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Interview Wenn aus Kindern „Ichlinge" werden
Mehr Interview Wenn aus Kindern „Ichlinge" werden
16:44 08.04.2013
Kinderpsychologe Stephan Valentin liest am Mittwoch in der Volkshochschule Quelle: Archiv Cz
Celle Stadt

Herr Valentin, in der Pro7-Castingshow „The Voice Kids" stellen sich acht- bis 14-jährige Kinder einer Pop-Jury. Als Sieg winkt ein Ausbildungsvertrag von 15.000 Euro. Was halten Sie davon?

Natürlich ist es der Traum vieler Kinder entdeckt zu werden. Es ist die Frage, ob diese Sendung entwickelt wurde, um wirklich das Talent der Kinder zu fördern, oder ob es ob nur darum geht sie auszunutzen. Wenn Kinder ohne Vorbereitung berühmt werden, ist das gefährlich. Vor allem wenn eigentlich die Wünsche der Eltern im Vordergrund stehen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass viele Eltern ihr Kind als „Investitionsobjekt" sehen. Das ist ein harter Vorwurf...

Eltern haben für ihr Kind schon einen Plan, bevor es geboren ist. So früh wie möglich soll es musikalisch und sportlich gefördert werden. Sie haben Angst, sonst als Rabeneltern gesehen zu werden, und dass ihr Kind ohne diese Förderung im Leben nicht bestehen kann. Langeweile kommt nicht mehr auf. Dabei ist die so wichtig, um kreativ zu werden. Man muss Kindern Raum geben, sich selbst zu entdecken. In meiner Praxis hatte ich einen vierjährigen Jungen mit Sprachstörungen. Und der erste Satz vom Vater war: „Wie soll der sein Abitur schaffen?"

Kinder und Jugendliche sind heute vielen Reizen ausgesetzt: Computer, Smartphone, Spielkonsole und Fernseher. Welche Gefahren entstehen dadurch?

Die Gefahr besteht, dass sich die Kinder in der virtuellen Welt verlieren. Doch hier können sie ihre sozialen Kompetenz nicht trainieren. Am Bildschirm wird ihnen eine Welt vorgeführt, in die sie keine Phantasie mitbringen müssen. Ein Computer ist ein kalter Gegenstand, der Gesellschaft vorgaukelt, wo keine ist. Ein Chat kann das Vieraugengespräch nicht ersetzen. Heute sitzen die Kinder auf dem Schulhof und jeder hat sein Smartphone in der Hand. Ein Austausch findet nur wenig statt. Eine traurige Entwicklung.

Von David Sarkar