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Mittendrin 90 Jahre auf Papier: Karl-Heinz Thölke schreibt seine Lebensgeschichte auf
Mehr Mittendrin 90 Jahre auf Papier: Karl-Heinz Thölke schreibt seine Lebensgeschichte auf
16:42 13.03.2012
Karl-Heinz Thˆlke Quelle: Peter M¸ller
Celle Stadt

Exakt aufeinander gestapelt liegen sechzehn Seiten beschriebenes Millimeterpapier vor Karl-Heinz Thölke. Auf beinahe jeder Seite finden sich Bilder aus alten Zeiten, der Großteil in schwarz-weiß gehalten. Bildunterschriften klären den Leser über die Motive und abgebildeten Personen auf.

In fein säuberlicher Schreibschrift hat der 90-jährige Celler seine Biografie verfasst. Der Malermeister im Ruhestand studierte Schrift an der Meisterschule für gestaltendes Handwerk. Sein Können zeigt sich auf dem Papier, gleichmäßig geschwungen zieht sich die Schreibschrift über die Seiten, wirkt fast wie gedruckt.

„Die Idee, meine Biografie zu schreiben, hatte ich schon Ende der 40er Jahre, als ich an der Meisterschule in Hannover lernte“, erläutert Thölke seine Ambition. „Bei einem Studienkollegen sah ich, dass er angefangen hatte, seine Biografie zu schreiben.“ Das beeindruckte den jungen Mann damals und er nahm sich vor: „Das werde ich auch einmal machen.“

Über die Jahre machte sich der zweifache Familienvater Notizen, um später, im Ruhestand, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Vor drei Jahren war es dann soweit: Er schrieb die ersten Zeilen seiner nun 16-seitigen Biografie.

„Die Biografie ist vor allem für meine Enkel und Urenkel. Sie sollen wissen, wo sie herkommen.“ Mittlerweile sieben Enkel und vier Urenkel dürfen sich über dieses außergewöhnliche Geschenk freuen. Auch Thölkes Kinder Wolfgang und Christine erhalten eine Kopie der handschriftlichen Lebensgeschichte. „Alle aus meiner Familie freuen sich über die Biografie“, sagt Thölke.

Ein kleiner Teil fehlt jedoch noch, um seine Memoiren zu vervollständigen. Zurzeit arbeitet der gebürtige Celler an einem Kriegstagebuch. Auch das schreibt er per Hand. „Zuerst mache ich eine Rohfassung. Beim Durchlesen entdecke ich dann Fehler oder mir fallen Dinge ein, die ich vergessen habe.“ Anschließend tippt der rüstige Rentner alles auf dem Computer ab. „Da bin ich fit“, erzählt Thölke stolz. Tochter und Enkel haben ihm den Umgang mit dem PC beigebracht. Auch Auto fährt er mit seinen 90 Jahren noch: „Ich fühle mich sicher.“

Seine Geschichte hat Thölke chronologisch erzählt. Er beschreibt seine Kindheit und Jugend in Celle, die von der Arbeitslosigkeit seines Vaters in den 20er Jahren geprägt war. „Es war schwierig“, sagt Thölke rückblickend.

Gespickt sind die Erinnerungen mit Geschichten über „Celler Originale“. „Ich erinnere mich noch gut an die Fischhändlerin Frau Wisch aus der Neustadt, die einmal in der Woche in unser Wohngebiet kam und Heringe verkaufte“, sagt Thölke, der heute in Wietzenbruch wohnt. Auch die Milchlieferung mit Pferd und Wagen durch Milchmann Hilbig war für den kleinen Jungen beeindruckend, genauso wie der Tanzbär, der von einer Gruppe Zigeuner umhergeführt wurde.

1936 wurde es für den damals 14-Jährigen ernster. „Wir konnten uns nicht für die Braunhemden begeistern, also sind meine Freunde und ich in die Marine HJ eingetreten.“ Im selben Jahr begann er eine dreijährige Malerlehre. Nach erfolgreichem Abschluss wurde er anschließend von den Nationalsozialisten dienstverpflichtet, wurde Maler für Dienstwohnungen der Marinesiedlung bei Eschede.

1941 zog Thölke in den Krieg, meldete sich für die Marine. Seine Grundausbildung fand in Wesermünde, dem heutigen Bremerhaven, statt. „Ich wollte Funker werden, dafür wurde ich dann zur Funkerschule nach Aurich abkommandiert“, erzählt Thölke. Er durchlief zwei Lehrgänge und konnte danach 130 Buchstaben in der Minute morsen. „Die Funkerprüfung schloss ich mit ‚Sehr gut‘ ab.“

Danach fuhr Thölke auf der Ostsee auf Minenlegern mit. Er erlebte viele kriegerische Auseinandersetzungen, sein Schiff musste mehrmals aus brenzligen Situationen entkommen. "Ein Mal wurde unser Schwesternschiff vor Lettland direkt neben uns bombadiert." Die Besatzung von Thölkes Schiff reagierte schnell – und überlebte. Doch es gab auch schöne Momente, die den Krieg für einige Momente in den Hintergrund treten ließen: „Von Oslo nahmen wir Marinehelferinnen auf unserem Schiff mit, eine von ihnen war schwanger. Das Kind wurde auf dem Schiff geboren und unser Sanitätsdienst musste Hebamme spielen“, erinnert sich Thölke und lacht. „Das war ein Ereignis.“

Nach Kriegsende kam er zurück nach Celle, zu seiner Frau Ilse. 1952 gründete Thölke ein Malergeschäft. „Während des Baubooms in den 50er Jahren hatte ich sehr viel Arbeit.“ Es ging wieder aufwärts.

Zufrieden streicht Thölke über die Seiten seiner Biografie. Die Kriegserlebnisse haben ihn geprägt, vielleicht ist dieses Kapitel seines Lebens auch deswegen das letzte, noch fehlende in seinen Memoiren.

Amelie Thiemann

Von Amelie Thiemann