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Interview „Sie wollten mich töten“
Mehr Interview „Sie wollten mich töten“
14:46 18.07.2014
Rainer Eppelmann sitzt am 29.04.2014 in seinem Büro in Berlin. Der ehemalige Bürgerrechtler, CDU-Politiker und Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung ist Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa (zu dpa Mauerfallserie) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: Bernd Von Jutrczenka
Celle Stadt

Herr Eppelmann, Sie saßen acht Monate im Stasi-Gefängnis und überlebte drei Mordversuche. Wie blicken Sie heute auf diese Zeit zurück?

Ich schaue gar nicht so zurück, aber diese Erlebnisse sind natürlich in mir drin. Das Entscheidende für mich ist die Freude darüber, dass 17 Millionen meiner Landsleute die Chance haben, in einer Demokratie zu leben. Sie ist, trotz aller Mängel, das beste politische System. Unsere Kinder sehen die Demokratie heute als etwas völlig Normales an, dabei ist sie keinesfalls selbstverständlich. Indem ich mit den Nachgeborenen darüber spreche, verarbeite ich auch meine eigene Biographie. Die Demokratie ist so kostbar, dass man sie immer wieder stärken und aktiv mitgestalten muss. Das kann man nicht oft genug betonen.

Da Sie als „Bausoldat“ in der 60er-Jahren Ihrem Vorgesetzen den unbedingten Gehorsam verweigerten, wurden Sie verhaftet. Wie hat man Sie im Gefängnis behandelt?

Sehr geringschätzig. Das waren alles Menschen im DDR-Staatsdienst. Die haben uns als schlechte Bürger betrachtet. Zum Glück haben sie nicht Recht behalten. Wir wissen heute, dass ein Großteil der ehemaligen Waffendienstverweigerer nachher zu denen gehörten, die in den kirchlichen Friedenskreisen und den Menschrechtsgruppen aktiv waren. Viele von ihnen gingen auch in die Politik.

Haben Sie im Gefängnis an dem Vorhaben gezweifelt, weiter für die Demokratie einzustehen?

Die ersten drei Tage in der Haft waren schwer. Das Gefühl des Eingesperrtseins war schrecklich. Heute bin ich froh darüber, dass ich die Haft zu Ende gebracht habe. Nach drei Tagen habe ich gemerkt, dass sich meine Widerstandskräfte gut entwickelten. Als ich nach acht Monaten aus dem Gefängnis kam, bin ich angstfreier und furchtloser gewesen, als ich es ohne diese Zeit gewesen wäre. Wenn man weiß, warum man im Gefängnis sitzt, nämlich um sich, seinem Glauben und seiner Weltanschauung treu zu bleiben, geht man da gestärkt raus.

Sie haben sich damals immer wieder an Protestaktionen beteiligt. Daraufhin wurde ein Mordanschlag auf Sie verübt. Was ist damals passiert?

Ich saß in meinem Auto und mir wurde an einer Kreuzung die Vorfahrt genommen. Der andere Fahrer ist bei Rot gefahren und in mich hinein gekracht. Das Auto hatte einen Totalschaden und ich zwei angebrochene Halswirbel. Ich kam zum Glück gleich ins Krankenhaus, da stellte man fest, dass in meinen Händen und Füßen Lähmungserscheinungen anfingen. Ich wurde schnell operiert, ansonsten wäre ich heute wohl querschnittsgelähmt.

Danach kam es zu zwei weiteren Attentaten…

Einmal hatte ich Zucker im Tank, und das Lenkrad meines Dienstwagens wurde manipuliert. Ich fuhr mit meiner Frau und meinen vier Kindern einen Waldweg entlang, als ich plötzlich das Lenkrad in der Hand hatte. Ich fuhr zum Glück im Schritttempo und brauchte nur auf die Bremse drücken. Einen Tag vorher waren wir auf der Autobahn. Wir wären wohl alle ausgelöscht worden.

Wann wurde Ihnen bewusst, dass man Sie töten wollte?

Das habe ich später aus meiner Stasi-Akte erfahren. Die Akte sollte vernichtet werden, aber derjenige, der damit beauftragt war, bot sie dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ zum Kauf an. Heute bin ich froh, dass ich so naiv war und mir nicht vorstellen konnte, dass sie bereit sein würden, mich umzubringen. Hätte ich damals begriffen, dass es um Leben und Tod geht, hätte ich einige Aktionen sicher nicht gemacht. Ich hatte ja auch Verantwortung für meine Familie.

Von David Sarkar