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Mittendrin Albrecht-Thaer aus Celle: "Botanik war mir zu steril"
Mehr Mittendrin Albrecht-Thaer aus Celle: "Botanik war mir zu steril"
17:40 06.07.2017
"Als Jugendlicher liebte Thaer das Abhängen", erzählt der Sekretär der Albrecht Thaer Gesellschaft Celle, Georg Hassenpflug, über den Begründer der modernen Landwirtschaft in Deutschland. Quelle: Dagny Siebke
Celle Stadt

Ihre beiden Gesellschaften fördern die Restaurierung der Gedenktafel am Geburtshaus Albrecht Thaers. Einfache Frage: Warum?

Terkamp: Thaer hatte in seiner Zeit reformatorische Gedanken, über die die Menschen heute durchaus nachdenken sollten. Beide Gesellschaften sehen es als ihre Verpflichtung an, das Erbe Thaers aufrechtzuerhalten, denn die Landwirtschaft braucht eine Akzeptanz im gesellschaftlichen Raum.

Herr Hassenpflug, Ihnen ist bekannt, dass Albrecht Thaer in diesem Haus geboren wurde. Was wissen Sie noch?

Hassenpflug: Als Jugendlicher liebte Thaer das Abhängen oder Chillen, wie man heute sagt, und so schwänzte er den regulären Schulunterricht oft und verbrachte die freien Stunden mit seinen wohlerzogenen, aber ausschweifenden Freunden in Wirtshäusern und Spielsalons.

Was sagten seine Eltern dazu?

Hassenpflug: Seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Als Sohn des Hofmedicus Dr. Johann Friedrich Thaer genoss er Privilegien.

Zum Beispiel?

Hassenpflug: Der junge Thaer bekam von seinem Vater Privatstunden in Mathematik, Historie, Naturgeschichte, Anatomie und Botanik finanziert. 18-jährig begann Thaer 1770 ein Medizinstudium an der Hannoverschen Landesuniversität in Göttingen. Während des Studiums beschäftigte er sich weit über das geforderte Maß hinaus mit der Anatomie. Auch seiner Neigung, Krankheiten zu beobachten, ging er sehr intensiv nach. Thaer war ein hochbegabter Student und konnte in Göttingen in kurzer Zeit große Erfolge erzielen. Bereits 1774 schloss er sein Medizinstudium ab. Seine Dissertation wurde über die Landesgrenzen hinaus bei Medizinern anerkannt.

Als Arzt kehrte er aber nach Celle zurück?

Hassenpflug: Richtig, das war 1774. Er unterstützte seinen Vater in dessen Celler Arztpraxis. 1778 wurde er zum Stadtphysikus und Zuchthausarzt bestellt. 1780 erhielt er den Titel Hofmedicus verliehen. Er leitete damit die Apotheken der Stadt und die Hebammenschule. Aufgrund seiner ärztlichen Erfolge ernannte ihn der Kurfürst von Hannover, Georg III., zugleich König des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland, 1796 zu seinem Leibarzt.

Thaer fühlte sich aber als Mediziner nicht wohl in seinem Beruf. Viele seiner Patienten litten Hunger und waren unterernährt.

Hassenpflug: Ja, Thaer strebte danach, Ursachen zu beheben und nicht an den Folgen rumzudoktern. So wandte er sich mehr und mehr seinen botanischen Neigungen zu und beschäftigte sich in seiner Freizeit mit der Blumenzucht und praktischer Landwirtschaft sowie dem Studium der verfügbaren Fachliteratur. Dabei wurde seine Leidenschaft für die Landwirtschaft immer größer. Er wurde 1780 Mitglied der Königlich-Kurfürstlichen Landwirtschaftsgesellschaft zu Celle und kaufte 1786 am Rande der Stadt ein 133 Morgen großes Stück Ackerland, bekannt als „Thaers Garten“, um hier seine wissenschaftlichen Beobachtungen und Experimente zur Bodenfruchtbarkeit zu intensivieren. Aufgrund seiner bemerkenswerten Entdeckungen auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Agrarkultur gilt Albrecht Daniel Thaer als Begründer der modernen Landwirtschaft in Deutschland.

Dazu haben Sie, Herr Terkamp, ein interessantes Zitat gefunden?

Terkamp: Richtig, Thaer schreibt zum Umzug 1786 aus der Stadt Celle in den Thaers Garten: „Ich war Botaniker, Blumist und Gärtner – aber Botanik war mir zu steril, das Blumenbeet war mir zu klein, ein Garten zu eng und einförmig, also ward ich Landwirt in den Stunden meiner Muße und ruhte hinter dem Pfluge aus von meiner Arbeit.“

Wie ging es dann weiter?

Terkamp: Er gründet in Möglin eine landwirtschaftliche Gesellschaft. Thaers vier Elemente des Gewerbes Landwirtschaft waren die Arbeit, das Kapital, der Grund und Boden und die Intelligenz des Betriebsleiters. Dass diese vier Faktoren im richtigen Verhältnis beisammen seien, ist laut Thaer die notwendige Bedingung der höchstmöglichen Produktion und des größten reinen Ertrages. Unter heutigen Gesichtspunkten würde man noch hinzufügen können: die Akzeptanz der Gesellschaft. Albrecht Daniel Thaer würde uns heute eine Antwort auf viele Fragen geben können. Er würde uns an seiner Erfahrung teilhaben lassen, dass es eine Lehre von Jahrhunderten sei, zu verstehen, wie essenziell ausreichende Ernährung für das friedliche Miteinander der Weltgemeinschaft ist.

Damit benennen Sie einen ganz aktuellen Zielkonflikt – zwischen Produktivität, Tierwohl und Umweltschutz?

Terkamp: Mit dem starren Ordnungsrecht wird es uns nicht gelingen, Lösungsansätze zu finden, weil diese Möglichkeiten auch beim besten Willen die Vielfalt lokaler Gegebenheiten nicht widerspiegeln können. Deshalb sind vielmehr individuelle und standortangepasste Lösungen des einzelnen Landwirtes vor Ort in seiner Region gefordert. Bedenken Sie: 2030 steht die globale Landwirtschaft vor der Herausforderung, Lebensmittel für zirka neun Milliarden Menschen bereitzustellen. Im gleichen Zeitraum wird global pro Kopf die verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 2200 Quadratmeter im Jahr 2015 auf rund 2000 Quadratmeter im Jahr 2030 zurückgegangen sein.

… also?

Terkamp: Die Produktivität muss gesteigert werden. Gleichzeitig aber müssen die mit der Landwirtschaft verbundenen Umweltschäden reduziert und die Nutztierhaltung so organisiert werden, dass sie von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragen wird. Jede einzelne dieser drei Aufgaben bedarf für sich genommen bereits einer gewaltigen Kraftanstrengung.

Von Lothar H. Bluhm