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Interview Ohne Level-1-Zentrum entsteht große Versorgungslücke
Mehr Interview Ohne Level-1-Zentrum entsteht große Versorgungslücke
16:39 19.11.2010
Interview der Woche: Martin Kirschstein Quelle: Peter Müller
Celle Stadt

Haben wir zu viele Level-1-Zentren in der Republik? Wo?

Ja, in den Ballungsgebieten zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen oder Baden-Württemberg sowie in vielen Großstädten. Zahlreiche „mittelgroße“ Städte wie Kiel und Hildesheim verfügen noch über zwei Level-1-Zentren zum Teil mit nur ein paar hundert Metern Abstand, obwohl eines vollkommen ausreichend wäre.

Was bedeutet das Level-1-Zentrum nicht nur für Celle sondern für die gesamte Region, wenn doch in Hannover schon die nächsten, größeren Zentren liegen?

Wenn die Level-1-Zentren in Lüneburg und Celle nicht mehr existieren, gibt es zwischen Hamburg und Hannover über 160 Kilometer für alle Schwangeren in der gesamten Lüneburger Heide und im Wendland keine hochqualifizierte stationäre Betreuung mehr. Frauen mit einer drohenden Frühgeburt müssten dann die Fahrt nach Hannover oder Braunschweig oder Hamburg antreten. Gerade in den letzten Tagen hatten wir aber Frühgeburten mit Kindern weit unter 1000 Gramm Gewicht zu verzeichnen, bei denen weder die Mütter noch Kinder eine längere Anfahrt zu einem weiter entfernten Perinatalzentrum überlebt hätten. Dank der sofort stattgefundenen hoch qualifizierten Versorgung hier vor Ort haben alle die Geburten gesund überstanden.

Was ist vor diesem Hintergrund von der „Rasenmähermethode“ zu halten, mit der nun Zentren, die eine fallstatistische Anforderung nicht erfüllen, geschlossen werden sollen?

Mit der „Rasenmähermethode“ werden Zentren von der höchsten Versorgungsstufe in der Betreuung von Schwangeren und Frühgeborenen ausgeschlossen, die zu den besten Einrichtungen bisher gehörten. Größe ist in der Medizin nicht immer mit besserer Qualität gleichzusetzen. Es wird bei den Perinatalzentren immer nur an die Frühgeborenen gedacht, obwohl es um zwei Fachgebiete geht: die Geburtshilfe und die Neonatologie. Ziel der Geburtshilfe muss es sein, Frühgeburten unbedingt zu verhindern. Mit Einführung einer Mindestmenge von Frühgeborenen wird aber das Zentrum belohnt, das am schlechtesten Frühgeburten verhindert. Dabei ist es gerade in der Versorgung von extremen Frühgeburten überhaupt nicht erwiesen, dass die Kinder in Einrichtungen mit mehr als 30 Frühgeburten pro Jahr überhaupt besser versorgt werden.

Wird die Perinatalmedizin in Celle demnach für ihre gute Arbeit bestraft?

Für seine hervorragende Arbeit in der Verhinderung von Frühgeborenen wird das Perinatalzentrum am AKH Celle bestraft. Deren Zahl der Frühgeburten wäre natürlich sehr viel höher, wenn wir bei der Verhinderung von Frühgeburten weniger erfolgreich wären. Trotz bester medizinischer Versorgung der Frühgeborenen, lassen sich mögliche spätere körperliche und geistige Behinderungen nicht immer vermeiden, daher wird in Celle auch weiterhin alles daran gesetzt, Frühgeburten zu verhindern.

Steht zu befürchten, dass durch ein fehlendes Level-1-Zentrum ein „Domino-Effekt“ eintritt und das AKH auch in anderen Bereichen in Zukunft unverschuldet qualitative Einbußen hinnehmen müsste?

Diese Befürchtung besteht zu Recht.

Was wäre ein aus Ihrer Sicht vernünftiger Ansatz, zur flächendeckenden Versorgung bei Risikoschwangerschaften?

Für jede Schwangere sollte ein Perinatalzentrum-Level-1 in einem Land wie Deutschland mit seinem existierenden Gesundheitssystem in bis höchstens einer Stunde erreichbar sein.

Gibt es inzwischen konkrete Pläne, wie die Perinatalmedizin in Celle gehalten werden soll und können vielleicht die Celler aktiv an einer Rettung des Level-1-Zentrums mitwirken?

Sowohl Vorstand wie auch die Chefärzte von Frauen- und Kinderklinik am AKH Celle setzen sich sehr stark sowohl persönlich wie auch über die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft und die Vereinigungen der Leitenden Ärzte beim Sozialministerium für den Erhalt des Level-1-Zentrums in Celle ein. Gemeinsam mit anderen Krankenhäusern ist eine Klage gegen den G-BA-Beschluss bei Gericht eingereicht. Die umliegenden Krankenhäuser unterstützen das AKH Celle in dem Bemühen, Level-1-Zentrum zu bleiben. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Celler Landtagsabgeordneten im Sozialministerium für das AKH Celle einsetzen würden.

Von Björn Schlüter