist deshalb nicht ausschließlich eine Frage der spezifischen Wirksamkeit eines Verfahrens im wissenschaftlichen Sinne, sondern es müssen individuell immer Therapie und Therapeut als gemeinsames Wirkmodell verstanden werden. Deshalb ist es auch in der Regel nicht möglich, diese Verfahren im klassischen wissenschaftlichen Sinn mit plazebokontrollierten Studien zu überprüfen. Hier wird immer nur das Verfahren, aber nie ein individueller Therapeut mit seinem Verfahren überprüft.

Einige Kassen übernehmen inzwischen einige Leistungen. Sollten sich die Kassen noch weiter gegenüber Naturheilverfahren öffnen?

Das werden die Medien entscheiden. In der Schweiz haben sie das auch geschafft, dort ist die Komplementärmedizin im Grundgesetz verankert.

Es wird bemängelt, dass man bei den Krankenkassen zwar Listen für Ärzte und Psychotherapeuten findet, es aber keine Übersicht über ergänzende Therapieformen gibt. Ist die Kritik berechtigt?

In der Schweiz wurde ein Transparenzregister für CAM (complementary and alternative medicine) schon vor 15 Jahren eingeführt. Ich habe häufig mit diesem Register zu tun und finde es nützlich. Ich habe der deutschen Versicherungsindustrie vorgeschlagen, dass sie dies ebenfalls etablieren sollte. Dies ist ein Mammutprojekt. Hier besteht vonseiten der privaten Krankenkassen durchaus Interesse. Sie zahlen das meiste Geld, wissen aber nicht wofür. Die ersten Gespräche finden in der kommenden Woche statt.

Von Dagny Rößler