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Mittendrin 90-Jähriger inventarisiert Bestände des Celler Bomann-Museums
Mehr Mittendrin 90-Jähriger inventarisiert Bestände des Celler Bomann-Museums
16:16 13.10.2016
Eine größere Sammlung alter Tabakspfeifen ist gespendet worden und muss aufgenommen werden. Quelle: Peter Bierschwale
Celle Stadt

Herrmanns langer Weg führte ihn in viele Gegenden Deutschlands, und dass er dann schließlich nach Celle kam, war eher zufällig. Geboren wurde er 1926 in Tangermünde und wuchs dort auch auf. Ab 1943 erging es ihm wie vielen seiner Generation: Einsatz als Flakhelfer, Arbeitsdienst, Einberufung zur Wehrmacht, Gefangenschaft. Als er dann im Juni 1945 aus der Gefangenschaft entlassen wurde, kehrte er nach Tangermünde zurück. Bedingt durch den Krieg, hatte er zunächst nur das „Notabitur“ erwerben können, aber Mitte 1946 konnte er dann das „richtige“ Abitur nachholen. Im Anschluss absolvierte er in der Magdeburger Börde eine landwirtschaftliche Lehre.

Doch nun wurde es schwierig für ihn, denn die DDR ließ ihn nicht studieren. Hermanns Vater war Prokurist bei einer Zuckerraffinerie, und Herrmann galt dadurch als „Kapitalisten-Sohn“. So verließ er die DDR und nahm an der TU München ein Studium der Landwirtschaft auf, dass er 1952 mit dem Diplom abschloss. Im Anschluss bekam er eine Stelle in der Futtermittelindustrie, eine Branche, in der er sein gesamtes Berufsleben verbringen sollte. Es folgte eine berufliche Odyssee, die ihn von Hamburg bis Kehl, von Offenbach bis Holzminden führte.

1955 hatte er seine Erika geheiratet, wenig später kamen die Kinder Malte und Annegret zur Welt. Die zahlreichen Wohnortwechsel, so Herrmann, hätten der Familie aber nichts ausgemacht. Als er schließlich für einen französischen Konzern Futtermittel nach Osteuropa liefern sollte, schaute die Familie nach einem strategisch günstigen Wohnort und suchte diesen dann im Großraum Hannover. Weil beide Ehepartner eine heimatliche Bindung an die Heide hatten, entschieden sie sich für Celle und kauften schließlich 1968 in Groß Hehlen ein Haus.

Aber Hermanns Leben bestand nicht nur aus Arbeit und Familie: Die Ehepartner einte ihre große Leidenschaft für das Tennisspielen. 1974 traten sie in den SC Vorwerk ein, zwei Jahre später übernahm Herrmann die Leitung der Tennisabteilung und dachte sich etwas Originelles aus: Erika und Hans Hermann waren zu der Zeit nicht mehr die Jüngsten, und so erfanden sie das „Turnier der Hundertjährigen“, was bedeutete, dass die antretenden Paare zusammen mindestens 100 Jahre alt sein mussten.

Diese Turniere wurden zum Erfolg, 25 Jahre lang wurden sie von Herrmann in Vorwerk organisiert, und zwar als Benefiz-Veranstaltung. Stolz berichtet er, dass aus dem Spendenertrag der insgesamt 35 Turniere zunächst 55.000 DM, und nach 2002 noch einmal 19.000 Euro an soziale Einrichtungen gespendet werden konnten. Dieses lange und erfolgreiche Engagement blieb nicht unbeachtet: Im Jahr 2002 verlieh ihm die niedersächsische Landesregierung, vertreten durch die damalige Sozialministerin Gitta Trauernicht, die niedersächsische Landesmedaille für sein Engagement im und für den SC Vorwerk.

Eigentlich war es nicht Herrmann gewesen, der beim Bomann-Museum eingestiegen war, sondern seine Frau. „Sie war von Beruf Zahntechnikerin und bastelte gern“, erzählt er. Ab 2005 arbeitete sie ehrenamtlich für das Bomann-Museum im Archiv.

Doch dann hatte das Bomann-Museum 2006 das Problem, gespendete landwirtschaftliche Gerätschaften inventarisieren zu müssen. Da war es nur konsequent, dass Erika Herrmann ihren Gatten als landwirtschaftlichen Experten für die Mitarbeit im Museum warb, und seither ist er dort tätig. Bei landwirtschaftlichen Geräten fiel dann nach einiger Zeit kaum noch Arbeit an, und so verlegte er sich zunächst auf das Archivieren von Zeitungsartikeln, „die der Chef wichtig fand“, so Herrmann.

Doch mittlerweile digitalisiert er die papiernen Karteikarten des Museums, und das sind nicht wenige. Ähnlich wie Büchereien mit ihren Batterien von Karteikarten-Schränken hat das Museum all seine Schätze seit seiner Gründung „erfasst, vermessen und später auch fotografiert“, erklärt Hermann. Inzwischen verfügt das Bomann-Museum natürlich über eine moderne Software, mit der es die Bestände erfasst. Auch die guten, alten Karteikarten müssen in dieses System eingespeist werden, aber dafür braucht es „Manpower“, die eben Herrmann spendiert.

Seine Tätigkeit beschränkt sich jedoch nicht nur auf Karteikarten, auch Altbestände aus dem Lager sowie Neuzugänge werden von ihm „beschrieben, vermessen und eingeordnet“, wie er sagt. Auf einem großen Tisch liegen gerade etwa 20 gut verpackte, historische Tabakspfeifen. Die stammen von einer Sammlung der Welfen aus der Marienburg und sollten versteigert werden, was aber bei Sotheby´s nicht gelang. Daher gelangten diese Tabakspfeifen als Spende zum Bomann-Museum. Herrmann braucht für die Aufnahme so einer Sammlung etwa vier Stunden. Kürzlich hat sich das Bomann-Museum im Rahmen einer kleinen Feierstunde für sein zehn Jahre langes Engagement bedankt.

Im Jahr 2012 wurde Hermann Witwer und wohnt seitdem allein in seinem Haus in Groß Hehlen. Er hat zwar neben seinen beiden Kindern mittlerweile noch drei Enkel, aber diese beiden Familien wohnen weit entfernt von Celle, so dass der Kontakt hauptsächlich durch Telefonate aufrechterhalten werden muss.

Nach dem Tennis, das er wegen einer Hüft-Operation aufgeben musste, gehörte seine Leidenschaft dem Fahrradfahren und dem Wandern. Hermann hatte früher schon mit seiner Frau „große Touren“ quer durch Europa unternommen. So wanderten sie in zehn Tagen um den Montblanc, überquerten die Alpen von Oberstdorf nach Trient und radelten von Celle nach Offenburg. Auch heute fährt Herrmann noch viel Fahrrad und freut sich, dass er ohne E-Bike auskommt. „Wenn ich manchmal in Celle unterwegs bin, mache ich sogar einen Umweg, um den Harburger Berg zu vermeiden“, erklärt er verschmitzt.

Lebenslauf

25. Juni 1926 in Tangermünde geboren und aufgewachsen

1943 bis 1945 Flakhelfer, Arbeitsdienst, Einberufung Wehrmacht, Gefangenschaft

1946 bis 1948 landwirtschaftliche Lehre

1949 bis 1952 keine Möglichkeit zu studieren, Wechsel in den Westen. Studium in Bayern, Abschluss „Diplom-Landwirt“

1955 Heirat mit Erika, zwei Kinder (Malte und Annegret)

ab 1968 Tätigkeit für einen französischen Konzern, Verkauf von Futterzusatzstoffen in Mittel- und Osteuropa, Umzug nach Celle

1989 Ruhestand

2012 verwitwet

seit 2006 ehrenamtliche Tätigkeit für das Bomann-Museum

Von Peter Bierschwale